Die Szene hat etwas unwirkliches ... Detroit, Michigan - es ist früher Morgen, Nebel hängen über den Außenbezirken der Stadt. Da setzt sich eine Karawane aus tiefschwarz lackierten, chromblitzenden riesigen Sattelschleppern in Bewegung. Diese amerikanischen Trucks sind Spezialanfertigungen, extra gebaut für diesen geheimgehaltenen Transport. Die Achsen sind gas-gefedert, um jede Erschütterung vom kostbaren Ladegut fernzuhalten, die Laderäume sind vollklimatisiert, um Schäden durch Temperaturschwankungen zu verhindern. Alle Türen der Trucks sind durch Tresorschlösser gesichert, die Metallaufbauten der Sattelschlepper sind gepanzert.

Was geschieht hier? DETROITS SEELE VERLÄSST DIE STADT!

Eines der wertvollsten und wichtigsten Güter der (afro-)amerikanischen Kultur bekommt ein neues Zuhause. Das Ziel wird geheimgehalten, nur einige Insider wissen, dass eine Gebäudeanlage speziell für diese kostbare Fracht gebaut wurde: Meterdicke Mauern, brandsichere Panzertüren und Wachtposten am Eingang schützen die Innenräume, deren Temperatur computergesteuert konstant gehalten wird. Es handelt sich um das neue Domizil für ...

TAUSENDE UNERSÄTZLICHE MOTOWN-MASTERTAPES DER JAHRE 1959 - 1971 (The Detroit-Ära)

Der neue Eigentümer (Universal-Music) hat ca. $ 60 Mio. für die überbreiten analogen Tonbänder bezahlt, da ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass zusätzlich eine ganze Armada Original-Tonbandgeräte der 1960er Jahre in Handarbeit neu angefertigt wurde, um die Bänder originalgetreu abspielen und digital überarbeiten zu können.

Die historische Adresse:

MOTOWN RECORD CORPORATION, 2648 West Grand Boulevard, Detroit, Michigan 48208, U.S.A.

verbreitet bei Fans noch heute Magie.

Im Studio A am Westgrand Boulevard, das von Sängern, Musikern und Produzenten voller Ehrfurcht "Schlangengrube" genannt wurde, weil hier gnadenlos unterging, wem es an Talent mangelte (anfangs waren Musiker, Sänger und Produzenten alle gleichzeitig in dem kleinen Studio und die Platten wurden als Live-Session aufgezeichnet). Die Studio-Musiker, später als "Funk Brothers" weltberühmt geworden, waren die "Cream Of The Crop" der Detroiter Jazz-Szene, allesamt ausgebuffte Profis, perfekte Musiker, die wirklich alles spielen konnten. In diesem Studio A wurde seinerzeit Musikgeschichte geschrieben.

Als sich die noch lebenden Funk Brothers vor einigen Jahren wieder im Studio A am Detroiter West Grand Boulevard versammelten, um für den Kinofilm "Standing In The Shadows Of MOTOWN" erneut zu den Instrumenten zu greifen, da ... erstarrten sie für einen Augenblick voller Ehrfurcht und einer von ihnen sagte: "Ich kann es spüren - all die Gebete, die Berry Gordy hier einst ausgestoßen hatte, um Glück und Erfolg für uns alle zu erflehen, sie sind immer noch in diesem Raum - sie haben ihn niemals verlassen." ICH BEKAM EINE GÄNSEHAUT, ALS ICH DAS HÖRTE.

Heute ist das Gebäude am West Grand Boulevard 2648 das "MOTOWN-Museum" (The Motown Historical Museum - http://www.recordingeq.com/motown.htm ) und wird geleitet von Berry Gordys Schwester Esther Gordy-Edwards. Längst wurde es zur "Pilgerstätte" für Fans aus aller Welt.

