Aktion und Kontemplation
Mit diesem Artikel runde ich die Gedanken der vorangegangenen Essays von Aldous Huxley nun mit einem letzten von ihm ab.
Ein Essay von Aldous Huxley aus der
Zeitschrift ‚Vedanta and the West’ von 1941
Aktion und Kontemplation
Das Vokabular auch intelligenter und gebildeter Menschen ist voller Wörter und Ausdrücke, die sie geläufig zu handhaben verstehen, ohne sich je die Mühe zu machen, sie zu analysieren oder ihre genaue Bedeutung zu bestimmen. Man könnte ein ganzes Buch mit der Erörterung solcher gern benutzter, aber kaum definierter und analysierter Ausdrücke füllen. Ich möchte mich hier jedoch nur mit einem dieser Ausdrücke befassen, nämlich mit dem Ausdruck aktives Leben (der in Diskussionen über spirituelle Religiosität so häufig fällt) in seiner Gegenüberstellung zum kontemplativen Leben. Was ist die genaue Bedeutung dieses Ausdrucks? Und wenn wir von der Sphäre der Wörter zur Sphäre der Tatsachen und Werte übergehen, in welcher Beziehung stehen dann Aktion und Kontemplation zueinander, und in welcher sollten sie stehen?
Unter aktivem Leben versteht man im gewöhnlichen Sprachgebrauch ein Leben, wie es etwa Leinwandhelden, Kriegsberichterstatter, führende Geschäftsleute oder Politiker führen. Nicht so in der Sprache des religiösen Lebens. Hier ist das aktive Leben im umgangssprachlichen Sinne nicht mehr bloß weltliches Leben, wie es von unerneuerten Menschen gelebt wird, die wenig oder nichts tun, um den ‚Alten Adam’ abzuschütteln und um sich in Verbindung zur letzten Wirklichkeit zu bringen. Was der religiöse Psychologe vita activa nennt, ist das Leben der guten Werke. In diesem Sinne aktiv sein heißt dem Weg Marthas folgen, die sich um die Bedürfnisse des Meisters kümmert, während Maria, Personifikation des kontemplativen Lebens, ihm zu Füßen saß und seinen Worten lauschte. Für den Kontemplativen ist die vita activa nicht das Leben der weltlichen Belange, sondern ein Leben beständiger und tatkräftiger Tugend.
Für den Pragmatismus ist das Handeln das Ziel, und Mittel zu diesem Ziel ist das Denken. Die heutige Populärphilosophie hat sich die pragmatische Position zu Eigen gemacht. Die Philosophie, die in Ost und West der spirituellen Religiosität zugrunde liegt, kehrt diese Position um: Hier ist die Kontemplation das Ziel, und das Handeln (zu dem auch das diskursive Denken zählt) ist nur in sofern wertvoll, als es der beseligenden Schau des Wirklichen dient. „Das Handeln“, schreibt Thomas von Aquin, „sollte etwas sein, was dem Leben des Gebetes hinzugefügt wird, aber nicht etwas, das ihm genommen wird.“ Das ist das Grundprinzip eines Lebens in spiritueller Religiosität. Davon ausgehend haben die praktischen Mystiker die Idee des Handelns kritisch untersucht und Regeln niedergelegt für all die, denen es mehr um die letzte Wirklichkeit als um die Welt des Ich geht. Im Folgenden möchte ich die Haltung der abendländischen mystischen Tradition gegenüber dem aktiven Leben kurz umreißen.
