Erst einen Salon eröffnen und anschließend langsam, langsam eine ganze Kette von Geschäften, die jedes wie ein Geldautomat funktionieren würden.
Man bräuchte nur ein wenig Mut und Intelligenz um alles mitzubekommen.
Erst die Haare waschen, kämmen und anschließend immer klein, klein zwischen zwei Finger nehmen und schneiden. Eine Sache die ich in den dreißig Jahren meines Lebens bestimmt jeden Monat mindestens einmal gesehen hatte. Ich war ganz sicher, daß es mir nicht allzu schwerfallen würde sowas nachzumachen.
Diesmal nahm ich, ohne noch länger zu warten oder meine Haare schneiden zu lassen, einen wichtigen Termin als Vorwand und verließ vorzeitig das Geschäft.
Ein paar Tage vorher hatte ich in einer Straße mit vielen luxuriösen Geschäften einen großen Laden gesehen, der zu vermieten war.
Er konnte meinen Ansprüchen gerecht werden und ich hoffte bei mir, daß es jetzt nicht schon zu spät war, um ihn zu mieten.
Noch an gleichen Tag gelang es mir den Mietvertrag zu unterzeichnen und in Erfahrung zu bringen, daß es im Umkreis von 500 Metern keinen weiteren Frisiersalon gibt. Somit bestand auch keine Gefahr, daß es Probleme bei der Genehmigung für den Salon geben würde.

Es war ein phantastischer Laden. Mit über hundert Quadratmetern Fläche und einem hohen Dach durch das man mit einer schönen Holztreppe in Zukunft die Nutzfläche verdoppeln könnte.
Jedenfalls war ich total gespannt und aufgeregt. Ich wollte auf keinen Fall noch etwas von meiner kostbaren Zeit verlieren. Schon am nächsten Tag beauftragte ich eine bekannte Firma, die mir zusicherte in zwei Monaten alles nach meinen Wünschen zu gestalten, mit dem Innenausbau und Dekorationsarbeiten.

 

 

Es sollte von Anfang an alles nur vom Besten sein. Ein Waschzimmer mit fünf modernen Waschbecken. Ein prunkvoller Haarschneidesalon mit erstklassigen Instrumenten und acht bequemen Sesseln und ein gemütliches Wartezimmer mit Tee-ecke. Sowas hatte es bis jetzt noch bei keinem anderen Friseur gegeben.
In den nächsten zwei Monaten war ich manchmal in den Geschäftsräumen um zu sehen ob Firas den Vertrag auch nach meinen Wünschen ausführen kann.                                        In der ganzen Zeit kamen immer wieder Geschäftsleute aus der Nachbarschaft vorbei um mich kennenzulernen und stellten viele Fragen. Alle waren begeistert von meinen gigantischen Geschäftsideen und wollten zu gern wissen, wo ich früher tätig gewesen sei.

 

Natürlich mußte ich genau wie meine Geschäftsräume einen gewissen Eindruck machen und selbstbewußt von meinen langjährigen goldenen Erfahrungen viele Geschichten erzählen. Unter den Nachbarn gab es auch einen Buchhändler, der von seiner Buchhandlung direkt gegenüber meines Salons immer genau mein kommen und gehen beobachten konnte.
Jedesmal kam er zu mir rüber um mir von seiner Freude über unsere Nachbarschaft zu erzählen und mir immer wieder neue Hoffnungen zu machen.
Jakob war ein humorvoller fünfunddreißigjähriger Mann, der immer sehr gut angezogen mit perfekt gestylten Haaren herumlief, trotzdem war er sehr unzufrieden mit seinem Friseur und wiederholte immer wieder, daß er mit dem nächsten Haarschnitt bis zu unserer Eröffnung warten werde, damit ich persönlich ihm als meinen ersten Kunden die Haare schneiden könnte.
Er hatte ganz glattes, feines Haar und jeder kleinste Fehler wäre leicht zu sehen gewesen, das machte mir doch große Sorgen. Aus diesem Grund versuchte ich ihm zu erklären, daß ich in diesem Geschäft nicht persönlich arbeiten werde sondern nur ganz ausgewählte Spezialisten. Aber er wollte mich überhaupt nicht verstehen und meinte, ich sollte erst als Meister mit einem Haarschnitt bei ihm mein Geschäft eröffnen. Anschließend könnte er sich dann, in aller Ruhe bis seine Haare wieder gewachsen wären, in meinem Geschäft einen anderen guten Arbeiter aussuchen.

