1001 Nacht

 

 

 

Vielleicht stimmt diese Aussage: “So sind sie, die Scheichs” auch gar nicht mehr.

 

Mitte der Achtziger jedenfalls war einmal monatlich „Mädeltreffen“ angesagt.

 

Die Teilnehmer der teilweise ausschweifenden Unternehmungen waren:

 

Die B., groß, etwas rundlich, kurz geschnittene, braune Haare … und traumhaft schöne, große, dunkelbraune Kulleraugen mit superlangen Wimpern. Ihr Blick hatte immer etwas Melancholisches, aber: ‚das Schwein lügt’, wie sie in Abwandlung zu ‚der Schein trügt’ zu sagen pflegte. Und so war sie auch. Eigentlich eher ziemlich straight.

 

Die H., so groß wie ich – also eher klein, schlank mit allerdings den genau richtigen Proportionen da, wo der Mann sie gemeinhin wünscht, blond gefärbte Haare, die in wilden Locken, nur scheinbar ungeordnet, sich um ein ansprechendes, oval geschnittenes Gesicht wuseln, braune, mandelförmig geschnittene Augen, die ständig lachten, weil die H., die verstand Spaß, weil das Leben in vollen Zügen genoss.

 

Ja, dann war da noch sporadisch die A. mit dabei, eine Buchhalterin, der man gleich ansah, welchen Beruf sie ausübt und dass bei ihr auch Kleinigkeiten sofort gebucht und gegebenenfalls abgeschrieben werden.

Vom Aeusseren her eher nicht so ansprechend, kühl, distanziert, die Hüften weit ausladend bei einer imposanten Koerpergroesse.

Unser Bodyguard eben.

Na, ja. Und ich. Beschreibung entfällt, weil ich mich nicht mehr erinnere;).

 

H. und ich waren einige Jahre in der Werbebranche tätig, was an unserer lockeren Art (Hunde, die laut bellen) leicht auszumachen war. Nie auf den Mund gefallen, bedeuteten gerade für uns beide die ‚Mädeltreffen’ eine Sight-Seeing Tour durch die Bandbreite menschlichen Seins und Handelns.

Was die Erkenntnisse betraf: Open End.

Wir alle waren neugierig, lustig, lebensfroh, alles war spannend es galt, alles zu entdecken.

 

Einmal ins 1001 Nacht, eine Bar im Hilton, von der wir gehört hatten, dass dort die Haute Voile abstieg, das hatten wir uns vorgenommen. Die Männer auf und während der Pirsch zu beobachten und ein ganz klein wenig zu animieren.

*Den Marktwert testen*. So nannten wir das. Und so handhabten wir unsere Touren.

 

Im 1001 Nacht angekommen, sind wir von der Einrichtung doch irgendwie beeindruckt. Alles weiß gehalten, die Bar Gold und Silber (echt?) gestaltet, eine luxuriöse, gemütliche Höhle in einer Wüste. Phantasie ist alles.

Das Publikum, welches zu 95 Prozent aus Männern, offensichtlich Geschäftleuten aus der ganzen Welt besteht … na ja … also, wir wollten ja Spaß haben. Ob das hier möglich ist? Hm. Leise Zweifel überkommt jede von uns, da wir uns – ohne es einzugestehen – irgendwie fehl am Platze fühlen.

 

Da uns die Musik jedoch gefällt, bestellen wir Cocktails, auf die Preise achten wir nicht, wir wollen Spaß haben und uns zumindest ‚einstimmen’ … auf dass, was hoffentlich kommt.

Hoechstens drei gehen immer auf die Tanzfläche, die vierte achtet auf die Taschen (unbedingtes Accessoire in den Achtzigern).

H. und ich, die unentwegt auf der Tanzfläche sind … wir brauchen dann doch mal eine Pause, und gehen zu den anderen beiden Mädels an den Tisch.

Ganz viele Cocktails stehen nun dort. Ich habe noch nicht einmal den ersten ganz getrunken. Sieht aber gut aus. Ich mache mich an die „Arbeit“.

B. und A. klären uns auf: wir haben Fans.

Mit einem viel sagenden Blick deutet B. in eine bestimmte Richtung.

Aha. In einer Wölbung sitzen vier Männer. Zwei von ihnen, die auch ständig zu unserem Tisch sehen, tragen schwarze Anzüge, die beiden anderen weiße, schlichte Gewänder und so’ n komisches Tuch auf’ m Kopp. Viel auffallender jedoch sind die Uhren, die sie tragen. Sehr offensichtlich Rolex, Date Just, wie ich mit Kennerblick registriere, denn auch mein „Wecker“ ist nicht von Pappe.

Sie allerdings würdigen uns keines Blickes.

 

Na, und. Lecker Cocktails. Eingeladen wurden wir auch. Wird bestimmt ein sehr angenehmer Abend. Mit einem distanzierten Nicken grüsse ich dankend in die Ecke und nehme mir vor, alle mir am Abend spendierten Cocktails zu vernichten.

Distanziert, aber durchaus freundlich wird mein Dank erwidert. Von den zwei Männern in den schwarzen Anzügen.

 

„Boah, Gabi. Das hast Du aber geübt. Sah richtig gut aus, wie Du Dich bedankt hast“, meint H. und lacht schallend.

Ich muss dazu sagen, dass die Mädeltreffen immer begleitet wurden von schallendem Gelaechter. Kichern war nicht unser Ding. Wir waren jung und selbstbewusst, verdienten gutes Geld und das zeigten wir. Why not.

H., deren Augen nun vor Lachen blitzen, ahmt meine Art des Dankes nach, die anderen beiden tun es ihr gleich.