Wem es um spirituelle Religion zu tun ist, der sollte sich bei allem Handeln Gott selbst zum Vorbild nehmen, denn Gott erschuf die Welt, ohne dass sich dadurch in seinem Wesen, seiner Göttlichkeit, auch nur das Geringste geändert hätte; so soll auch der Mystiker zu handeln suchen – ohne daran zu haften, ohne darin verwickelt zu sein. So kann jedoch nur jemand handeln, der einen bestimmten Teil seiner Zeit der formalen Kontemplation widmet und in der Lage ist, in den Zwischenzeiten beständig „die Gegenwart Gottes zu üben“. Beides ist schwierig; vor allem letzteres wird nur dem gelingen, der vom Weg der spirituellen Vervollkommnung schon ein großes Stück zurückgelegt hat. Unbedenklich ist das Handeln nur für Menschen, die es in der Kunst des meditativen Betens schon weit gebracht haben. „Wenn wir schon weit gegangen sind im Gebet“, lesen wir bei einer abendländischen Autorität, „sollen wir großen Wert auf das Handeln legen; haben wir nur mittelmäßige Fortschritte gemacht im inneren Leben, sollen wir uns auch dem äußeren Leben nur in Maßen widmen; und haben wir nur sehr wenig Innerlichkeit, sollen wir uns um das Äußere überhaupt nicht kümmern.“ Den bereits genannten Gründen für diese Anweisung lassen sich andere von ganz praktischer Natur anfügen. Erfahrung und Beobachtung lehren, dass die wohlmeinenden Handlungen gewöhnlicher, unerneuerter und ichbefangener Menschen ohne spirituelle Einsicht selten zu etwas Gutem führen. Johannes vom Kreuz handelt die ganze Sache in einer einzigen Frage und Antwort ab: „Was bewirken jene, die sich kopfüber in gute Werke stürzen, ohne zuvor durch Kontemplation die Befähigung zu gutem Handeln erworben zu haben?“ – „Wenig mehr als nichts und manchmal nichts und manchmal sogar Schaden.“ Mit guten Absichten und Vorsätzen ist der Weg zur Hölle gepflastert, und zwar deshalb, weil das Handeln gewöhnlicher unerneuerter Menschen seiner Natur nach unzureichend ist. Deshalb geben spirituelle Führer Anfängern den Rat, sich so wenig wie möglich mit äußerem Handeln abzugeben, bis sie reif sind, es auf nutzbringende Weise zu tun. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass die Biographien der christlichen Mystiker vor der Zeit ihres Tätigwerdens stets ein vorbereitendes Stadium des Rückzugs von der Welt verzeichnen – eine Zeit, in der diese Kontemplativen lernten, die Gegenwart Gottes so entschlossen und stetig zu üben, dass die Ablenkungen des äußeren Tun den Geist nicht mehr von der Wirklichkeit abzuziehen vermochten. Für einen, der es in der aktiven Selbstauslöschung weit genug gebracht hat, nimmt das Handeln einen sakramentalen Charakter an und wird ein Mittel, das ihn der Wirklichkeit noch näher bringt. Wem das Handeln nicht solch ein Mittel ist, der sollte es so weit wie möglich meiden – vor allem wenn es darum geht, Seelen zu retten oder das Denken und Verhalten der Menschen zu bessern, denn hier gilt, „dass ein Mensch des Gebets in einem halben Jahr mehr erreicht als ein anderer in einem ganzen Leben“.
Was für gute Werke gilt, trifft a fortiori auf alles bloß weltliche Handeln und namentlich auf großangelegtes Handeln zu, an dem sehr viele Menschen aller Grade von Unerleuchtetheit beteiligt sind. Das Gute wird von einzelnen geschaffen, die sich ethisch und spirituell vervollkommnet haben; es kann nie ein Massenprodukt sein. Damit sind wir auch schon im Kern eines großen politischen Paradoxes, dass politisches Handeln einerseits notwendig ist, andererseits aber dem Missstand, durch den es auf den Plan gerufen wurde, nicht abhelfen kann. Selbst wenn das politische Handeln in bester Absicht geschieht (was oft genug nicht der Fall ist), bleibt es doch dazu verdammt, sich mehr oder weniger vollständig selbst zunichte zu machen. Die Natur der menschlichen Instrumente, deren sich das politische Handeln bedienen muss, und des menschlichen Materials, dem es gilt, stellt absolut sicher, dass solches Handeln auf keinen Fall zu den beabsichtigten guten Resultaten führt.
