Hilflose Kinder, die vernachlässigt werden, geschlagen, eingesperrt oder mißbraucht werden.
Rentner, die überfallen werden.
Alleinerziehende Mütter, die ihre Kinder töten. Drogenabhängige, verlassene Strassenkinder, einsame, kranke und arme Menschen. Die Nachrichten überfluten uns mit bewegenden Lebensgeschichten.
Wie reagieren wir darauf? Spüren wir Ablehnung, oder Angst? Verurteilen wir diese Menschen, grenzen sie aus unseren Emotionen aus, weil sie so anders sind? Damit wollen wir nichts zu tun haben. Jeder muss sehen wie er sein Leben lebt. Würden wir einen Obdachlosen mit nach Hause zu einem warmen Essen mitnehmen? Oder ihm etwas gekochtes bringen? Reden wir mit ihm wenn er es will? Schreiten wir ein, wenn eine alkoholisierte Mutter ihre ca. 11jährige, nach urin riechende Tochter, verbal brutale Worte entgegenbringt?
Reagieren wir, wenn ein Kind in der Nachbarschaft etwas verwahrlost herumläuft?
Geben wir dem Obdachlosen einen Euro, ohne die ausgesprochene
Bedingung, sich dafür auch etwas zum Essen zu kaufen?
Was bewegt die meisten Menschen dazu einfach nur wegzuschauen?
Angst ist die Antwort. Egal wie sie ausgedrückt wird. Es ist Angst. Angst vor den eigenen Gefühlen.
So geht es mir zumindest. Entweder sehe ich hin, und gebe einen Euro, oder ich schaue ihn einfach nicht an. Und immer wecken all diese Menschen Emotionen in mir. Manchmal fühle ich ihr Leid, ihre Aussichtslosigkeit, ihre verlorene Hoffnung. Nur beim Vorbeigehen. Und dann ist es hart, hinzuschauen. Kaum zu ertragen. Ich möchte lindern, und kann es nicht hinreichend. Ein Lächeln, ein normales Hallo vielleicht. Will ihnen zeigen, dass ich sie respektiere, so wie sie sind. Aber die Angst, dass sie aggressiv werden könnten ist immer da. Ja, Angst verhindert Liebe oder Agape.
Diese Menschen zu treffen, hat immer etwas grenzwertiges an sich. Wer offen ist, wird innerlich berührt und kann dann nur das tun, was in seiner Macht steht. Aber ich werde auch immer durch diese Menschen an Ablehnung des Anderslebenden erinnert. Und ich frage mich, ob das nicht bei allen Menschen so ist. Die Schwächeren in unserer Welt gehen doch letztendlich jeden von uns etwas an, weil sie unterschiedlichste Emotionen in uns hervorrufen. Obwohl ich der Meinung bin, dass sie nicht zu den Schwächeren zählen, sondern zu den Starken. So ein Leben lange Zeit zu überleben ist fast schon bewunderungswürdig. Das nur nebenbei.
Nur reden wir nicht über diese ausgelösten Emotionen. Das bleibt ,wie schon immer, ein Tabuthema.
Eine kurze Geschichte:
Bin in einer Großstadt direkt am Hafen aufgewachsen. Es gab eine Zeit, in der sich ein Obdachloser immer mal wieder in unserem Viertel zeigte. Langes Haar, langer Bart, und sehr liebe Augen. Man erzählte sich die wunderlichsten Geschichten über ihn. Angeblich hätten mehrer Menschen gesehen, wie er aufrecht ins Hafenwasser ging, aufrecht im Wasser verschwand, und aufrecht wieder herauskam, die Kleidung sollte nach Aussagen der Leute trocken gewesen sein. Ebenso die Haare. Ok, das lasse ich mal so stehen.
Er war auf alle Fälle etwas besonderes. Man hatte Achtung vor ihm. Dieser Mann sprach kein einziges Wort. Vielleicht konnte er nicht reden.
Eines morgens auf dem Weg zur Schule (mit ca 9 jahren) traf ich auf ihn. Er schaute so traurig, was mich sofort berührte. Ich wollte ihm mein Schulbrot geben, habe mich aber nicht getraut. Wir sahen uns nur an, und ich ging weiter. Ich war sehr sehr traurig nach dieser einzigen Begegnung mit ihm, weil ich nicht den Mut hatte, meinem innerlichen Verlangen, ihm mein Brot zu geben, nachging. Er tauchte nie mehr in unserem Viertel auf. Später habe ich erfahren, dass viele Menschen glaubten, es sei Jesus gewesen. Lass ich jetzt auch kommentarlos stehen.
Heute stelle ich mir vor, wenn man Christ ist, und sich in dem Obdachlosen Jesus oder auch einen Menschen, den man sehr liebt,vorstellt, ob unsere Begegnungsangst da nicht wie von selbst verschwindet.
Er war ein Obdachloser mit einem bestimmten Charsima. Seit dieser Begegnung mit ihm, die ich nicht vergessen kann, was übrigens vielen Menschen so geht die ihn kannten, wuchs von Jahr zu Jahr meine Fähigkeit zum Mitfühlen und verstehen.
Mitleid braucht keiner.
Aber Respekt und Achtung vor Anderslebenden brauchen wir alle. So sehe ich das.
Helfen kann man leider nicht immer. Aber für viele sogenannte Schwächere ist es schon viel, wenn wir sie ganz normal anlächeln, grüßen und ihnen damit zeigen, dass Sie dazugehören.Selbst die vermeindlichen "Bösen"
Vielleicht bin ich zu naiv.
Aber bestimmt bin ich nicht die Einzigste. :-)