Ein Essay von Aldous Huxley aus der
Zeitschrift ‚Vedanta and the West’ von 1943
Abgötterei

Bei gebildeten Menschen ist die Gefahr nicht sehr groß, dass sie den primitiven Formen der Abgötterei verfallen. Sie widerstehen ziemlich mühelos der Versuchung zu glauben, dass Materieklumpen magische Kraft besitzen oder bestimmte Symbole und Bilder die tatsächliche Form spiritueller Wesenheiten sind und als solche angebetet und günstig gestimmt werden müssen. Gewiss, auch in dieser Zeit der universalen Schulpflicht hat eine Menge fetischistischen Aberglaubens überlebt. Aber er gilt nicht mehr als respektabel, genießt keinerlei offizielle Anerkennung oder philosophischer Billigung. Die primitiveren Formen der Abgötterei werden wie Alkohol und Prostitution zwar geduldet, aber nicht gerade für gut befunden. Sie rangieren in der akkreditierten Hierarchie spiritueller Werte ziemlich weit unten.

Ganz anders liegt der Fall bei den höher entwickelten und zivilisierten Formen der Abgötterei. Bei ihnen kann von Überleben nicht die Rede sein; sie genießen vielmehr höchstes Ansehen. Die Pastoren und Meister der heutigen Welt werden es nicht müde, diese Formen der Götzendienerei zu befürworten. Und damit nicht genug; viele Philosophen, ja sogar religiöse Führungsgestalten unserer Zeit scheuen keine Mühe, um zu beweisen, dass diese höhere Abgötterei dieselbe sei wie wahrer Gottesglaube und echte Anbetung.

Das ist ein beklagenswerter, aber keineswegs überraschender Zustand. Die heute übliche Erziehung verhindert zwar einerseits die Gefahr des Abgleitens in primitiven Götzendienst, ist jedoch andererseits geeignet, die höheren Formen nur umso anziehender erscheinen zu lassen. Höhere Abgötterei, so könnten wir definieren, besteht darin, dass menschliche Schöpfung zum Gegenstand des Glaubens und der Anbetung gemacht wird, als sei sie Gott. Die gegenwärtige Pädagogik ist in moralischer nicht weniger als in intellektueller Hinsicht streng anthropozentrisch und transzendenzfeindlich. Sie unterbindet Fetischismus und primitive Abgötterei, doch ebenso unterbindet sie jede Beschäftigung mit der spirituellen Wirklichkeit. Folglich ist zu erwarten, dass die Theorie und Praxis der höheren Abgötterei ihre extremsten Vertreter wohl unter denen hat, die solch eine Erziehung besonders gründlich genossen haben. In akademischen Kreisen sind Mystiker annähernd so selten wie Fetischisten, während enthusiastische Verfechter irgendeines politischen oder gesellschaftlichen Idealismus sich allenthalben tummeln. Bezeichnenderweise habe ich bei der Inanspruchnahme von Universitätsbibliotheken beobachtet, dass Bücher über spirituelle Religiosität hier sehr viel seltener ausgeliehen werden als in öffentlichen Büchereien, häufig von Menschen, die keine höhere Bildung mit all ihrem Nutzen und Schaden genossen haben.