Seit Jahrtausenden experimentieren die Menschen nun mit verschiedenen Methoden, die menschlichen Instrumente und Materialien zu verbessern. Wie sich zeigte, kann der Mensch auch mit seinen eigenen Mitteln etwas erreichen, zum Beispiel mit der Verbesserung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfelds und mit den verschiedenen Techniken der Charakterschulung. Bei manchen Menschen können auch Konversion und Katharsis Erstaunliches bewirken. All diese Methoden sind recht gut, so weit, wie sie reichen; nur reichen sie nicht weit genug. Zur radikalen und bleibenden Wandlung der Persönlichkeit ist nur eine Methode entdeckt worden – die des Mystikers. Die großen religiösen Lehrer in Ost und West sagen übereinstimmend, dass alle Menschen aufgerufen sind, Erleuchtung zu suchen. In gleicher Einmütigkeit sagen sie auch, der Weg zur Erleuchtung sei so schwierig und verlange ein für den durchschnittlichen unerneuerten Menschen so horrendes Maß an Selbstverleugnung, dass an jedem Punkt der Geschichte immer nur sehr wenige Frauen und Männer bereit sein werden, die Mühe auf sich zu nehmen oder es auch nur zu versuchen. Da dem so ist, müssen wir bei großangelegten politischen Aktionen auch weiterhin davon ausgehen, dass sie so zutiefst unbefriedigend bleiben werden, wie sie es schon in der Vergangenheit stets waren.
Dem Kontemplativen ist es nicht ausschließlich um seine eigene Erlösung zu tun. Er hat im Gegenteil eine wichtige soziale Funktion. Es gibt, wie wir sagten, zu jeder Zeit nur wenige echte Mystiker, theozentrische Heilige, in der Welt. Doch so wenige ihrer auch sind, sie können doch einiges zur Neutralisierung der Gifte tun, welche die Gesellschaft durch ihr politisches und ökumenisches Tun in sich selbst entstehen lässt. Sie sind „das Salz der Erde“, das Antiseptikum, das dem Abgleiten der Gesellschaft in unumkehrbaren Verfall wehrt.
Diese vergiftungshemmende Wirkung des theozentrischen Heiligen entfaltet sich auf verschiedene Weisen. Zunächst ist schon sein bloßes Vorhandensein außerordentlich heilsam und wichtig. Der fortgeschrittene Kontemplative ist nicht mehr undurchlässig für die ihm selbst innewohnende Wirklichkeit, und so macht er auch auf durchschnittliche unerneuerte Menschen einen tiefen Eindruck; seine Gegenwart löst bei ihnen ehrfürchtiges Staunen aus, und schon, wenn sie nur von ihm hören, bessert sich ihr Verhalten.