Seine Hartnäckigkeit machte mir doch viele Gedanken. Die einzigste, die mir in dieser Zeit ein wenig Sicherheit gab, war meine Freundin, bis ich sie bat, ihre Haare schneiden zu dürfen und sie daraufhin für eine Woche aus den Augen verlor.

 

 

Aber ich war fest entschlossen. Manchmal fuhr ich über hundert Kilometer weit mit dem Wagen nur damit mich niemand kennt und ich nicht zufällig jemanden noch mal treffe. Dort versuchte ich dann von irgend einem Bauern ein Schaf zum Haarschneiden zu mieten. Es glückte mir jedesmal und dann folgte ich ganz meinen Vorstellungen, erst die Wolle naß machen, kämmen und anschließend klein, klein zwischen zwei Finger drücken und mit der Haarschere schneiden. Zum Schluß fönen. Wie die armen festgebundenen Schafe geschrien haben und sich versuchten von einem erstklassigen Meisterfriseur zu befreien ist selbst eine andere Geschichte.

Die Begründung für diese Versuche, gegenüber den Bauern, war immer die gleiche. Ich erzählte ihnen, daß ich Student sei und den Unterschied zwischen Haaren und der Wolle gründlich beweisen wollte.

Zweimal gelang es mir sogar den Bauern selbst die Haare zu schneiden. Nur war ich nicht sicher wie sie reagieren würden, wenn sie ihre neue Frisur zum ersten mal im Spiegel sehen. Würden sie dann immer noch dankbar sein?
Oder vielleicht nicht? Egal! Bis zu diesem Augenblick wäre ich sowieso schon lange weit weg.
Jedenfalls war dies mein mutiges Anfangspraktikum.
Als nächstes war mein fünf Jahre älterer Bruder an der Reihe. Er war übers Wochenende bei mir zu Besuch und ließ sich auch sehr schnell überrumpeln. Nachdem er von meiner großen Investition und meinen Erfahrungen gehört hatte, wollte er dieses kostenlose Wochenende nutzen und stellte sich selbst einen Stuhl in mein Badezimmer. Natürlich mußte ich in meiner Situation jede Gelegenheit nutzen und konnte nicht auch noch darauf Rücksicht nehmen, ob es hier um ein Schaf oder um einen Menschen handelt. Jedenfalls, auch wenn es in seinem Gesicht nach meiner Rasur kaum noch eine Stelle gab die nicht blutete, konnte ich ihm seine letzten Schreie und das Geschimpfe nicht verzeihen.

 

 

Meiner Meinung nach war es auch gar nicht so schlecht, daß er sich erlauben konnte bei meiner Arbeit von Brutalität und totalem Haarausfall zu sprechen. Sonst könnte der Krach zwischen zwei Brüdern dauerhaft sein. Eins muß ich noch dazu sagen, er hat mich tatsächlich damit bedroht mir eines Tages im Schlaf mit einer Rasenschere die Haare zu mähen. Das war auch der Grund dafür, daß ich nach einer schlaflosen Nacht den Ersatzschlüssel für meine Wohnung bei seiner Frau abholte.

Langsam wurde die Zeit bis zur Eröffnung knapp und ich sollte mehr und mehr üben. Familie, Bekannte, Freunde, Verwandte und wenn ich gar keinen mehr finden konnte versuchte ich Modelle zu mieten.

Doch nach einigen Tagen bemerkte ich, daß alle in meiner Nähe, selbst ohne mein kostenloses Angebot zu hören, kurze Haare hatten.

