Agathe hatte gerade ihr Schlafzimmer fertig gemacht, schloß das Fenster, stellte es quer und zog die Gardinen vor. Ihr Blick ging runter zur Straßenecke und da standen sie wieder zusammen und ratschten und tratschten und schimpften über Andere die sie im Grunde nur vom Sehen kannten, aber Bescheid wussten sie über jeden und manchesmal wussten sie sogar mehr als die Betroffenen selbst. Überall konnte man sie finden und sehen die „Damen“ die besser informiert waren und bald mehr wussten wie die bekannte Zeitung mit den 4 roten Buchstaben.
Jeden Morgen konnte man sie beobachten, wie sie mit ihren Einkaufstaschen, wie auf Verabredung, von allen Seiten kamen, die Einen zum, die Andern schon vom Einkauf. Wie zufällig trafen immer an der selben Ecke aufeinander. Nein, da musste man schon stehen bleiben und sich austauschen, wo man doch sonst keine Unterhaltung hat. Ja in der kleinen Ortschaft in Baden-Württemberg, da achtete man noch auf Anstand, Moral und Tradition und so war es nicht verwunderlich das Thema Nr. eins am heutigen Tag. Zieglers Rosa will heiraten, nichts einzuwenden war sie ja 24Jahre, aber das Schlimmste-------- einen Ausländer.
Einen aus Bayern will sie heiraten und das war hier schon ein Ausländer, mein Gott diese Aufregung. Eine der Frauen meinte „Na ja, sie wird halt müssen“ und machte eine eindeutige Bezeichnung auf den Bauch. Eine Andere, die es grad beim Einkaufen hörte widersprach dem lautstark „ne, die is net schwanger, die heirat den ganz freiwillig. Und stellt eich vor, auswannern will sie auch mit ihm nach Bayern“
Agathe konnt das Ganze nicht mehr hören, nein sie musst nicht lauschen, dazu war die Unterhaltung viel zu laut.
Agathe erinnerte sich, als damals Schweiger´s Kinder, nach der Schule auf der Straße saßen, weil sie keinen Schlüssel hatten und der Vater bei der überaschend ins Krankenhaus gekommenen Mutter war, da hatte keiner sich gekümmert. Agathe hatte sie zu sich gerufen und ihnen etwas zu essen gemacht, hatte die Große an die Wohnungstür geschickt, damit sie dem Vater einen Zettel hinterließ wo die Kinder waren. Für Agathe war es auch ein Selbstverständnis nach Frau Schweiger und den Kindern nach ihrer Rückkehr zu schauen.
Die „Ratschweiber“ zerissen sich nur die Mäuler weil die Kinder da saßen.
Oder als sie tagelang spekulierten, dass Herr Berger, wenn er so weitermache, im Suff noch Frau und Kinder tot schlage, gestern hat die arme Bergerin wieder ein blaues Auge und den Arm im Verband gehabt. Von denen informierte keine das Jugendamt und keine die Polizei.
Eines Tages, wieder im größten Gebrüll tauchten dies aber auf und nahmen den Berger mit. Als die Polizei und das Jugendamt in der Nachbarschaft nachfragte, wusste tatsächlich keiner von irgendwas und hatte keiner etwas mit bekommen. Man kümmere sich schließlich um seine eigenen Angelegenheiten. Nur Agathe, die erzählte was sie wusste, gehört hatte und auch sicher sagen konnte.
Agathe schaute wieder zum Fenster und sah gerade wie sich die Gruppe auflöste, schließlich musste man noch einkaufen und kochen. So Manche ging heimwärts und hatte gar nicht eingekauft. Geratscht und getratscht, über andere hergezogen, ne Schwangerschaft schon bemerkt bevor sie entstanden ist. Jetzt waren sie wieder informiert, aber wenn’s drauf ankam war ihr Lieblingssatz „Ich weiß von nichts, ich tratsch doch nicht ich hab genug in meinem Haushalt zu tun“
Ich wünschte mir, es gäbe mehr Agathes, die Handeln und Einschreiten dann wenn es notwendig ist ohne sich groß in den Vordergrund zu stellen.