Der theozentrische Heilige gibt sich jedoch im Allgemeinen nicht damit zufrieden, einfach nur zu sein. Fast immer ist er auch Lehrer und häufig ein Mensch der Tat. Er nützt der Gesellschaft, indem er lehrt und dadurch die Zahl derer vergrößert, die das Werk der radikalen Wandlung ihres Charakters auf sich nehmen. So vermehrt er die vergiftungshemmenden Kräfte des chronisch kranken Gemeinwesens. Das Handeln aber, auf das sich so viele fortgeschrittene Kontemplative einlassen, nachdem sie zur aktiven Selbstauslöschung gelangt sind, ist niemals politisch und richtet sich immer nur auf einzelne oder kleine Gruppen; es findet niemals im Zentrum der Gesellschaft, sondern immer nur am Rande statt und bedient sich nie der organisierenden Kräfte von Staat und Kirche, sondern nur der völlig zwangfreien spirituellen Autorität, die dem Kontemplativen aufgrund seiner Verbundenheit mit dem Wirklichen zu Eigen ist. Die Geschichte zeigt klar und deutlich, dass die größten spirituellen Führer der Welt es stets abgelehnt haben, sich politischer Macht zu bedienen. Nicht weniger bezeichnend ist der Umstand, dass Kontemplative stets gescheitert sind, wenn sie über die einem spirituellen Führer gemäßen Randzonenaktivitäten hinausgingen und eine ganze Gesellschaft mit großangelegten Aktionen über irgendeinen politischen Abkürzungsweg ins Himmelreich zu zerren versuchten. Ein Seher hat zu sehen, und wenn er sich auf jene Art Gott-verdunkelnden Tuns einlässt, die sein Sehen unmöglich macht, verrät er nicht nur sein besseres Ich, sondern auch seine Mitmenschen, die ein Anrecht auf seine klare Schau haben. Mystiker und theozentrische Heilige werden durchaus nicht immer geliebt, und man hört auch nicht immer auf sie. Vorurteile und die Abneigung gegen das Ungewöhnliche können die Menschen blind machen für die Tugenden dieser Frauen und Männer der Randzonen, können dazu führen, dass sie als Feinde der Gesellschaft verfehmt werden. Sollten sie aber ihre Randzone verlassen und sich auf den Kampf um Position und Macht im Hauptstrom der Gesellschaft einlassen, dann ist ihnen sicher, dass man sie als Verräter an ihrer Seherschaft hassen und verachten wird. Nur die größten Spirituellen sind völlig ungespalten und eindeutig. Der durchschnittliche unerneuerte Mensch liebt die Gedanken, Gefühle und Handlungen, von denen die Gesellschaft vergiftet wird, aber er liebt zugleich auch das spirituelle Gegengift für diese Gifte. Als Giftliebhaber verfolgt und tötet er die Seher, die ihm sagen, wie er sich selbst heil und ganz machen kann; und als einer, der sich nach der wahren Schau zurücksehnt, verachtet er den Seher, der seine Schau durch falsches Handeln und Machtstreben verwirkt.
Zeitschrift ‚Vedanta and the West’ von 1941
Aktion und Kontemplation
Das Vokabular auch intelligenter und gebildeter Menschen ist voller Wörter und Ausdrücke, die sie geläufig zu handhaben verstehen, ohne sich je die Mühe zu machen, sie zu analysieren oder ihre genaue Bedeutung zu bestimmen. Man könnte ein ganzes Buch mit der Erörterung solcher gern benutzter, aber kaum definierter und analysierter Ausdrücke füllen. Ich möchte mich hier jedoch nur mit einem dieser Ausdrücke befassen, nämlich mit dem Ausdruck aktives Leben (der in Diskussionen über spirituelle Religiosität so häufig fällt) in seiner Gegenüberstellung zum kontemplativen Leben. Was ist die genaue Bedeutung dieses Ausdrucks? Und wenn wir von der Sphäre der Wörter zur Sphäre der Tatsachen und Werte übergehen, in welcher Beziehung stehen dann Aktion und Kontemplation zueinander, und in welcher sollten sie stehen?
Unter aktivem Leben versteht man im gewöhnlichen Sprachgebrauch ein Leben, wie es etwa Leinwandhelden, Kriegsberichterstatter, führende Geschäftsleute oder Politiker führen. Nicht so in der Sprache des religiösen Lebens. Hier ist das aktive Leben im umgangssprachlichen Sinne nicht mehr bloß weltliches Leben, wie es von unerneuerten Menschen gelebt wird, die wenig oder nichts tun, um den ‚Alten Adam’ abzuschütteln und um sich in Verbindung zur letzten Wirklichkeit zu bringen. Was der religiöse Psychologe vita activa nennt, ist das Leben der guten Werke. In diesem Sinne aktiv sein heißt dem Weg Marthas folgen, die sich um die Bedürfnisse des Meisters kümmert, während Maria, Personifikation des kontemplativen Lebens, ihm zu Füßen saß und seinen Worten lauschte. Für den Kontemplativen ist die vita activa nicht das Leben der weltlichen Belange, sondern ein Leben beständiger und tatkräftiger Tugend.
