7 Tage ohne Mama  - Teil 4

 

Dienstag, 2.Tag - Zeit für Gespräche

 

 

…oben angekommen, schlägt mir eine Welle Wut und Entsetzen entgegen…! „Was habt ihr denn?“ – Ruhe - Dann sagt Lisa „Du hast in meinem Zimmer rumgeschnüffelt“ – mit diesen Worten ist die Ruhe zu ende. Ich habe das Gefühl gegen ein wildes, vierstimmiges Monster anzukämpfen.

 

Wütend „RUHE!“

 

Jetzt könnte man sogar eine Stecknadel auf den Teppich fallen hören. Alle vier sehen mich mit einem entsetzt-erschrockenen Blick an. Hilflos sehe ich  wie an Lisas Wange eine Träne herabläuft, einer nach dem anderen in seinem Zimmer verschwindet und die Türe hinter sich zu zieht. Nur Leon steht mir noch auf dem Flur gegenüber, kampfbereit – so sieht er zumindest aus.

„Du wolltest reden? Jetzt kannst du reden, es gibt einiges zu reden… !“  In diesem Moment erkenne ich mich selber in ihm. Ich sehe mich selber mit 18, meinem Vater entgegentretend – überzeugt im  Recht zu sein, vor der ersten richtigen Auseinandersetzung.

„Ich werde zuerst mit den Kleinen Reden, unsere Unterhaltung dauert länger. Warte bitte in deinem Zimmer.“ Sage ich, um Zeit zu gewinnen vor dieser Auseinandersetzung. Er nickt, dreht sich um und geht in sein Zimmer –PENG- die war zu!

 

Man kann sicherlich vieles von mir behaupten, aber Feige war ich noch nie! Ich werde also heute noch einmal aufräumen müssen… und bei Tom, dem Kleinsten fange ich an…

 

Als ich das Zimmer betrete, liegt er auf seinem Bett und dreht sich demonstrativ in die andere Richtung – tut so als würde er mich nicht bemerken. Ich setze mich zu ihm aufs Bett und beginne: „Was ist denn so schlimmes passiert? Du hast jetzt wieder Platz in deinem Zimmer und kannst sogar wieder alle Sachen finden…  Ich brauche 15 Minuten, dann ist er zwar nicht unbedingt begeistert, aber er ist mir auch nicht mehr böse.  Jetzt zu Max. Als ich sein Zimmer betrete, sitzt Max vor der Playstation. Auf meine Frage bekomme ich nur die lapidare Antwort „Schon gut, hab ja alles wieder hinbekommen.“  Und in der Tat, es ist nicht zu übersehen, dass er es in der kurzen Zeit geschafft hat, sämtliche Spuren meiner Aufräumaktion nachhaltig zu beseitigen… auch eine Art von Protest und ich muss beim rausgehen schmunzeln. Jetzt steht der Vorerst schwierigste Teil vor mir. Gerade bei Lisa fällt es mir besonders schwer.

 

Lisa, sie liegt auch auf dem Bett und ihre roten, verweinten Augen brennen sich in mich hinein. Es ist fast wie ein körperlicher Schmerz. Ich bin sofort in der deffensive... „Hey. Mein Schatz, es tut mir Leid, ich dachte…“ – „Es ist MEIN Zimmer.“ Wieder sammeln sich Tränen in ihren Augen und ich kann diesem Blick einfach nicht standhalten. Ich setze mich neben sie und streichle ihr übers Haaar…Schweigen… „Ich hab es doch nur gut gemeint…“ – „Was soll daran "Gut" sein, wenn du in meiner Intimsphäre herumwühlst, WAS?“ – „Ich habe nicht…“ – „Hast du doch! Nichts steht mehr an seinem alten Platz!“ – dann leise „Wo sind meine Tagebücher?“ – „Tagebücher? Ich habe ein paar alte Hefte weggeworfen – aber Tagebücher?“ Lisa erbleicht „Du hast meineTAGEBÜCHER weggeworfen? - Einfach so, - weggeworfen? -  Geh! – Laß mich jaaah in Ruhe!“ sie schüttelt meine Hand ab und dreht sich um. „Lisa, Bitte.“ – „GEH, HAU AB!“

 

Das war deutlich! Ich habe verschissen! Und das ausgerechnet bei Lisa, sie ist doch immer meine kleine Prinzessin gewesen, sie muß doch wissen… Als ich leise das Zimmer verlasse, brennen meine Augen, der Weg zu Leons Zimmer ist auf einmal sehr lang. Beim öffnen seiner Zimmertüre sitzt er auf dem Bett. Den Blick auf die Zimmertüre gerichtet hat er auf mich gewartet, immer noch kampfbereit. Als er in meine Augen sieht ändert sich sein Blick  „Lisa?! Sie kann einem ganz schön die Hölle heiß machen!“ Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht damit. „Kannst du mir noch eine halbe Stunde geben? Ich muss nachdenken.“ Leon nickt und bleibt ganz ruhig. „Ok.“ – „Komm dann gleich runter ins Wohnzimmer zu mir, - bitte.“ Mit diesen Worten verlasse ich ihn.