So intensiv bekannt zu sein konnte ich mir gar nicht vorstellen, aber trotzdem waren sie mir alle zuvorgekommen und hatten ihre Haare schneiden lassen, sogar die Mädchen und Frauen.
Ein paar Tage später als vereinbart beendete die Baufirma mit letzten Dekorationen und bester Note ihre Arbeiten an meinem vehement schönen und harmonisch gestalteten Geschäftsräumen, wie ein Bilderbuch, das auf seine schicken Profis und guten Kunden wartete.

Vier Friseurmeister, ein Kassierer, ein Haarwäscher und ein Junge den ich für die Tee-ecke und zum Putzen ausgewählt hatte.

Einen Tag vor der Eröffnung trafen wir uns alle zu einem letzten Gespräch und um noch ein paar Vorbereitungen für den ersten Arbeitstag zu treffen. Alle die ihren Arbeitsplatz mit diesem einzigartigen Geschäft eingetauscht hatten, waren hier zusammengekommen.

 

 

Zum Schluss, als das Gespräch beendet war und außer mir nur noch Resa, ein Friseur, anwesend war, kam jemand mit einem Korb, in dem sich ein riesiger Blumenstrauß befand, herein.
Erst nachdem er den Korb abgestellt hatte konnte ich erkennen, dass es der Buchhändler von gegenüber war. Er gratulierte uns herzlich und meinte, er freue sich sehr über so ein großzügiges Geschäft. Er sah wirklich wie ein Gentlemen aus, aber nachdem er eine Weile gesessen und etwas Tee und Kuchen zu sich genommen hatte zerstörte er alle meine Träume. Er hatte eine Einladung zu einem Geburtstag und wollte unbedingt, daß ich ihm die Haare schneide. Ich versuchte alles, um seine Wünsche auf meinen bereitstehenden Friseur abzuwälzen, aber alles war umsonst.

Es gelang ihm am Ende doch meine Hand zu nehmen und mich zum Arbeitsplatz zu bringen. Zuletzt blieb mir nichts anderes übrig als es zu akzeptieren.

Ich versuchte die Kontrolle zu behalten und ganz selbstbewußt seine Wünsche zu erfüllen.
Nachdem ich den Rasierschaum auf seinem Bart verteilt hatte versuchte ich, so wie manche Profis, den Schaum mit meiner linken Hand statt mit einem Tuch vom Messer zu streifen. Aber schon der erste Versuch ging total schief und ich schnitt mir tief in meine Hand.

Obwohl ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, hatte der junge Friseur, der mich die ganze Zeit im Spiegel beobachtete, mitbekommen wie das Blut an meinem Sakkoärmel entlang lief. Schnell bat ich ihn weiterzumachen damit ich etwas eiliges erledigen könnte und ging ins Waschzimmer. Kaltes Wasser und Alkohol hatten keinen großen Erfolg. Zum Schluß schaffte ich mit einigen Pflastern übereinander das Blut doch noch unter Kontrolle zu bekommen. Mit einem großen Wattestück in der Hand kehrte ich dann zum Haarschneiden zurück.

Noch bevor mich jemand fragen konnte erklärte ich:" Ich dachte eine Überweisung vergessen zu haben, aber leider habe ich die Geheimnummer vom Tresor auch ganz vergessen. Entschuldigen Sie mich bitte."
Die beiden waren damit beschäftigt sich über Politik zu unterhalten und fragte nicht weiter nach.
Das Rasieren war auch schon längst fertig, also brauchte ich ihm nur noch die Haare zu schneiden.
Aber leider dauerte es nicht allzu lange bis ich bemerken mußte daß sein Hinterkopf, bei dem ich mit meinem Schnitt begonnen hatte, mich sehr an mein erstes Schaf erinnerte

Mein junger Kollege hatte es auch bemerkt und versteckte sich daraufhin hinter einer Zeitschrift.
Manchmal schaute er vorsichtig über den Rand der Zeitung und versteckte sich dann schnell wieder.
Überdies ging mir auch an seinem Haupthaar alles schief. Selbst nach einigen Fönversuchen wollten die Haare nicht mehr miteinander in Kontakt bleiben und gingen alle wie Federn zurück in ihre stehende Position. Aber was mich am meisten verwunderte war mein tapferes Opfer. Er blieb die ganze Zeit ruhig wie zu Beginn und erzählte und erzählte. Manchmal dachte ich, daß er sich überhaupt nicht im Spiegel sieht oder vielleicht nur mit einer dicken Brille, die er bis jetzt bei mir nicht getragen hatte, sehen kann. Oder vielleicht war er ja dumm und verstand das alles gar nicht. Zuletzt nach vielen gescheiterten Versuchen sein Haar in Form zu fönen, meinte er selbst:" Danke, es ist genug, besser wird es nicht gehen."

