Manch einer sieht in einer Kleingartenkolonie nur Spießigkeit und Langeweile, doch weit gefehlt.Hier gibt es Mord und Totschlag und sogar einen Liebesfilm könnte man drehen.

 

 „Du Biest! Dich mach ich kalt!“ Wutschnaubend hält mein Gartennachbar die Reste seiner Lieblingspflanze in der Hand.„Guck dir das mal an! Die Wurzeln sind restlos weggefressen. Nun ist Schluss mit lustig!“Mit festem, schnellem Schritt eilt er in seinen Schuppen und kommt mit der Wühlmausfalle in der Hand wieder. Schon zwei Stunden später hält er das tote, gefräßige Tier in der Hand und wirft es absichtlich fest in die Mülltonne.

„ Uhh, Froschen autschen, “ bemerkt mein Mann, ein großer Fan bestimmter Komiker.

Patsch!„So, du stichst mich nicht mehr!“Meine Nachbarin zur Rechten reibt sich den Arm und fürchtet, das gäbe wohl wieder einen riesigen Flatschen. Sie reagiert allergisch auf Bremsenstiche.

 

Trotz Mord und Totschlag um mich herum liege ich in schmunzelnder Erwartung im Liegestuhl, Blickrichtung Mittelweg, wo jeder hergehen muss.

Als wir vor gut zwei Jahren den Garten bekamen, klärten mich die Nachbarn auf.

„ Vorne, im ersten Garten ist der Harry, gegenüber der Gerd mit dem kleinen Hund, dann kommt Paul mit den tollen Obstbäumen. Den Garten daneben hat der Griesgram, dann kommt der Willi….“

 

Nun bin ich eher der Typ, der sich seine Feinde und ungern gesehenen Mitmenschen selber aussucht. Wann immer ich den Mann mit den unfreundlichen Spitznamen im Garten sah, grüßte ich besonders freundlich, sogar dann, wenn er mir vielleicht absichtlich den Rücken zukehrte und Unkraut jätete. Es schien ihm körperlichen Schmerz zu verursachen, wenn er den Mund zum Gruße öffnen musste.

Musste er mal mehr sagen als nur „Moin!“ oder „Tach!“, kam das sehr polternd und brummig rüber.

 

Nun haben wir in der Gartenanlage halbwilde Katzen. Die meisten kommen zu meinem Nachbarn Karl und fressen dort die besten Leckerchen. Es gibt Pute, Shrimps und natürlich nur „Kitzeldiekatz“, weil das besonders gut sein soll. Bis auf eine sehr scheue Katze wurden alle Tiere eingefangen und um ihre Vermehrungskraft gebracht.

 

Die scheue Katze, wegen ihrer rosa Nase Rudolf getauft, war eines Tages nicht mehr zum Fressen bei Karl erschienen. Ich sah sie am Abend im Garten von Griesgram, der fluchte

„Hau bloß ab, scheißt mir die ganzen Beete voll, ich will dich hier nicht haben, du Vieh!“

Als er mich sah, brummelte er sich was in den Bart und ging in seine Laube. Rudolf sah mich treuherzig an und schlich sich durch die Büsche einen Garten weiter. Obwohl er nicht gefressen hatte, wirkte Rudolf gut genährt.

 

Ein paar Tage später schien sich der halbe Gartenverein im großen Nettoladen gegenüber zu treffen. Ich sah, wie Griesgram zwei Kuchen in seinen Einkaufswagen legte, Marmor und gefrorene Käse-Sahne-Torte. Griesgram, der auch mal Muffkopp oder Brummel genannt wurde, litt Höllenqualen. Musste er doch die zahlreichen Grüße seiner Vereinskameraden beantworten. Mit allen anderen ein kleines Schwätzchen haltend, standen wir in der Schlange an der Kasse. Wie immer war ich besonders freundlich bei meinem Gruß an ihn. Mein Mann grinste„Das tust du doch nur, um ihn zu ärgern! Der würde lieber übersehen.“

 

„Um ihn zu übersehen, sieht er aber einfach zu gut aus, “ seufzte Edeltraut, meine Gartennachbarin und sah plötzlich ertappt aus. Da war ihr wohl ein persönliches Geheimnis entwichen. Mir gefiel die Idee. Trautchen war seit 14 Jahren Witwe, knapp 70 und gut dabei. Wäre Griesgram weniger griesgrämig, würden sie die Wahl zum Traumpaar gewinnen, denn er war auch Witwer. Nun kupple ich ja für mein Leben gern, allerdings so, dass das zukünftige, glückliche Paar nichts davon merkt.

 

So nebenher erzählte ich Trautchen grinsend, dass Muffkopp gebrummelt hätte, der gekaufte Kuchen schmecke fade und mache Sodbrennen. Ich bemerkte absichtlich schadenfroh, dass dies eine Strafe für jemanden sei, der ganz offensichtlich ein „Süßer“ ist und keinen gescheiten Kuchen bekommt. Trautchen wirkte nachdenklich.

 

Zwei Tage später rief sie mich zu sich rüber.„Ich habe Käsekuchen gebacken, alleine kann ich den aber nicht verdrücken, “ erklärte sie und als ich fragte, wo denn das vierte Viertel geblieben ist, sprach sie einfach darüber hinweg.

In der Folgezeit gab es öfter ganz tolle Torten und auch Marmorkuchen. Ich bot an, auch mal Kuchen zu backen, doch das lehnte sie erschrocken ab.

