1001 Nacht  Part II.

   

Die Bodyguards der Scheichs kommen an unseren Tisch. Sie kommen, um uns mitzuteilen und zu betonen, dass alle vier Mädels Gäste im 1001 Nacht sind und alle Einrichtungen des Hotels selbstverständlich unentgeltlich nutzen können. Es ist der ausdrückliche Wunsch von …. und … uns unterhalten und vergnügt zu wissen.

Leider ist der Aufenthalt der beiden (ich kürze den Dialog jetzt der Einfachheit halber ab) auf die Zeit der Messe beschränkt, so dass man sich über die Entscheidung, mit den  beiden (ich glaube, er sagte Königlichen Abgesandten o. ae.) angenehme, und mehr als zufrieden stellende Stunden des Amusements zu verbringen, freuen würde, please. Formvollendete Verneigung.

Das ‚please’ hört sich für meine Ohren nicht eindeutig nach „Bitte“ an.

So en passant: Ob wir uns mit dem Gedanken anfreunden könnten – eindringlicher  Blick zu H. und zu mir – der Gastfreundschaft von Scheich … und Prinz Scheich … Folge zu leisten.

Ich sehe zu H., hinüber, mein Blick ist alles andere als offen. Selten war ich so unsicher, wie damals. H. strahlt und antwortet: „Wir haben unser Gewissen geprüft und sind überzeugt, dass wir eine angenehme Erfahrung machen werden. Da wir mit unseren Freundinnen hier sind, hoffen wir, dass eine Stunde zwecks interessantem Austausch ausreicht?!“.

 

Ich denke: „Diese Frau hat’ s einfach drauf“. Sie hat eine dermaßen souveräne Art mit noch so ungewohnten, ja auch fremdartigen Situationen umzugehen, die ich oft anlässlich von Montagsmeetings an ihr bewunderte.

Nun bin ich als praktizierende Demokratin mehr als überstimmt. Aber schnell noch mal tanzen, um die aufkommenden Zweifel (an mir selbst) zu überspielen.

Die Zeit scheint zu drängen, denn einer der beiden steht während meiner Tanzerei freundlich-unbeteiligt an der Tanzfläche und verjagt jeden männlichen Gast, der sich auch nur ein klein wenig mehr zu mir hinbewegt.

Wo ist denn der andere Schnufie?

Wo ist denn H.?

Die ‚Höhle“ ist auch leer.

Abrupt beende ich meinen Tanz, gehe an den Tisch, der ‚schwarze Mann’ folgt mir, frage A. und B., wohin H. denn jetzt so schnell abgeblieben ist … und erfahre, sie sei schon mal vorgegangen. Die Mädels lächeln mich ganz entspannt und auch ein wenig belustigt an. Oh, Mann, bin ich hier der Clown, oder was?

 

Vorgegangen. Wohin vorgegangen?

Ich bin aufgeregt, nehme einen sehr großen Schluck aus dem Cocktail-Glas, den Strohhalm versuche ich mit meiner Nase zur Seite zu schieben, irgendwie verfängt er sich in meinem Haar, ich versuche ihn noch aufzufangen … na, ja, den Rest könnt ihr euch denken.

In Windeseile – wo kommen die alle her – stehen Leute um mich herum und reinigen in einer super angenehmen Lautlosigkeit behende meine Kleidung.

Ist auch besser so, denke ich bockig. Immer wenn ich unsicher bin, werde ich bockig.

 

Na, dann also los. Ich blicke den ‚schwarzen Mann’ in der Art, wie ich mich vorher für die Einladung bedankte an und folge seiner einladenden Armbewegung.

Während wir einige Flure zum Aufzug durchqueren (Mensch, ist mir schwindelig und schlecht), erklärt er mir, wie ich mich – nennen wir ihn Aga Ibrahim – gegenüber zu verhalten hätte, was sich jedoch nur auf Situationen bezöge, wenn andere dabei wären.

Wat? Andere wobei wären?

 

Und da passiert es: Meine Englischkenntnisse sind weg. Paff.

 

Auf deutsch entgegne ich, dass Aga Trallala ja nun hier in Deutschland sei und eine deutsche Frau … auf einen kulturellen Austausch, oder wat soll dat werden … einladen würde und ich mich jetzt in der kurzen Zeit … und auch aufgrund meiner subjektiven Situation … sorry … ich bin einfach zu besoffen, um auf irgendwelche Dinge zu achten, auf die ich auch normalerweise verzichten kann.

Hach, jetzt ist es raus.

Soll er doch gucken, was er damit macht. Ich freue mich über mich selbst, spiele mir selbst ein imaginäres Geigen-Soli … und strahle ihn an.