Berry Gordy erinnert sich in seiner (überaus lesenswerten) Autobiographie "To Be Loved" (Warner Books U.S.A.) an die Anfänge: "Mein enger Freund Smokey Robinson und ich hatten die ersten Exemplare der neuen Miracles-Platte "Shop Around" bei einem Presswerk außerhalb Detroits abgeholt und waren auf dem Rückweg in die City. Es war pechschwarze Nacht, tiefer Winter und ein gewaltiger Schneesturm peitschte über den riesigen See, der fast ein Meer ist. Da geriet unser Wagen ins Schleudern! Mit äußerstem Überlebenswillen versuchte ich die Kontrolle über das Fahrzeug zu behalten, um die spiegelglatte Überlandstraße nicht zu unserem Grab werden zu lassen. Der Wagen schoß über den Seitenstreifen hinaus und ... kam irgendwann zum Stehen. Smokey war leichenblaß geworden; OH MANN! stieß er hervor DAS WAR KNAPP! Und so hätte unsere gerade erst begonnene Erfolgsstory um Haaresbreite schon hier ein jähes Ende gefunden."

Ich wäre heute mit Sicherheit nicht der (selbstbewußte, schwule) Mann, der im Augenblick diese Zeilen schreibt: MOTOWN prägte mich viel stärker, als ich früher ahnte; ein enges Band zwischen uns war entstanden. Ich fing an mit MOTOWN zu korrespondieren (die Antwort-Briefe aus dem fernen Amerika waren für mich jeweils das Ereignis des Tages). Janie Bradford war die erste, der ich anvertraute, dass ich schwul bin. Sie reagierte darauf großartig und schrieb, "das wichtigste sei, dass ich stolz auf mich bin - und niemand habe mir seine Lebensweise aufzuzwingen". Später erfuhr ich, dass sehr viele Schwule den MOTOWN-Sound ebenso liebten, wie ich. Natürlich war das den Managern der Company nicht verborgen geblieben und der beste und engste Freund Berry Gordys, mit dem er schon zusammen die Schulbank gedrückt hatte, war ebenfalls schwul. Berry Gordy widmet ihm in seinem Buch ein ganzes Kapitel und setzt ihm ein würdiges Denkmal, denn leider verstarb dieser freundliche schwarze Junge, mit dem Berry die wildesten Streiche ausheckte, später an AIDS.

Calling Out Around The World: There's A Brandnew Beat And It's Time For "DANCING IN THE STREET" (Martha Reeves & The Vandellas). Der Song, u.a. komponiert von Marvin Gaye, wurde von vielen "weißen" Radiostationen nicht gespielt. Man warf Martha Reeves vor "sie sei eine Rebellin, die die schwarze Bevölkerung zur Revolution aufstacheln wolle ..."

Später ... MOTOWN war zur erfolgreichsten "Black-Owned-Company" der U.S.A. aufgestiegen, da streute die neidische Konkurrenz das Gerücht "die Mafia sei bei MOTOWN eingestiegen." Berry Gordy wurde vom FBI vernommen und ... VOLLSTÄNDIG REHABILITIERT! Nach der Vernehmung outeten sich die FBI-Beamten als MOTOWN-Fans und baten freundlich um Autogramme für sich und ihre Familien. Berry Gordy erinnert sich in seinem Buch nicht ohne Schadenfreude: "Wir hatten lange Zeit Ärger mit säumigen Zahlern (z.B. Plattenläden, die Zahlungen verschleppten), sodass sich das auf unsere Liquidität auszuwirken begann. Nachdem unsere liebe Konkurrenz das 'Mafia'-Gerücht in Umlauf gebracht hatte, besserte sich die Zahlungsmoral unserer Schuldner schlagartig ..."

MOTOWNs Vermächtnis (die großartigen Aufnahmen der 1960er Jahre) sind heute bei Universal-Records in guten Händen. Dort sitzen Musikliebhaber, geniale Toningenieure und Kaufleute, die den wahren Wert der Mastertapes zu schätzen wissen (schließlich haben sie ja auch $ 60 Mio. dafür hingelegt). Heute gehören u.a. junge Künstlerinnen, wie die hochbegabte Erykah Badu zu den MOTOWN-Künstlern der Gegenwart.

