Vor einiger Zeit habe ich im Fernsehen eine Gesprächsrunde verfolgt, in der es ums Älterwerden im Allgemeinen und die Wechseljahre im speziellen ging. Ungefähr sechs Frauen äußerten sich mit unterschiedlichen Ansichten zu unterschiedlichen Themen. So wurde über Depressionen gesprochen, über Hitzewallungen und Gewichtszunahme, über Libidoverlust und Vor- und Nachteile von Hormonen. Die Meinungen gingen naturgemäß auseinander, aber fast alle waren sich einig: Älterwerden ist nicht unbedingt lustig. Lediglich eine Dame, eine blondgelockte Frohnatur und ihres Zeichens Politikerin in München, sah das anders. Sie könne das Gejammere überhaupt nicht verstehen, meinte sie mit strahlendem Lächeln, ihr ginge es blendend und sie verspüre nicht den Hauch irgendwelcher negativen Auswirkungen.

Im Laufe der Diskussion stellte sich dann heraus, dass der politischen Dame mit Anfang vierzig die Gebärmutter entfernt wurde und sie seit damals Hormone nahm – typische Wechseljahresbeschwerden konnten bei ihr also gar nicht auftauchen. Auf diesen Umstand aufmerksam gemacht, meinte sie aber trotzdem, unter anderen Umstünden als den durch die Gebärmutterentfernung gegebenen würde sie nie im Leben Hormone nehmen. „Blöde Kuh“ rief ich lautstark in Richtung Mattscheibe, denn über diese dämliche Bemerkung habe mich wirklich geärgert. Wie kann jemand vollmundig über etwas reden, von dem er keine Ahnung hat...

Meine Wechseljahre begannen sich bemerkbar zu machen als ich so ungefähr 43 war. Es waren Winzigkeiten. Meine Menstruation wurde schwächer und ich hatte den Eindruck, dass meine Achselhöhlen manchmal etwas strenger rochen als früher. Bei gleichbleibender Körperpflege – versteht sich. Ein paara Jahre später machte mein Arzt den Vorschlag, meinen Hormonspiegel zu testen, und das Ergebnis war: ich befand mich mitten in den Wechseljahren. Zu früh, nach Ansicht des Fachmannes, und er verschrieb mir Hormone. Die Blutungen wurden wieder stärker und alles schien wie vorher.

Dann fand ich in einer Zeitung einen großen Artikel über Hormone. Nach der Lektüre war ich vollkommen verunsichert, denn die Meinungen gingen diametral auseinander. Und die Befürworter hatten dieselben Menge schlagkräftiger und schwerwiegender Argumente wie die Gegner. Ratlos konsultiere ich meinen Arzt, der mit den Schultern zuckte und meinte, er befände sich in einem ähnlichen Zwiespalt wie ich. Jede Meinung sei richtig, und welche richtiger sei, sei nicht bewiesen. Aha! Ich beschloss, keine Hormone mehr zu schlucken. Die Unsicherheit war mir zu groß, ich wollte der Natur freien Lauf lassen.

Nur wenige Wochen später saß ich an meinem Schreibtisch, mir wurde unglaublich heiß und der Schweiß floss in Strömen. Da Sommer war, führte ich das auf die hohen Außentemperaturen zurück und machte mir keine großen Gedanken darüber. Doch ein paar Tage später zeigte das Thermometer gerade mal zwölf Grad und ich bekam trotzdem Schweißausbrüche. Und zwar zunehmend mehr. Hitzewallungen, schloss es mir durch den Kopf, wechseljahresbedingte Hitzewallungen. Ja, kein Zweifel, bestätigte auch mein Arzt. Na ja, das wird wohl bald vorbeigehen, meinte ich hoffnungsvoll. „Vielleicht“, meinte der Arzt, „vielleicht aber auch nicht.“ Wie lange das denn andauern könne, wollte ich wissen. Das könne er nicht sagen, meinte er. Das könne Jahre dauern.