 

Ziemlich niedergeschlagen gehe ich runter. Ich lasse die letzten 2 Tage Revue passieren. Im Grunde weiß ich nichts von meinen Kindern, ihrem Leben, was  sie bewegt und was ihnen wichtig ist. Eine grausame Erkenntnis für jemanden der sich immer für einen guten Vater gehalten hat. Ich gllaube ich habe alles falsch gemacht was man nur falsch machen kann. Wie soll ich Leon gegenüber treten? Das er erwachsener ist als ich angenommen habe, hat er mir gerade bewiesen… Die Szene auf dem Flur fällt mir wieder ein – der erste ernsthafte Streit mit meinem Vater, seine Art damit umzugehen und meine Empfindungen. Ich wollte nie wie mein Vater werden. Es wird Zeit das ich etwas dafür tue - etwas ändere, – mich ändere.

 

Hi, ich bin Lisa. Daddy ist zu weit gegangen, eindeutig zu weit!! Ich… wir haben auch Rechte…und das zahle ich ihm heim, ich weiß auch schon wie. Ich sammle Tom und Max ein und gehe mit ihnen zusammen in Leons Zimmer, er hat das größte. „Kriegsrat“ ist alles was ich zu Leon sage. -  "Hör mal, er hat einen Fehler gemacht aber du hast es ihm schon ganz ordentlich zurückgezahlt…“ – „Das ist mir egal“ unterbreche ich Leon „und du hörst mir jetzt besser zu!“

(Wenn Lisa so drauf ist, ist man besser vorsichtig. Sie ist dann genau so wie Mama – total unerbittlich! – Leon)

„Ich komme morgen nicht von der Schule nach Hause. Ich geh zu Annegret und übernachte da, die weiß schon Bescheid, ich habe gerade mit ihr telefoniert. Ihr wisst von nichts!“ Tom und Max nicken sofort zustimmend, sie kennen mich eben. „Er wird Amok laufen, das weißt du genau. Du warst immer schon sein Liebling“ versucht Leon einzuwenden „Erstens hat er es verdient und zweitens, Du erinnerst dich doch noch an unser kleines –Geheimnis- oder?! Also abgemacht, Ihr haltet die Klappe!“ – „OK, ich sage nichts, ich finde es trotzdem nicht gut. Überlege es dir noch mal ... Was wenn er Mama anruft?“ – „Das ist nicht deine Sache! – Klar?“ (Sie kann so ein Miststück sein die kleine Lisa!! – Leon)

 

Als Leon nach einer halben Stunde erscheint wirkt er irgendwie…anders.

„Setz dich. Magst du ein Bier?“ Len schaut mich ganz erstaunt an. „Ich weiß, dass ich mit dir nicht wie mit den Kleinen reden kann.  Also, magst du ein Bier?“ Er nickt und ich hole aus der Küche zwei Flaschen und stelle sie zu den bereits vorbereiteten Gläsern auf den Tisch.

„So wie Du auf dem Flur eben, habe ich auch einmal meinem Vater gegenüber gestanden…“ beginne ich das erste richtige Gespräch mit meinem Sohn. Ein Männergespräch und mir wird bewusst, dass er ganz ähnliche Ansichten hat wie ich in seinem Alter. Wir reden über alles, auch über seine Freundin Veronika („die sind heute alle so angezogen Paps) und seinen Bart („rasiere dich zuerst mal eine Zeit lang täglich, dann wird er fester und dichter – sieht dann männlicher aus als das Gestrüpp“)

Wir reden über zwei Stunden miteinander (jeder 2 Flaschen) und ich habe nachher das Gefühl endlich einmal etwas „Richtig“ gemacht zu haben. Da Leon morgen eine Klausur schreibt, beenden wir das Gespräch. Leon geht zur Treppe, dreht sich noch einmal um und sagt „Du, Lisa ist wahnsinnig sauer.“ und geht nach oben.

 

„Ich weiß…“ ich räume auf und sehe auf dem Tisch den Zettel für die Reinigung, neben dem Block, den Birgit für mich geschrieben hat. Seufzend setze ich mich und beginne zu lesen… Morgen muss Alles besser laufen, es muss einfach… Vor dem zu Bett gehen, schaue ich noch einmal nach den Kindern. Die Jungs schlafen tief und fest, von meinem „Gute Nacht Kuss“ bekommen sie nichts mit. Lisa hat selbst jetzt im Schlaf noch eine Abwehrhaltung. Trotzdem gebe ich ihr wie den anderen den Kuss auf die Wange. „Es tut mir sehr leid mein Schatz“ flüstere ich in ihr Ohr bevor ich mich erhebe und das Zimmer verlasse.

 Wie war das noch? –Die Tagebücher! – Obwohl ich mich ziemlich erschossen fühle, gehe ich nach unten und fange an im Schein einer Taschenlampe die Mülltonne nach den Tagebüchern meiner Tochter zu durchsuchen. Ich komme mir dabei irgendwie beobachtet vor, aber mir ist egal was die Nachbarn denken könnten. Nach einer halben Stunde habe ich Erfolg und halte die Taschenbücher wie einen Preis in meinen Händen. Eines ist aufgeschlagen – 7.9.2008 „Ich habe den besten Daddy der Welt…“ Ich lese nicht weiter, schließe das Heft und stehe hier, in der einen Hand die Taschenlampe in der anderen die Tagebücher meiner Tochter, verdreckt wie ein Müllkutscher und wahrscheinlich auch so stinkend und habe ein sehr eigentümliches Gefühl… mit feuchten Wangen gehe ich zu Bett.

 

 

Okt 09 ein einfaches Schreiber lein