Mit 15 lernte Renate ihn kennen, ihre erste Liebe: Jürgen, drei Jahre älter, groß und sportlich. Sie fand ihn hinreißend, er sie auch. Er war stolzer Besitzer einer Vespa, was ihn für Renate noch interessanter machte. Jürgen stammte aus ärmlichen Verhältnissen und wohnte mit seiner Familie in einer nicht gerade "einladenden" Gegend. Der Vater trank mehr Alkohol, als er vertragen konnte, die Mutter war diesem Laster auch nicht abgeneigt. Jürgen trank hin und wieder ein Bier, mehr nicht. Renate war beeindruckt, dass er so anders war als seine Eltern.
Einige Wochen später nahm sie ihn mit zu sich nach Hause. Sie hatte ihren Eltern von ihm erzählt, verschwieg jedoch, aus welchen Verhältnissen er kam. Ob man ihm seine Herkunft ansah? Jedenfalls verboten ihr die Eltern nach Jürgens Besuch weiteren Kontakt mit ihm, ohne Erklärung, warum sie ihn ablehnten. "Er ist nichts für dich..." Für Renate stürzte der Himmel ein. Er behandelte sie gut, sie waren verliebt und sie genoss diesen Zustand in vollen Zügen.
Vielleicht hatten ihre Eltern, die ihr immer viele Freiheiten ließen, Angst, dass sie schwanger werden könnte, vermutete Renate. Die Pille, zu dieser Zeit gerade erst auf dem Markt, kam für sie noch nicht in Frage. Doch sie hatte nicht vor, mit Jürgen zu schlafen. Außer Küssen und Schmusen war nichts passiert und er akzeptierte ihre Einstellung. Was hatten also die Eltern nur gegen ihn? Na ja, er konnte sich nicht besonders gut ausdrücken und verwechselte ab und zu mir und mich. Das störte Renate überhaupt nicht, kam es doch auf ganz andere Werte an, wie sie fand.
Sie traf sich weiter mit Jürgen und verstrickte sich in Lügen, die sie aber "Ausreden" nannte, damit ihre Eltern nichts merkten. So manches verbotene Treffen kam ans Tageslicht und der Ärger kam prompt. Ohrfeigen und körperliche Gewalt kannte sie nicht von ihren Eltern. Doch das Geschrei war auch nicht ohne... Hausarrest? Auch der war bis zu diesem Zeitpunkt nie ein Thema. Sie konnte einfach nicht anders und traf sich heimlich weiter mit Jürgen. Irgendwann hieß es dann doch: Hausarrest! Logisch, dass sie sich nicht daran hielt...
War die Freundschaft durch das Verbot nicht noch viel spannender? Nur so ließe sich erklären, dass dieses anstrengende Hin und Her fast zwei Jahre dauerte. In dieser Zeit versuchte sie, sich von Jürgen zu lösen, lernte auch andere Jungen kennen. Doch sie konnte ihn nicht vergessen. Kurz vor ihrem 17. Geburtstag, sie trafen sich wieder heimlich in einem Park, streifte er ihr einen goldenen Ring über: "Sollen wir uns verloben?" fragte er Renate. Wie sollte das gehen? Den Ring durften ihre Eltern nicht sehen, sie musste ihn also zu Hause verstecken.
"Ich habe eine Idee," hörte Renate. "Wenn du schwanger wärst, würden deine Eltern wahrscheinlich die Einwilligung zu einer Heirat geben." Schwanger? Mit 17? Niemals. Sie wollte ihr Leben genießen.Sie zog den Ring vom Finger. In diesem Moment wusste sie, dass sie getrennte Wege gehen würden.
Als sie ihn zwanzig Jahre später zufällig wiedersah, erzählte er, dass seine Ehe fast zerbrochen wäre. Er hatte ein Verhältnis mit seiner Schwägerin, seine Frau kam dahinter. Mit Mühe und Not konnte er sie davon abhalten, die Scheidung einzureichen. "Ich konnte dich nie vergessen. Dir wäre ich nie untreu geworden", versicherte er Renate, die mittlerweile glücklich verheiratet war. Er gestand, dass die Sache mit seiner Schwägerin nicht der einzige Seitensprung in seiner Ehe war.
Hatten ihre Eltern damals doch recht? Vielleicht. Trotzdem wäre es besser gewesen, wenn sie diese Erfahrung selbst gemacht hätte.
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Christian Steiner