Wir lachen, sehen uns aber vor, nicht loszuprusten, da uns durchaus bewusst ist, dass wir mittlerweile ordentlich alkoholisiert sind.

Zwischendurch immer wieder rauf auf die Tanzfläche. Ein Amerikaner und ein Engländer, mit denen wir in der Form kommunizieren, dass wir uns gegenseitig ins Ohr schreien, tanzen mit uns, was nicht direkt ersichtlich ist, da wir eigentlich alleine, so für uns, zappeln.

Die Musikrichtung ändert sich. Blues ist angesagt.

Nie, dafür gehe ich nicht aus. Und Blues, noe, ich bin doch keine Vierzehn mehr.

Ich verlasse die Tanzfläche. H., die jetzt offenbar dem Amerikaner erklärt, warum auch sie ‚auf Blues’ nicht tanzen will, kommt leicht verzögert und irgendwie auch leicht verärgert zum Tisch zurück.

Die beiden Männer aber lassen nicht locker. Sie kommen an unseren Tisch und bitten nochmals darum, mit H. und mir tanzen zu dürfen.

Nein, vielen Dank. Höfliche, aber bestimmte Absage.

Da sich eine ungewollte Diskussion abzeichnet, schreitet A., unser ‚Bodyguard’ ein. Halleluja, können ihre grünen Augen kalt gucken.

Die Eiseskälte kann den Hitzestau der beiden Männer jedoch kaum mildern. Sie laden zu einem Getränk ein (ooch, nee, danke, wir machen mal eine Pause), zum Essen, zum erneuten Tanz. Sie lassen nicht locker.

Sie nerven und wir überlegen, ob wir den bis dahin gelungenen Abend in eine andere Location verlegen sollen.

Die beiden Männer in den schwarzen Anzügen kommen nun an unseren Tisch.

Sie sprechen mit den anderen beiden auf eine angenehme Art und Weise, woraufhin sich diese auch kultiviert zurückziehen.

Jetzt sind wir wirklich dankbar, zeigen ein ehrliches und befreites Lächeln und erhalten mit wenigen Worten der Erklärung, die aber auch so gar keine Fragen offen lässt, je eine Visitenkarte. H. und ich.

Ich sehe auf meine Visitenkarte, H. auch. Welchen Gesichtsausdruck ich habe, weiß ich nicht, aber er ist bestimmt dem H.’ s sehr ähnlich.

 

„Ich gehe mal zur Toilette. Kommst Du mit, H.?“ Abgesehen davon, dass Frauen eher selten alleine zur Restaurant/Disko (oder whatever)-Toilette gehen … H. muss auch ganz dringend.

Im WC-Raum des 1001 Nacht sehen wir uns an. Prusten wie Teenies drauflos. „Pass mal auf, Gabi, das wird unsere Karriere-Chance schlechthin“, meint H. augenzwinkernd.

B., kommt dazu und fragt: „Haben meine Ohren recht vernommen? Oder bin ich gerade in 1001-Nacht?“ Vollkommen uebermuetig schütten wir uns aus vor Lachen. „Na, ja, die etwa 17. Frau in einem Harem … vielleicht sollte man rein Interesse halber mal der Einladung folgen?“, schüre ich unser vollkommen albernes Verhalten.

Wir kreischen und trampeln mit den Füssen auf den Boden, die Tränen rinnen uns nur so die Wangen hinunter.

Wenn Frauen sich so richtig ausgelacht haben, folgt in der Regel ein gaaanz langer Seufzer, der nicht selten orgiastischen Charakter hat.

Und dann sind Frauen in der Regel erst mal wieder voll da.

Wir überlegen nun ernsthaft: sollen wir der Einladung folgen und den ‚schwarzen Männern’, die offensichtlich richtige Bodyguards sind, in die angegebene Suite im wat weiß ich wievielten Stock folgen?

Ich bin nicht mehr ganz so lustig unterwegs, da höre ich H. auch schon sagen: „Ja, klar, gehe ich da hin. Was soll uns denn passieren? Hier im H., einem der angesehensten Häuser. Mach, was Du willst, Gabi, aber ich guck’ mir das mal an.“

 

Derart unter Druck gesetzt und auch im Bewusstsein, dass ich ganz offensichtlich zu diesen kleinen Kläffern gehöre, die – Schleifchen im Fell über den Augen - unentwegt Aufmerksamkeit heischend/bellend durch die Gegend laufen, sage ich auch schon: „Ich bin dabei. Wir sollten A. bitten, so lange auf unsere Taschen aufzupassen und auch fragen, was sie davon hält.“

 

„Puh, Gabi“, macht H., die wesentlich Lebenserfahrenere von uns allen, „Du glaubst nicht wirklich, dass so einer  u n s e r  Geld will? Der hat eine Date Just mal locker am Arm und zwei Schnufies, die für ihn die Frauen klarmachen. Verstehst Du das?“ „Nee, nicht wirklich“, antworte ich nun wesentlich gedämpfter in meiner Albernheit.

 

B., die mit den großen, braunen Augen sieht mich ernsthaft-melancholisch an: „Passiert schon nichts, Gabi. Ist doch nur ein Spaß.“

 

Wir gehen zurück an den Tisch. Soviel kann ich gar nicht (mehr) saufen, um meine Unvoreingenommenheit, meine mir angeborene Leichtigkeit wiederzuerlangen. A., die soviel in ihrem ganzen Leben noch nicht erlebt hat, wie sie versichert, meint ebenfalls, dass H. und ich der Einladung folgen sollen.

 

 

© Gabililith

 

Teil 2 folgt … falls Interesse