Es fällt schwer, einigermaßen neutral über dieses Thema zu schreiben oder zu reden, ohne Häme, Ironie oder Sarkasmus zu gebrauchen. Ja, auch mir fällt es nicht leicht, auf dem schmalen Grat zu bleiben, der zwangsweise beschritten werden muss, wenn man solche Personen beschreibt bzw. kommentiert, ohne sie beleidigen zu wollen.
 

Ich kenne persönlich sehr viele „dicke“ Menschen, wobei die Variable „dick“ vom Doppelkinn bis hin zur Wohlstandsrolle an den Hüften reicht. Die meisten dieser Menschen sind mir wichtig und ich habe sie als liebenswerte und intelligente Menschen kennen gelernt, die offen und herzlich sind. Auch weiß ich, dass viele von ihnen keine Erkrankung der Drüsen oder schwere Knochen haben, sie essen zu gerne und bewegen sich zu wenig, zumindest nach ihrer eigenen Aussage.
 

Einer meiner Lieblingsschauspieler ist Bud Spencer (Carlo Pedersoli mit Geburtsnamen), den Dicken mit dem Klopper von oben aufs Hirn. Ich konnte und kann mich über die Filme mit ihm immer noch kaputtlachen und sehe ihn gerne. Oder wer erinnert sich noch an den Fernsehdedektiv Cannon gespielt von  William Conrad, nur um mal ein paar „dicke“ Schauspieler zu nennen.
 

Es gibt Menschen, zu denen passt einfach eine stabile Figur und gut ist. Ob diese Menschen sich damit wohl fühlen, ob sie von ihrem Umfeld so akzeptiert werden, wie sie sind, kann ich nicht genau sagen. Meine Freunde, auch die etwas fülligeren oder die mit dem Babyspeck, klar, sonst wären sie nicht bei meinen Bekannten und Freunden.
 

In der heutigen Zeit bestimmen Modemacher à la Lagerfeld das Erscheinungsbild der Damen und nicht mehr Peter Paul Rubens. In der Öffentlichkeit, quasi im echten Leben, sieht das schon wieder anders aus. Da sehe ich immer öfter „dicke“ Menschen, und wie ihre anderen Eigenschaften sind, kann ich nicht sehen, kann ich auch nicht beurteilen. Was mache ich also?
 

Gehe ich daran vorbei? Sehe ich hin und gebe mich meinen Eindrücken und Gefühlen hin?
 

Oder nehme ich das einfach zur Kenntnis und akzeptiere etwas, was mich im Prinzip nichts angeht?
 

Das Bild des „Dicken“ in der Öffentlichkeit wird von den Privatsendern geprägt, die mit Abnehmshows und Trash-TV ein Bild des bräsigen, verfressenen und unsympathischen  „Fetten“ zeichnen und ihn schonungslos auf sich und die Öffentlichkeit loslassen.
 

Und bei solchen Personen überkommt mich Ekel und Abscheu, ja im Prinzip noch nicht mal begründbar, denn ich kenne diese Menschen nicht. Aber in mir kommt einfach Verachtung hoch. Warum? Vielleicht weil es hier nicht nur um „dick“ im Allgemeinen geht, hier wird eine Karikatur von Mensch dargestellt, bei der alles zusammenkommt, mit dem ich nichts zu tun haben will.
Dummheit (macht sich bei der Wahl der Sprache und den Aussagen bemerkbar), Unverschämtheit (wird durch das Benehmen deutlich) und einfach Abscheu (Menschen, die sich in Kleidung zwängen, die drei Nummern zu klein ist, deren Augen im Gesicht geradezu verschwinden, deren Hosenboden vom Gesäß aufgefressen wird und die einen „gemeinen“ Gesichtsausdruck haben, weil man Angst haben muss, dass sie einem die Hand abbeißen würden, wäre man so unvorsichtig ihnen etwas Essen darin anzubieten) sind die Eindrücke, denen ich mich kaum erwehren kann.
 

Ich weiß, wie das ist, mit über 100 kg durch das Leben zu laufen, ich habe auch mal gesagt, dass ich mich immer wohl fühle und weiß heute, dass ich mir selber etwas vorgemacht habe. Heute fühle ich mich wirklich wohl und wiege knapp 80 kg +/- 3 kg und ich weiß, wie anstrengend es ist, die notwendige Disziplin aufzubringen, um nicht zuzunehmen und ohne Diät zu leben.