Jahre?! Ich war schockiert. Denn mittlerweile wurde ich von diesen Schweißausbrüchen alle zehn bis fünfzehn Minuten attackiert. Und das rund um die Uhr! Zuhause, mit Leggings und T-Shirt am Schreibtisch oder auf dem Sofa, war das ja noch zu ertragen. Aber in voller Business-Montur beim Kunden sitzend waren die rollenden Schweißtropfen, der patschnasse Rücken und das rot erhitzte und feucht glänzende Gesicht lästig und extrem unangenehm. Das Ganze dauerte zwar nur ungefähr eine Minute, aber der Schweiß war da und brauchte Zeit um zu verdunsten, und die Klamotten blieben erstmal feucht. Ich nahm also wieder Hormone, und die Hitzewallungen verschwanden. Auch die sichtbar trockener gewordene Haut erholte sich wieder.

Doch wie lange sollte das nun weiter gehen? Ich wollte doch nicht für den Rest meines Lebens Pillen schlucken. Vor zwei Jahren beschloss ich, einen Versuch zu unternehmen und die Hormonzugaben wieder einzustellen. Gespannt beobachtete ich mich selbst und wartete irgendwie schon auf die verhassten Schweißausbrüche. Doch sie blieben aus. „Tja“, meinte der Arzt lakonisch, „dann seien Sie froh.“ Und ich war froh.

Doch meiner Haut sieht man einfach an, dass sie älter wird. Oberarme und Oberschenkel sind nicht mehr so straff wie gewohnt, und daran wird sich wohl auch nichts ändern. Sport, Gymnastik und Hantelübungen können zwar unterstützend wirken, das Altern als solches aber nicht aufhalten.

Und überhaupt ist Älterwerden grundsätzlich an sich nicht lustig. Es bringt zwar ein paar Vorteile mit sich. So rege ich mich nicht mehr so leicht auf wie früher. Nehme viele Dinge nicht mehr so wichtig wie in jüngeren Jahren. Handle oft überlegter, lerne aus Erfahrenem und lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Und mit Männern ärgere ich mich auch nicht mehr herum. Entweder es passt, oder es passt nicht. Das war’s dann aber schon mit den positiven Aspekten. Und noch was kommt dazu: die Endlichkeit wird einem mit über fünfzig schon deutlich bewusst. Meine Eltern leben längst nicht mehr, und auch der eine oder andere Freunde hat sich schon von hier verabschiedet.

Und wenn man sieht, wie schnell die Zeit dahin eilt ... fünf Monate vom „neuen“ Jahr sind bereits wieder vorbei ... dann wird man schon melancholisch und denkt mit einer Träne im Knopfloch an die Zeiten, in denen der Gedanke an die Kürze des Lebens noch weit entfernt waren.

„Ich finde Älterwerden wunderbar“, hatte die blondgelockte Münchnerin gut gelaunt in die Gesprächsrunde geworfen, „und kann es kaum erwarten sechzig zu werden.“

Also, was mich betrifft, so kann ich das gut erwarten. Will sagen, von mir aus können die sechzig noch lange auf mich warten. Diesen Gefallen werden sie mir aber nicht tun. Die Uhr tickt und der Zeiger läuft – unaufhaltsam.

Wir „Gruftis“ führen im Vergleich zu früheren Generationen ein prima Leben. Ein sehr viel „jugendlicheres“ Leben. Das stimmt schon. Doch alles in allem neige ich dazu, mich der Meinung von Loriot anzuschließen, der in einem Interview zu seinem Achzigsten meinte: „Älterwerden ist eine Zumutung.“

Stimmt! Aber man kann’s halt nicht ändern, sondern nur mit Fassung tragen und das Beste daraus machen.

P. S.: Auch Männer kommen in die Wechseljahre – mit ähnlichen Begleiterscheinungen. Bei denen dauert das Nachlassen der Hormonproduktion nur langsamer als bei Frauen.
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Diesen und weitere Artikel gibt es auch in meinem Blog bei Pltinnetz: http://www.50plusblog.de/