Der sonst vollkommen auf Sachlichkeit bedachte Bodyguard lacht und antwortet mittels gebrochenem Deutsch:

„Kein Angst, please kein Angst haben. Your … Wildheit (?), your special way to dance, to speek … you know … only this moekte Our Highness mit Sie bespreken. Please, don’t worry. I’m with you.”

 

Pfff.

 

Der Aufzug, den er mittels eines offensichtlich eigenen ‘Schlüssels’ bedient, hält an. Ich gehe aber nicht raus. Pueh. Habe es mir soeben anders überlegt. PP >> Persönliches Pech.

„Kann ich mal noch einen Drink haben? “

Wieder lächelt der eigentlich eher reservierte Mann und sagt: „Sofforrt. Wir sind auk schon here. Please.“ Und wieder hört sich das nicht nach einer Bitte an … aber zu spät: ich stehe nun in einem sehr geräumigen und geschmackvoll eingerichteten Hotelzimmer, werde angekündigt, werde nochmals in einen weiteren Raum geleitet … und da sitzt „Er“.

Mit einer ganz kurzen, unmerklichen Handbewegung, so, als ob er einen unangenehmen Gedanken verjagen wollte, bedeutet er meinem Begleiter, zu gehen.

 

Ein anderer Mann und eine Frau, die sich ebenfalls im Raum befinden, verneigen sich ebenfalls in 1. seine Richtung, 2. in meine, und verlassen vollkommen geräuschlos das Zimmer.

Ob ich etwas trinken möchte, lächelt mich ein schwarzes Augenpaar an. Dieser Mensch scheint nicht ganz so alt zu sein. Vielleicht Mitte/Ende Dreißig.

 

„Geht es Ihnen gut?“

„Momentan noch.“

„Ich werde dafür sorgen, dass es so bleibt.“ Ein freundliches, offenes Lächeln begegnet mir. Dabei werden Zähne sichtbar, für die es bestimmt weitere zwei Leute gibt, die dafür sorgen, dass dieses Gebiss Jahrzehnte überdauert, denke ich bei mir.

Dann muss ich lachen, weil ich mich selbst als so unendlich dumm empfinde.

 

„Champagne?“ Wieder ein sehr sanftes, freundliches Lächeln.

Während er zwei Sektgläser füllt, sehe ich auf seine Hände.

Genial.

Die Augen. Genial.

Der Mund. Genial.

Schluck. Ich bin verheiratet. Zumindest fast. Vielleicht sollte ich mal meinen Ring, der dies eindeutig bezeugt, mehr in den Vordergrund … ich nehme einen Riesenschluck aus dem Glas. Mir ist schummrig.

Er lächelt.

Ich halte ihm bittend – nein, im Nachhinein glaube ich, es war flehend – wieder mein Glas hin.

Er schenkt nach, wobei er mich ununterbrochen beobachtet. Nein, versucht, zu durchschauen, trifft es besser.

Nein, zu ‚durchbohren’. Ja, so ist es stimmiger.

 

Ich ‚bohre’ zurück. Mit nun doch etwas schwerer Zunge lispele ich, dass ich (glücklich) verlobt bin, was er denn genau wolle, Kultur könnte ihm jeder andere besser vermitteln, als ich … es sei denn, er wolle mich ficken (letztes Wort auf deutsch, da in englischer Sprache nicht bekannt).

Dann solle er es sagen. Meine Antwort sei: nein! Ganz bestimmt, nein.

Schnell halte ich ihm mein Glas noch mal hin.

 

Und ein zweites Mal an dem Abend bin ich stolz auf mich, denn er wollte gerade ebenfalls an seinem Glas nippen, da merke ich, dass er sich zusammenreißt, um nicht in lautes Lachen zu verfallen. Das Wort ficken soll ich wiederholen bittet er mich, und ihm zudem erklären. Mach’ ich.

Mit einer wirklich schönen Geste streicht er zunächst über seine Nase, dann über sein Kinn, auf welchem ein sehr akkurat gestutzter, schmaler Bart ist.

Er sieht/bohrt mich an. (Nie werde ich diesen Blick vergessenJ)).

 

Unendlich lässig sitzt er vor mir und bohrt mir mit seinen Blicken … in Herz und Seele. Dabei hält er den Zeigefinger seiner linken Hand an seinen Mund und fährt kleine Linien darauf.

„Okay“, beginnt er, „Deutsch ist eine sehr harte Sprache. Es geht um ein business, let’ s say ‚ficken’. Anyway. Ich sage, es ist mehr, than this. Sagen Sie ja, ist es in Ordnung, sagen Sie nein, fühlt mein Herz einen nie zu vergessenen Schmerz … aber es ist ebenfalls in Ordnung. Ich möchte, dass Sie sich frei in Ihrer Entscheidung fühlen.“

 

„Darf ich bitte einen Whiskey haben?“ Nun habe ich gefleht. Jawohl. Keine Frage.