 

Ich habe es aber für mich und meine Gesundheit gemacht und darf natürlich nicht den Fehler begehen, diese Einstellung zu sich selber auch bei anderen einzufordern. Und genau das ist nicht leicht. Ich bin ich und der andere ist nicht ich. Essen ist Labsal für die Seele, wer kennt das nicht, wenn er gefrustet ist, dass er/sie sich mit etwas Gutem belohnt? Wobei die preiswerteste Belohnung natürlich Essen ist. Ob die Tafel Schokolade, die Schachtel Pralinen oder die Currywurst Pommes Rot Weiß, egal, man isst es und fühlt sich wohl, ist mit sich im Reinen und streichelt sich und seine Seele temporär.
 

Dann gibt es Menschen, die wirklich erkrankt sind, Medikamente zu sich nehmen müssen, die den Appetit anregen bzw. das Sättigkeitsgefühl ausschalten. Die Wasser einlagern und es den Betroffenen sehr schwer machen, ein „normales“ Gewicht (Körpergröße in cm –100) zu halten. Oder Menschen, die an der Schilddrüse erkrankt sind, haben ebenfalls Probleme damit.
 

Aber nicht alle Menschen sind krank, zumindest körperlich. Sie sind es in der Seele, fühlen sich ungeliebt, haben kaum Selbstbewusstsein oder sind schon als Kind, statt mit der Liebe und Zuwendung der Eltern, mit einem Schokoriegel bedacht worden.
 

Ich bin so erzogen worden, dass man seinen Teller leer isst, weil sonst am nächsten Tag die Sonne nicht mehr scheint, was natürlich völliger Schwachsinn ist, aber als Kind sind die Worte der Eltern und Großeltern einfach Gesetz. ;-) Und es war immer lecker.
 

In der Schule gab es auch nur einen oder maximal zwei „kräftige“ oder „stabile“ Mitschüler, wohl weil Bewegung und Sport noch nicht durch PC oder Spielekonsole ersetzt waren.
 

Da konnte man für fünf Personen futtern und hat nicht zugenommen, weil man vier Tage in der Woche Sport trieb und draußen war, Fußball gespielt hat oder viel Fahrrad fuhr und zu Fuß ging.
 

Heutzutage sieht das anders aus und man macht sich so seine Gedanken. Und ich kann immer nur von mir ausgehen. Der Blick in den Spiegel entlockt einem selber nur selten so Ausdrücke wie „fette Sau“, den reserviert man bösartiger Weise eher für den/die unbekannten Mitmenschen, von denen man nur ein einziges Merkmal in dem Moment der Begegnung präsentiert bekommt.
 

Oder steckt man diese Menschen unwillkürlich in die gleiche Schublade, von denen sie von den Medien gesteckt werden? Für das Panoptikum des „wohligen“ Grauens, dem man sich entziehen kann, wenn man vielleicht nur „dick“ ist, aber sich artikulieren kann bzw. noch alle Zähne im Mund hat? Wir regen uns über Männer in Shorts, Sandalen und den unpassenden weißen Socken auf, machen uns in F&A darüber lustig. Sind wir doch dann auch ehrlich, mit dem Abscheu und dem Ekel und der Verachtung, die uns überkommen kann.
 

Wer weiß, vielleicht verachten wir uns ja selber für etwas, was wir nicht begreifen wollen oder können. Mir fällt es nicht leicht, mich grundsätzlich zurück zu nehmen und einfach vorbei zu gehen, den Blick stur geradeaus und mit Pokerface. Vielleicht verpasse ich einen „pfundigen“ Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes, aber vielleicht schaffe ich es einfach nicht, anderen Menschen etwas zuzugestehen, dass ich mir selber nicht zugestehe, sich einfach gehen zu lassen, er/sie zu sein wie sie eben sind.
Und vielleicht, und das würde mich wohl auch treffen, wenn sie umgekehrt so ähnlich über mich denken würden, wenn sie in ihren Gedanken, die Abscheu und den Ekel formulieren, der ihnen hoch kommt, wenn sie mich sehen, ohne Spiegeleibauch und nicht schwitzend beim Gehen. Und vielleicht sind sie glücklicher, entspannter und sorgloser mit ihrem Leben als ich es bin, da ich mich „noch“ meiner Disziplin hingebe und meine eigene Vorstellung vom Wohlfühlen zelebriere.
 

Wer weiß, vielleicht bin ich nur eine „arme Sau“. Ich bin nicht der Maßstab. Wir sind alle Menschen.


© Text und Bild, Paul Archie, 08.2011