Abteilung Vorteil des Alterns - Teil I
Eine Gesellschaft mit Menschen um 60 tut vor allem eines: Sie hält einen in jeder Beziehung einen Spiegel vor. Aber: Die Jugend hat's auch nicht leicht. Hatten wir auch nicht, als wir noch jugendlich waren. Deshalb bin ich froh, so alt zu sein, wie ich bin – und keinen Tag jünger.
Drei feierten ihren 60. Geburtstag. Und weil sich der Freundes- und Bekanntenkreis überschnitt, hatten sich zusammen getan und was Größeres auf die Beine gestellt.
Viele waren um 60, ein paar an die 70, ein paar um 50. Ich kannte kaum jemanden und schaute mich um. Und schaute in die Gesichter.
Ich sah die Zeichen des Alterns: die tiefer eingegrabenen Mundwinkel-Falten. Sah die tiefen Falten über der Nasenwurzel, die geschwollenen Lider. Die leicht hängenden Wangenpartien. Die senkrechten Lippen-Falten.
Ich sah, dass auch die schlanken Frauen alle einen kleinen Bauch hatten; die Männer hatten sowieso alle einen, ohne Ausnahme. Ich sah die braunen Altersflecken auf vielen Händen, die hervortretenden bläulichen Adern.
Plötzlich wurde mir beklommen zumute. Wurde mir wie in einem Spiegel das Altern aufgezeigt. Ja, auch meins.
Ich betrachtete in dem unfreundlichen Neonlicht der Damentoilette in mein Gesicht, sah auch dort die Mundwinkel-Falten, eine beginnende Schlaffheit, angestrahlt wie im Scheinwerfer-Licht.
Ich ging zurück, doch der Abend war mir plötzlich irgendwie verdorben. Das Bier schmeckte schal, die Gespräche wirkten gezwungen, ich war auch völlig erschöpft von der Woche, der Arbeit, die Belastbarkeit, Elastitzität und Flexibilität verlangt.
Ich fühlte mich grau, ausgelaugt. Ich ging.
Unten auf der Straße tobte das Leben. Junge Menschen strebten der In-Disco zu. Die Pärchen ernst, die Hände fast verkrampft ineinander. Die Männer angestrengt cool. Die Frauen vorschriftsmäßig gestylt. Viele in kurzärmligen Tops und Pullis, frierend die Arme um sich geschlungen, klappernde Zähne, ausgekühlt von den 500 Metern in der um 3 Grad kalten Luft – offenbar gab es ein bekanntes Garderobenproblem in der Location.
Ich schaute sie an, die glatten Gesichter, denen noch kein Neonlicht etwas anhaben konnte. Sah die jungen Männer und Frauen, wie sie so ernsthaft und ernst dem Geschäft der Paarfindung und Lebenssinnfindung und Glückfindung nachgingen.
Mir fiel ein: Ich war auch mal so. Mir fiel wieder der harte Winter '78/79 ein, als es so kalt war, der Schnee so hoch lag wie fast noch nie, und ich in diesem Winter in dünnen Stiefelchen mit Megaabsatz einher stöckelte, die Zehen zu Eis gefroren.
Und da wurde ich richtig fröhlich, weil ich wusste: Egal, was jetzt noch alles kommt – aber DAS hab ich hinter mir. Nie mehr.
Und ich dachte: Was geht's mir gut. Auch nur einen Tag jünger sein als ich bin? Nein! Das würde ich nervlich gar nicht mehr aushalten. © Anna W.
Viele waren um 60, ein paar an die 70, ein paar um 50. Ich kannte kaum jemanden und schaute mich um. Und schaute in die Gesichter.
Ich sah die Zeichen des Alterns: die tiefer eingegrabenen Mundwinkel-Falten. Sah die tiefen Falten über der Nasenwurzel, die geschwollenen Lider. Die leicht hängenden Wangenpartien. Die senkrechten Lippen-Falten.
Ich sah, dass auch die schlanken Frauen alle einen kleinen Bauch hatten; die Männer hatten sowieso alle einen, ohne Ausnahme. Ich sah die braunen Altersflecken auf vielen Händen, die hervortretenden bläulichen Adern.
Plötzlich wurde mir beklommen zumute. Wurde mir wie in einem Spiegel das Altern aufgezeigt. Ja, auch meins.
Ich betrachtete in dem unfreundlichen Neonlicht der Damentoilette in mein Gesicht, sah auch dort die Mundwinkel-Falten, eine beginnende Schlaffheit, angestrahlt wie im Scheinwerfer-Licht.
Ich ging zurück, doch der Abend war mir plötzlich irgendwie verdorben. Das Bier schmeckte schal, die Gespräche wirkten gezwungen, ich war auch völlig erschöpft von der Woche, der Arbeit, die Belastbarkeit, Elastitzität und Flexibilität verlangt.
Ich fühlte mich grau, ausgelaugt. Ich ging.
Unten auf der Straße tobte das Leben. Junge Menschen strebten der In-Disco zu. Die Pärchen ernst, die Hände fast verkrampft ineinander. Die Männer angestrengt cool. Die Frauen vorschriftsmäßig gestylt. Viele in kurzärmligen Tops und Pullis, frierend die Arme um sich geschlungen, klappernde Zähne, ausgekühlt von den 500 Metern in der um 3 Grad kalten Luft – offenbar gab es ein bekanntes Garderobenproblem in der Location.
Ich schaute sie an, die glatten Gesichter, denen noch kein Neonlicht etwas anhaben konnte. Sah die jungen Männer und Frauen, wie sie so ernsthaft und ernst dem Geschäft der Paarfindung und Lebenssinnfindung und Glückfindung nachgingen.
Mir fiel ein: Ich war auch mal so. Mir fiel wieder der harte Winter '78/79 ein, als es so kalt war, der Schnee so hoch lag wie fast noch nie, und ich in diesem Winter in dünnen Stiefelchen mit Megaabsatz einher stöckelte, die Zehen zu Eis gefroren.
Und da wurde ich richtig fröhlich, weil ich wusste: Egal, was jetzt noch alles kommt – aber DAS hab ich hinter mir. Nie mehr.
Und ich dachte: Was geht's mir gut. Auch nur einen Tag jünger sein als ich bin? Nein! Das würde ich nervlich gar nicht mehr aushalten. © Anna W.
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