Die vielen Arten höherer Abgötterei lassen sich drei Hauptklassen zuteilen – technisch, politisch und moralisch. Technische Abgötterei ist die einfallsreichste und primitivste der drei Formen; ihre Anhänger glauben nämlich wie die der niederen Abgötterei, dass ihre Erlösung und Befreiung von materiellen Dingen abhängig ist, in diesem Fall von Maschinen und Apparaten: Dies ist die Religion, deren Lehren explizit oder implizit auf den Anzeigeseiten der Zeitungen und Illustrierten propagiert werden – dort also, woher Millionen Männer, Frauen und Kinder in den kapitalistischen Ländern heute ihre Lebensphilosophie beziehen. In Sowjet-Russland wurde die technische Abgötterei in den Jahren der Industrialisierung regelrecht zur Staatsreligion erhoben. Neuerdings hat der Krieg diesem Kult in allen kriegführenden Ländern Vorschub geleistet. Militärischer Erfolg hängt sehr weitgehend von Maschinen ab. Und weil das so ist, entsteht leicht der Gedanke, Maschinen könnten überall den Erfolg garantieren und alle Probleme lösen, soziale und persönliche ebenso wie militärische und technische. So ernsthaft glauben wir an unsere technischen Götzen, dass im landläufigen Denken unserer Zeit kaum noch Spuren der antiken und zutiefst realistischen Lehre von Hybris und Nemesis aufzufinden sind. Für die Griechen war jede Art von Anmaßung und Übermaß Hybris. Wo einzelne oder Gesellschaften in ihrer Willkürherrschaft über andere oder bei der Ausbeutung der Natur zum eigenen Vorteil zu weit gingen, mussten sie für ihren Hochmut bezahlen. Kurzum, Hybris rief Nemesis auf den Plan. Sehr klar und sehr schön ist das in Aischylos’ Tragödie Der Perser zum Ausdruck gebracht. Xerxes, der nicht nur seine Nachbarn mit Waffengewalt zu unterwerfen sucht, sondern auch die Natur – und mehr, als einem Menschen zusteht – seinem Willen beugen möchte, wird hier dargestellt als ein Mensch von übermäßiger Hybris. Für Aischylos zeugt Xerxes’ Brückenschlag über den Hellespont von ebenso großer Hybris wie die Invasion Griechenlands und verdient ebenso die Bestrafung durch Nemesis. Heute scheinen sich unsere einfältigen Technikanbeter einzubilden, man könne sich all die Vorteile einer ungeheuer weit getriebenen technischen Zivilisation verschaffen, ohne den Preis dafür zahlen zu müssen.

Nur unbedeutend weniger einfallsreich sind die politischen Götzendiener. Sie beten nicht handfeste materielle Objekte an, sondern gesellschaftliche und wirtschaftliche Organisationen. Nötige den Menschen nur die richtige Art von Organisation auf, und alle Probleme von Unglück und Sünde bis Abfallbeseitigung und Krieg werden sich ganz von selbst lösen. Auch hier ist es beinahe müßig, nach Spuren jener uralten Weisheit Ausschau zu halten, die einen so denkwürdigen Niederschlag gefunden hat im Tao Te King – der so realistischen Weisheit, dass Organisationen und Gesetze kaum viel Gutes stiften werden, wo die Organisatoren und Gesetzgeber einerseits und die Organisierten und Gesetzestreuen andererseits ihre Beziehung zum Tao, dem Weg, der Wirklichkeit hinter den Phänomenen, verloren haben.