MOTOWN hat immer viel für seine jungen Künstler/innen getan. William (Smokey) Robinson (Leadsänger der Miracles, Solo-Star, genialer Texter, Komponist und Produzent unzähliger Welthits und ... Vize-Präsident von MOTOWN-RECORDS) erinnert sich in einem TV-Interview: "MOTOWN war wie eine Schule, die jungen Amateure, die zu uns kamen, erhielten eine solide Ausbildung in vielen Bereichen. Waren Sie fertig mit der "Schule", dann konnten sie auf allen Bühnen und in allen Presskonferenzen dieser Welt bestehen. Unsere *A&R-Manager (*Artist & Repertoire) buchten unsere Künstler an den besten Auftrittsorten der U.S.A. und weltweit, dadurch bekamen sie Bühnensicherheit und ein kontinuíerliches Einkommen. Wir hielten Sie auch an zumindest einen Teil ihrer Einkünfte für spätere Zeiten gut anzulegen. Platten-Tantiemen, TV- und Bühnenauftritte machten viele unserer Künstler sehr reich. Wenn ein/e Künstler/in einmal eine Zeitlang nicht so erfolgreich war, ließen wir sie niemals fallen (wir hatten ja schließlich auch viel in sie investiert ...), sondern buchten sie für Auftritte in der Provinz oder z.B. als Vorgruppe für andere Künstler und ... so blieben sie im Geschäft und nach einiger Zeit kehrte dann regelmäßig auch der große Erfolg zurück (Anmerkung des Autors: Diese Künstlerpflege würde ich mir heute von einigen Musikfirmen wünschen, die Plattenverträge sofort kündigen, wenn ein Künstler mal nicht die angepeilte Rendite abwirft).

Diana Ross ging in den 1980er Jahren ihre eigenen Wege; nach ihrem Multi-Platin-Bestseller-Album "diana" verließ sie MOTOWN und schloß den bis dato höchstdotierten Plattenvertrag einer schwarzen Sängerin ab (RCA für die U.S.A. und EMI für Europa). Vor einigen Jahren kehrte sie (als Mitinhaberin) zu MOTOWN zurück. Sie gehört inzwischen zu den erfolgreichsten schwarzen Frauen der Welt, besitzt nicht nur eine eigene Insel, sondern auch ein Schloss bei New York, ein eigenes Firmen-Imperium und kann "wie eine Königin" herabschauen auf ... die kleinen, weißen Rassisten ihrer Kindheit. Früher kam sie oft weinend und mit Blessuren aus der Schule, man hatte sie "N*****" genannt und verprügelt. Als sie in der Kantine ihrer Schule jobbte, "kamen alle und starrten mich an, als wenn sie noch niemals ein schwarzes Mädchen gesehen hätten ...". Ob diese kleinen (inzwischen großen) Dummköpfe wohl heute auch Rolls Royce fahren und im Privat-Jet die Welt bereisen?

Wichtig, um Selbstbewußtsein zu entwickeln, war die Unterstützung durch die Mutter, Ernestine Ross: "Niemand hat das Recht Dich "N*****" zu nennen, wehre Dich gegen Angriffe, denn Du bist mein wunderbares kleines Mädchen!" Diese Erziehung hat Diana Ross auch an ihre eigenen Kinder weitergegeben. Die 3 Töchter ("The Supremes?") Chudney, Rhonda und Tracee wuchsen zu erfolgreichen und klugen jungen Frauen heran. Die beiden jüngsten Kinder, ihre Söhne Evan und Ross, sind attraktive, selbstbewußte junge Männer geworden, die ihre Mutter vergöttern.

Und hier endet meine MOTOWN-Trilogie. Ich schätze mich überaus glücklich diese absolut magische Zeitepisode bewußt miterlebt zu haben und fühle es tief in meinem Inneren der "SOUND OF YOUNG AMERICA" (Aufdruck auf vielen MOTOWN-Platten in den Sixties) wird niemals vergessen werden. Ich liebe Euch alle, die ihr mein Leben so ungemein bereichert habt!

Q u e l l e n :

Detroit Free Press (Detroits größte Tageszeitung), dutzende Artikel über MOTOWN von 1962 bis heute ( http://www.freep.com/motownat40/archives/index.htm )

"To Be Loved", Berry Gordy (als U.S.-Import über div. Händler)

"Secrets Of A Sparrow", Diana Ross (als U.S.-Import über div. Händler)

"Dreamgirl - My Life As A Supreme", Mary Wilson (als U.S.-Import über div. Händler)

"Where Did Our Love Go", Nelson George (als U.S.-Import über div. Händler)

The Rhythm And Blues Foundation (An Independent and non-profit organization), 14th & Constitutions Ave., N.W. Room 4603, MRC 657, Washington, D.C. 20560 (phone 202-3567-1634)

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