Ich bekam das Grinsen kaum aus meinem Gesicht.Am Abend entdeckte ich zwei Schälchen neben dem Platz, an dem Griesgram seine Bank hatte.„Oh, fütterst du jetzt den Rudolf? Kein Wunder, dass der sich bei Karl nicht mehr sehen lässt, “ freute ich mich, doch Griesgram brummte, das sei für die Vögel, die sollen ihm die Raupen aus dem Kohl fressen. Für die Katzenviecher würde er doch kein Geld ausgeben. Nun gut, wenn er sein Image als Griesgram und Muffkopp unbedingt pflegen wollte…bitte!

 

Die Zeit verging, Trautchen backte wie wild und es wurde richtig heiß. Mit einem Kasten Mineralwasser schleppte ich nicht nur ihn sondern auch mich vom Parkplatz Richtung Garten.

Uiii, war das um 9 Uhr früh schon warm! Ich musste den Kasten absetzen und ärgerte mich, weil ich zu faul war, den Bollerwagen aus dem Garten zu holen.

Die nächste Pause machte ich kurz vor Griesgrams Garten.„Ja, du bekommst doch noch was. Nein, nicht den Kuchen, der gehört mir. Den hat die Traudel gebacken. Du bekommst Schinken!“

 

Nicht dass ich hätte lauschen wollen, natürlich nicht! Ich habe nur einfach etwas länger Pause gemacht und mir dabei einen Witz erzählt, den ich selber noch nicht kannte, saß ich doch auf dem Kasten Wasser und feixte.

 

Ich hatte nichts Besseres zu tun als Traudel davon zu berichten. Die gab zu, dass sie ihm den Kuchen ans Tor gehängt habe. Den aß er gern, hatte ihr auch Geld dafür geboten, was sie natürlich entrüstet ablehnte. Ein Gespräch, mehr als small talk oder gar eine Einladung, seinen Garten zu besichtigen, war aber nicht dabei heraus gekommen. Von Trautchens Hoffnungen schien er nichts zu ahnen. Ich hingegen schlemmte ihre Himbeer-Vanille-Torte und ahnte, dass er einen Fingerzeig brauchte.Irgendwie befürchtete ich auch, Trautchen könne die Lust abhandenkommen, den Griesgram weiter zu füttern. Allerdings zählte ich ihn zu den Männern, die etwas länger brauchen, um zu verstehen.

 

Bis zu Trautchens Operation, bei der sie ihre zweite künstliche Hüfte bekommen sollte, waren es nur noch wenige Tage, dann war sie eine längere Zeit nicht in der Lage zu agieren. Das war es vielleicht! Mach dich rar und du wirst interessant! Einen Tag bevor Trautchen ins Krankenhaus musste, gab es einen himmlischen Apfelkuchen. Mit Schmandhaube, aus zartem Sandteig gebacken und mit einer Kruste aus krachendem Karamel.

 

Nach 4 Tagen stand Griesgrams Auto plötzlich auf dem Parkplatz, von dem der Weg zu seinem Garten an dem von Traudel vorbei führte. Morgens und abends verrenkte er sich mehr oder weniger unauffällig den Hals, doch Traudel blieb verschwunden. Nach 6 Tagen fuhr er zu den unterschiedlichsten Zeiten per Rad auf und ab. Nach 10 Tagen war er mürbe.

„Hallo, “ rief er etwas zaghaft, “ ist die Traudel nicht da?“

„Nöö, “ gab ich ihn imitierend zurück.

„Weißt du, wo die ist?“

„Ja!“

Erwartungsvoll sah er in meine Richtung doch ich zupfte schon wieder das Verblühte an meinen Rosen ab.

„Herrschaftszeiten! Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen, “ mokierte er sich und grinste verlegen.

„Von wem ich das nur abgeguckt haben könnte, “ lächelte ich und zupfte weiter.

„Nun sag schon, wo sie ist, bitte!“

„Fehlt dir der Kuchen?“ Gern wollte ich ihn noch etwas schmoren lassen und zupfte immer noch eifrig an den Blumen. Sein Schweigen irritierte mich und als ich zu ihm sah, hatte er einen ganz seltsamen Gesichtsausdruck. Dann sah er mich an.

„Sie fehlt mir! Nichts gegen ihre Torten, die sind wunderbar, aber ich vermisse Traudel!“ Diese Erkenntnis kam für ihn wohl überraschender als für mich.

 

Ich nannte ihm den Namen der Klinik und er wurde sogar blass. Nein, nichts Schlimmes, nur die zweite Hüfte, war alles schon passiert, Traudel ging es gut.

„Ob ich zu ihr fahren kann?“

„Wenn du zum Kartenlesen zu dumm bist, bekommst du mein Navi, “ grinste ich und er winkte brummelnd ab. Sah fast so aus als wäre er ganz der Alte, wäre da nicht dieser beseelte Gesichtsausdruck gewesen.

 

Schnell rief ich Traudel an. Die würde sich in einem frischen Nachthemd und nett zurecht gemacht viel wohler fühlen, wenn er plötzlich auftauchte.

Er besuchte Traudel nicht nur im Krankenhaus, er fuhr auch zu ihr in die Rehaklinik. Einen Stock brauchte Traudel nicht als sie wieder zum Garten kam, sie wurde von starken Männerarmen gestützt.

 

Trautchen hat ihren Garten gekündigt. Sie hat keine Zeit mehr, das Grundstück zu pflegen. Sie backt jetzt hauptberuflich Torten in einem Garten weiter vorn, ist im Nebenberuf Katzenmutter.

Rudolfs guter Ernährungsstand war eine Schwangerschaft. Sie bescherte Rudolf den Namen Rosi und auch der Griesgram heißt jetzt Jupp.

Der behauptet, Traudels Apfelkuchen habe ihm die Augen geöffnet. Welch nette Erkenntnis!

 

Ein paar Äpfel sorgten also dafür, dass Traudel sich genötigt sah, ihren Garten Eden zu verlassen.

Na, passt doch!!