Für den Pragmatismus ist das Handeln das Ziel, und Mittel zu diesem Ziel ist das Denken. Die heutige Populärphilosophie hat sich die pragmatische Position zu Eigen gemacht. Die Philosophie, die in Ost und West der spirituellen Religiosität zugrunde liegt, kehrt diese Position um: Hier ist die Kontemplation das Ziel, und das Handeln (zu dem auch das diskursive Denken zählt) ist nur in sofern wertvoll, als es der beseligenden Schau des Wirklichen dient. „Das Handeln“, schreibt Thomas von Aquin, „sollte etwas sein, was dem Leben des Gebetes hinzugefügt wird, aber nicht etwas, das ihm genommen wird.“ Das ist das Grundprinzip eines Lebens in spiritueller Religiosität. Davon ausgehend haben die praktischen Mystiker die Idee des Handelns kritisch untersucht und Regeln niedergelegt für all die, denen es mehr um die letzte Wirklichkeit als um die Welt des Ich geht. Im Folgenden möchte ich die Haltung der abendländischen mystischen Tradition gegenüber dem aktiven Leben kurz umreißen.
Wem es um spirituelle Religion zu tun ist, der sollte sich bei allem Handeln Gott selbst zum Vorbild nehmen, denn Gott erschuf die Welt, ohne dass sich dadurch in seinem Wesen, seiner Göttlichkeit, auch nur das Geringste geändert hätte; so soll auch der Mystiker zu handeln suchen – ohne daran zu haften, ohne darin verwickelt zu sein. So kann jedoch nur jemand handeln, der einen bestimmten Teil seiner Zeit der formalen Kontemplation widmet und in der Lage ist, in den Zwischenzeiten beständig „die Gegenwart Gottes zu üben“. Beides ist schwierig; vor allem letzteres wird nur dem gelingen, der vom Weg der spirituellen Vervollkommnung schon ein großes Stück zurückgelegt hat. Unbedenklich ist das Handeln nur für Menschen, die es in der Kunst des meditativen Betens schon weit gebracht haben. „Wenn wir schon weit gegangen sind im Gebet“, lesen wir bei einer abendländischen Autorität, „sollen wir großen Wert auf das Handeln legen; haben wir nur mittelmäßige Fortschritte gemacht im inneren Leben, sollen wir uns auch dem äußeren Leben nur in Maßen widmen; und haben wir nur sehr wenig Innerlichkeit, sollen wir uns um das Äußere überhaupt nicht kümmern.“ Den bereits genannten Gründen für diese Anweisung lassen sich andere von ganz praktischer Natur anfügen. Erfahrung und Beobachtung lehren, dass die wohlmeinenden Handlungen gewöhnlicher, unerneuerter und ichbefangener Menschen ohne spirituelle Einsicht selten zu etwas Gutem führen. Johannes vom Kreuz handelt die ganze Sache in einer einzigen Frage und Antwort ab: „Was bewirken jene, die sich kopfüber in gute Werke stürzen, ohne zuvor durch Kontemplation die Befähigung zu gutem Handeln erworben zu haben?“ – „Wenig mehr als nichts und manchmal nichts und manchmal sogar Schaden.“ Mit guten Absichten und Vorsätzen ist der Weg zur Hölle gepflastert, und zwar deshalb, weil das Handeln gewöhnlicher unerneuerter Menschen seiner Natur nach unzureichend ist. Deshalb geben spirituelle Führer Anfängern den Rat, sich so wenig wie möglich mit äußerem Handeln abzugeben, bis sie reif sind, es auf nutzbringende Weise zu tun. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass die Biographien der christlichen Mystiker vor der Zeit ihres Tätigwerdens stets ein vorbereitendes Stadium des Rückzugs von der Welt verzeichnen – eine Zeit, in der diese Kontemplativen lernten, die Gegenwart Gottes so entschlossen und stetig zu üben, dass die Ablenkungen des äußeren Tun den Geist nicht mehr von der Wirklichkeit abzuziehen vermochten. Für einen, der es in der aktiven Selbstauslöschung weit genug gebracht hat, nimmt das Handeln einen sakramentalen Charakter an und wird ein Mittel, das ihn der Wirklichkeit noch näher bringt. Wem das Handeln nicht solch ein Mittel ist, der sollte es so weit wie möglich meiden – vor allem wenn es darum geht, Seelen zu retten oder das Denken und Verhalten der Menschen zu bessern, denn hier gilt, „dass ein Mensch des Gebets in einem halben Jahr mehr erreicht als ein anderer in einem ganzen Leben“.