 

Er sagt irgendwas von europäischen, besonders deutschen Frauen, ist einen kleinen Moment irritiert (wohl, weil er überlegt, wo in diesem Raum Whiskey steht), findet das Gesuchte, sieht mich an, lächelt verschmitzt, wird mir dadurch immer sympathischer und holt mit einem langen … Ahhhh! … die Flasche hervor … on the rocks? … ja, bitte … und erklärt, dass er mich beobachtet habe, dass ihm meine Art zu tanzen gefalle, meine Art, mich zu bewegen und zu sprechen … auch und gerade jetzt, wo ich ihm gegenüber saesse… es ihm sehr schwer fiele … aha, da ‚bohrt’ er wieder.

Nun, es sei, wie gesagt, ein Geschäft.

Bei einem Geschäft, wenn auch zeitlich begrenzt, aber durchaus prolongierbar, sollen beide Seiten mehr als zufrieden sein. Das ist das Ziel eines jeden guten Geschäftsmannes, der er auch sei, wie er versichert.

Ich erfahre, dass er in Dubai und London mit Luxusfahrzeugen handelt, die Pferdezucht zu einer seiner Obsessionen zählt. Das Geschäft läuft zu seiner Zufriedenheit.

 

„Schoen, freut mich zu hören. Ich habe von Autos so gar keine Ahnung. Und Pferde … wir haben zu Hause einen kleinen Dackel (Dackel auf Deutsch).“

Und beginne, meine Passion zu schildern, für die ich nicht schlecht bezahlt werde, um nochmals zu bekräftigen, dass ich nicht die richtige ‚Geschäftspartnerin’ bin. Zudem sei die Tatsache, verlobt zu sein, eine Art Vorvertrag. So gesehen, sei ich gehalten, eingegangene Engagements einzuhalten.

 

Da ist sie wieder, diese kleine, unmerkliche Handbewegung, die auch mich wissen lässt, dass „Er“ spricht.

„Sie … darf ich Gabriele sagen … werden mit meinen professionellen Verpflichtungen nicht einmal mittelbar zu tun haben. Ich möchte Sie einladen, mein Leben kennen zu lernen und wenn Sie es wünschen, daran teilzuhaben.“

Es folgt eine Schilderung von Annehmlichkeiten, eine entsprechende Dotierung (schließlich werde ich nicht die einzige Frau sein) wird genannt, die selbstverständlich vertraglich festgehalten und von einem europäischen, falls gewünscht – deutschen – Notar, bestätigt wird.

Er sieht mich an. Glaube ich zumindest.

Denn ich hänge Gedanken verloren an der Whiskeyflasche und denke an H., die eine Etage über oder unter uns (wo bin ich eigentlich genau hier) Ähnliches erlebt.

Ist hier irgendwo versteckt eine Kamera?

„Ich bin fast verheiratet, “ höre ich mich ganz undeutlich und schwach sagen.

Ich sehe zu ihm, der nun direkt vor mir steht, auf, und spüre, wie er ganz zärtlich und doch druckvoll meine Handinnenfläche reibt. Ich lasse es zu, da er mit dieser Reibung, es ist eher eine Friktion, ganz andere Regionen ‚trifft’ und ich angenehm erstaunt über diesen Fakt bin.

„Glücklich … ich weiß’, lächelt er (etwa spöttisch?), „Sie sollten Ihr Glück maximieren.“ Diese Art der Reibung und der Alkohol, also alles zusammen … ich bin verwirrt.

Dennoch: das geht dann wohl doch zu weit; ich versuche, aufzustehen. Dabei komme ich ihm und seinem Körper sehr nahe (er riecht sehr gut, stelle ich fest) und kann die Pferdeverliebtheit der Araber verstehen.

 

Er nimmt mich in den Arm, streichelt ganz sanft über meine Haare, über meine Augenbrauen … irgendwie scheinen auch dort Druckpunkte zu sein;) und wiegt mich hin und her.

Schluss jetzt, denke ich …

 

Und hier endet dann auch schon fast die Geschichte.

 

Weder H., noch ich haben die Verträge, die uns zwecks Prüfung und Gegenzeichnung binnen einer Woche ausgehändigt wurden, unterzeichnet.

 

In guter Erinnerung ist mir aber noch, wie wir beide, gemeinsam mit B. und A., die in Petro-Dollar und englischen Pfund angegebenen Beträge mittels einem Taschenrechner (jaha, so hat man damals noch gerechnet) in D-Mark umrechneten und uns ernsthaft (!) gefragt haben, warum wir nicht den Schritt in ein absolutes Abenteuer wagen.

 

Ich, weil ich ‚verlobt’ (owner of a low contract) war.

H., weil sie glücklich verheiratet zu sein wünschte. Irgendwann.

 

 

 

© Gabililith