In diesem Moment war ich mir sicher, er hatte den Verstand verloren. Wie sollte er sonst bei diesen Haaren so freundlich bleiben?
Es war ein Wunder. Nachdem ich ihn von seinem großen Halstuch befreit hatte und er wie ein verbranntes Hühnchen, daß sich aus den Ofen befreien konnte und gleichzeitig ein Ei legte, aufgestanden war, fing er gleich wieder an Witze zu erzählen und sagte: "Jetzt kann ich in Ruhe einen Tee trinken, aber nur wenn es noch einen gibt?"

 


"Ja, ja, selbstverständlich. Ich bringe sofort einen." sagte Resa.
Dann haben wir noch eine halbe Stunde gesprochen und gelacht, aber keiner erwähnte auch nur mit einem Wort seine Frisur.
Zum Schluß, nachdem Jakob meine Einladung als unser erster Kunde nun doch nicht angenommen hatte, bezahlte er den höchsten Preis auf unserer Preisliste und gab noch ein drittel Trinkgeld dazu. Dann wollte er gehen, aber an der Tür wurde er langsamer, streckte nur kurz den Kopf raus, schaute einmal rechts und links und zog ihn wieder rein.
"Ja, achtzig, neunzig Meter, sagen wir hundert Meter werden es schon sein." grummelte er vor sich hin.
Resa fragte:" Was ist in hundert Metern?"

Der Buchhändler zeigte mit einem Finger neben die Wand an unserer Tür und meinte:" Genau hier müßt ihr es befestigen." Dann drehte er seinen Kopf zu mir und fragte:" Meint ihr nicht, daß ihr bei so vielen Investitionen etwas kleines, aber wichtiges vergessen habt? Genau hier muß es hängen. In Sichthöhe."
Ich fragte sehr interessiert und erstaunt:" Was kann das nur sein?"
"Ein Schild" erwiderte er." Ein Schild auf dem steht, Hundert Meter bis zum nächsten Hutgeschäft.
Aber kein Problem. Eine Papiertüte habt ihr doch bestimmt? Oder nicht?"
Ohne auf unsere Antwort zu warten war er schon rausgegangen und zur rechten Straßenseite gerannt. Ich wußte wirklich nicht ob ich lachen oder weinen sollte.
Meine Füße waren am Boden festgefroren. Ich dachte bei mir, was konnte freundlicher und gleichzeitig erschlagender sein als seine Worte?

Ich drehte mich zu Resa, um etwas von seinem Gelächter zu sehen, aber er war wie eine Kugel auf dem Boden und versuchte zwischen seinem Gelächter krampfhaft Luft zu holen. Ich konnte auch nicht anders bei diesem Anblick und fing ebenfalls langsam an zu lachen bis ich dann auch fast zerplatzte. Wie jemand der gerade erst verstanden hatte, daß etwas lustiges passiert war. Diese Situation dauerte über eine Stunde bis wir Bauchschmerzen hatten, aber aufzuhören war auch nicht so einfach. Zum Schluß suchten wir den besten Weg aus dem Geschäft raus.

Aber Jakob saß auf seiner Geschäftstreppe und erwartete uns sichtlich. Diesmal mit einer Kappe auf dem Kopf.
Als er mich sah, beugte er sich leicht nach vorn, nahm lächelnd respektvoll seine Kappe mit der rechten Hand zur Seite und fragte:" Wie geht es ihnen Meister? Wie geht es ihrer Handperiode? Möchten Sie mich nicht zum Geburtstag begleiten?"



 

 

Er hatte sich seinen Kopf wahrhaftig glatt rasiert.

ENDE 

Nader azin  1994