Was für gute Werke gilt, trifft a fortiori auf alles bloß weltliche Handeln und namentlich auf großangelegtes Handeln zu, an dem sehr viele Menschen aller Grade von Unerleuchtetheit beteiligt sind. Das Gute wird von einzelnen geschaffen, die sich ethisch und spirituell vervollkommnet haben; es kann nie ein Massenprodukt sein. Damit sind wir auch schon im Kern eines großen politischen Paradoxes, dass politisches Handeln einerseits notwendig ist, andererseits aber dem Missstand, durch den es auf den Plan gerufen wurde, nicht abhelfen kann. Selbst wenn das politische Handeln in bester Absicht geschieht (was oft genug nicht der Fall ist), bleibt es doch dazu verdammt, sich mehr oder weniger vollständig selbst zunichte zu machen. Die Natur der menschlichen Instrumente, deren sich das politische Handeln bedienen muss, und des menschlichen Materials, dem es gilt, stellt absolut sicher, dass solches Handeln auf keinen Fall zu den beabsichtigten guten Resultaten führt.
Seit Jahrtausenden experimentieren die Menschen nun mit verschiedenen Methoden, die menschlichen Instrumente und Materialien zu verbessern. Wie sich zeigte, kann der Mensch auch mit seinen eigenen Mitteln etwas erreichen, zum Beispiel mit der Verbesserung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfelds und mit den verschiedenen Techniken der Charakterschulung. Bei manchen Menschen können auch Konversion und Katharsis Erstaunliches bewirken. All diese Methoden sind recht gut, so weit, wie sie reichen; nur reichen sie nicht weit genug. Zur radikalen und bleibenden Wandlung der Persönlichkeit ist nur eine Methode entdeckt worden – die des Mystikers. Die großen religiösen Lehrer in Ost und West sagen übereinstimmend, dass alle Menschen aufgerufen sind, Erleuchtung zu suchen. In gleicher Einmütigkeit sagen sie auch, der Weg zur Erleuchtung sei so schwierig und verlange ein für den durchschnittlichen unerneuerten Menschen so horrendes Maß an Selbstverleugnung, dass an jedem Punkt der Geschichte immer nur sehr wenige Frauen und Männer bereit sein werden, die Mühe auf sich zu nehmen oder es auch nur zu versuchen. Da dem so ist, müssen wir bei großangelegten politischen Aktionen auch weiterhin davon ausgehen, dass sie so zutiefst unbefriedigend bleiben werden, wie sie es schon in der Vergangenheit stets waren.
Dem Kontemplativen ist es nicht ausschließlich um seine eigene Erlösung zu tun. Er hat im Gegenteil eine wichtige soziale Funktion. Es gibt, wie wir sagten, zu jeder Zeit nur wenige echte Mystiker, theozentrische Heilige, in der Welt. Doch so wenige ihrer auch sind, sie können doch einiges zur Neutralisierung der Gifte tun, welche die Gesellschaft durch ihr politisches und ökumenisches Tun in sich selbst entstehen lässt. Sie sind „das Salz der Erde“, das Antiseptikum, das dem Abgleiten der Gesellschaft in unumkehrbaren Verfall wehrt.