Das große Verdienst der moralischen Götzendiener besteht darin, klar erkannt zu haben, dass individuelle Erneuerung die Voraussetzung und Bedingung gesellschaftlicher Erneuerung ist. Sie wissen, dass Maschinen und Organisationen Instrumente sind, die so gut oder schlecht benutzt werden, wie ihre Benutzer gut oder schlecht sind. Für die technischen und politischen Götzenanbeter ist die Frage der persönlichen Moral zweitrangig. Nicht all zu ferne Tage, so ihr Glaubensbekenntnis, werden Maschinen und Organisationen so perfekt sein, dass es auch die Menschen sind, weil sie gar nicht mehr anders sein können. Bis dahin ist es nicht nötig, sich über persönliche Moral allzu sehr den Kopf zu zerbrechen. Man muss nur fleißig, geduldig und einfallsreich genug an immer mehr und immer besseren Apparaturen arbeiten und mit den gleichen Tugenden, ergänzt durch Mut und Rücksichtslosigkeit, taugliche soziale und ökonomische Organisationsformen entwickeln und durch Krieg oder Revolution dem Rest der Menschheit aufzwingen – ausschließlich zu deren Wohl, versteht sich. Die Moralanbeter wissen recht gut, dass die Dinge nicht ganz so einfach sind und die persönliche Erneuerung unter den Vorbedingungen einer gesellschaftlichen Erneuerung ganz weit vorn stehen muss. Ihr Fehler besteht darin, dass sie statt Gott ihre eigenen ethischen Ideale anbeten und den Erwerb von Tugend als Selbstzweck und nicht als Mittel ansehen – als notwendige und unabdingbare Voraussetzung der Einheit stiftenden Erkenntnis Gottes. Ich möchte hier aus einem Brief von Thomas Arnold an seinen Schüler und künftigen Biographen A. P. Stanley zitieren:
„Fanatismus ist Abgötterei, und er hat das moralische Böse der Abgötterei in sich; das heißt, ein Fanatiker betet etwas an, was Schöpfung seiner eigenen Wünsche ist, und daher ist sogar seine Hingabe an das, was er anbetet, nur scheinbare Hingabe. Tatsächlich nämlich werden nur die Seiten seiner Natur oder seines Gemüts, die er am wenigsten schätzt, zum Verzicht bewegt gegenüber dem, was ihm am meisten bedeutet. Der moralische Mangel, wie es mir scheint, liegt in der Abgötterei – eine Idee, die unserem eigenen Geist besonders nahe steht, über alle anderen zu erheben, und dann an die Stelle Christi zu setzen, des einen also, der nicht zum Abgott gemacht werden kann und nicht zur Abgötterei anstiftet, weil Er alle Vorstellungen von Vollkommenheit in sich vereinigt und sie in ihrer rechten Harmonie und Verbindung erkennen lässt. In meinem eigenen Geist nun, seiner natürlichen Neigung nach – wenn ich also meinen Geist in seiner besten Verfassung nehme -, wären Wahrheit und Gerechtigkeit die Abgötter, denen ich zu folgen hätte; und es wären Abgötter, denn sie würden nicht alle Nahrung bereitstellen, die der Geist braucht, und während ich ihnen huldige, könnte es recht wohl sein, dass Ehrfurcht, Demut und Milde vergessen werden. Christus aber vereinigt sowohl Wahrheit und Gerechtigkeit als auch alle diese anderen Eigenschaften in sich … Engherzigkeit hat einen Hang zum Bösen, weil sie ihre Aufmerksamkeit nicht allen Seiten unserer moralischen Natur zuwendet und diese Missachtung das Wachsen des Bösen im Missachteten fördert.“

Das ist als psychologische Analyse durchaus bewundernswert, aber es greift zu kurz, weil es das nicht berücksichtigt, was man Gnade nennt. Gnade wird gewährt in dem Maße, wie ein Mensch seinen Eigenwillen aufgibt und sich Augenblick für Augenblick dem Willen Gottes preisgibt. Durch Gnade wird unsere Leere gefüllt, unsere Schwäche gestärkt, unsere Verderbtheit gewandelt. Es gibt natürlich neben den echten Gnaden auch Scheingnaden – der Zuwachs an Stärke etwa, der sich einstellt, wenn man sich irgendeiner politischen oder moralischen Abgötterei ergibt. Es ist oft schwierig, zwischen echter und falscher Gnade zu unterscheiden; wenn aber Zeit und Umstände die volle Auswirkung falscher oder echter Gnaden auf die Gesamtpersönlichkeit sichtbar machen, erkennen sogar Menschen von durchschnittlicher Einsicht den Unterschied. Wo Gnade echt ist, wird die Verbesserung eines Persönlichkeitsaspekts nicht mit der Verschlechterung oder Verkümmerung eines anderen erkauft. Tugend kann errungen werden ohne den Preis der Härte, des Fanatismus, der Unbarmherzigkeit und des spirituellen Hochmuts – ohne die üblichen Folgen stoischer Selbsterziehung aus eigener Kraft oder mit der Hilfe von Scheingnaden, die einem zuteil werden, wenn man sich einer Sache weiht, die nicht Gott ist, sondern eine Projektion eigener Lieblingsideen. Die abgöttische Verehrung ethischer Werte bringt sich selbst zu Fall – und nicht nur, weil es ihr an allseitiger Wachsamkeit mangelt, sondern auch und vor allem deshalb, weil selbst die höchste Form moralischer Abgötterei Gott verdunkelt und damit absolut sicherstellt, dass einer, der dieser Abgötterei huldigt, das Ziel der einigenden Erkenntnis des Wirklichen nicht erreicht.