Diese vergiftungshemmende Wirkung des theozentrischen Heiligen entfaltet sich auf verschiedene Weisen. Zunächst ist schon sein bloßes Vorhandensein außerordentlich heilsam und wichtig. Der fortgeschrittene Kontemplative ist nicht mehr undurchlässig für die ihm selbst innewohnende Wirklichkeit, und so macht er auch auf durchschnittliche unerneuerte Menschen einen tiefen Eindruck; seine Gegenwart löst bei ihnen ehrfürchtiges Staunen aus, und schon, wenn sie nur von ihm hören, bessert sich ihr Verhalten.
Der theozentrische Heilige gibt sich jedoch im Allgemeinen nicht damit zufrieden, einfach nur zu sein. Fast immer ist er auch Lehrer und häufig ein Mensch der Tat. Er nützt der Gesellschaft, indem er lehrt und dadurch die Zahl derer vergrößert, die das Werk der radikalen Wandlung ihres Charakters auf sich nehmen. So vermehrt er die vergiftungshemmenden Kräfte des chronisch kranken Gemeinwesens. Das Handeln aber, auf das sich so viele fortgeschrittene Kontemplative einlassen, nachdem sie zur aktiven Selbstauslöschung gelangt sind, ist niemals politisch und richtet sich immer nur auf einzelne oder kleine Gruppen; es findet niemals im Zentrum der Gesellschaft, sondern immer nur am Rande statt und bedient sich nie der organisierenden Kräfte von Staat und Kirche, sondern nur der völlig zwangfreien spirituellen Autorität, die dem Kontemplativen aufgrund seiner Verbundenheit mit dem Wirklichen zu Eigen ist. Die Geschichte zeigt klar und deutlich, dass die größten spirituellen Führer der Welt es stets abgelehnt haben, sich politischer Macht zu bedienen. Nicht weniger bezeichnend ist der Umstand, dass Kontemplative stets gescheitert sind, wenn sie über die einem spirituellen Führer gemäßen Randzonenaktivitäten hinausgingen und eine ganze Gesellschaft mit großangelegten Aktionen über irgendeinen politischen Abkürzungsweg ins Himmelreich zu zerren versuchten. Ein Seher hat zu sehen, und wenn er sich auf jene Art Gott-verdunkelnden Tuns einlässt, die sein Sehen unmöglich macht, verrät er nicht nur sein besseres Ich, sondern auch seine Mitmenschen, die ein Anrecht auf seine klare Schau haben. Mystiker und theozentrische Heilige werden durchaus nicht immer geliebt, und man hört auch nicht immer auf sie. Vorurteile und die Abneigung gegen das Ungewöhnliche können die Menschen blind machen für die Tugenden dieser Frauen und Männer der Randzonen, können dazu führen, dass sie als Feinde der Gesellschaft verfehmt werden. Sollten sie aber ihre Randzone verlassen und sich auf den Kampf um Position und Macht im Hauptstrom der Gesellschaft einlassen, dann ist ihnen sicher, dass man sie als Verräter an ihrer Seherschaft hassen und verachten wird. Nur die größten Spirituellen sind völlig ungespalten und eindeutig. Der durchschnittliche unerneuerte Mensch liebt die Gedanken, Gefühle und Handlungen, von denen die Gesellschaft vergiftet wird, aber er liebt zugleich auch das spirituelle Gegengift für diese Gifte. Als Giftliebhaber verfolgt und tötet er die Seher, die ihm sagen, wie er sich selbst heil und ganz machen kann; und als einer, der sich nach der wahren Schau zurücksehnt, verachtet er den Seher, der seine Schau durch falsches Handeln und Machtstreben verwirkt.
6 Platinern gefällt der Artikel
Gefällt mir auch
Kommentare zum Artikel