Die frühesten Erinnerungen an Alkohol gehen in mein viertes Lebensjahr. Da merkte ich, dass die Leute in der Gartenlaube immer erst lustig von dem Zeug aus den verbotenen Flaschen wurden, später dann heulten oder böse wurden. Bei Familienfeiern wurde für jeden Mann EINE Flasche Bier gekauft, die waren auch lustiger danach.

Onkel Ferdinand war lustig, wenn er auf der leeren Wacholderpulle Luftgitarre spielte. Meine Mutter erzählte mir, dass sie früher meinen Opa freitags aus der Kneipe abholen musste. Nicht mehr als zwei Stunden nach Feierabend, sonst blieb zu wenig in der Lohntüte übrig und Oma musste knausern. Ich fand die Schilderung, wie Mutti Opas Fahrrad mit der einen, den Schwankeopa mit der anderen Hand am Arm hielt, lustig, wobei mir sehr viel später klar wurde, dass Mama bei ihren Schilderungen nie lachte.

Wir zogen aus dem Zechenhaus mit Garten und Laube weg, doch Begegnungen mit Betrunkenen gab es genug. Die neue Wohnung hatte Laubengänge, wir wohnten vorn und drei andere Mieter mussten jedes Mal an unserer Tür vorbei. Walter K. sang besoffen immer das Lied vom alten Häuptling der Indianer, dessen „Houg“ unseren Hund in Rage brachte. Der bellte noch, als Renate ihren Mann längst schon in die Wohnung gezogen hatte. Lord bekam eins mit der Zeitung über den Hintern, dabei war er doch ein Wachhund und konnte nichts anderes tun als bellen, wenn draußen Dinge geschahen, die ihm nicht passten. Nachbarn beklagten sich über das Bellen, nie über das Singen, das weder leise noch schön klang, ich fand das Bellen melodischer und war empört darüber, dass der Hund und nicht Walter getadelt wurde.

Die Nachbarn gleich neben uns warfen wöchentlich mit Tassen, Tellern und Worten um sich, die ich hier nicht schreiben darf. Mitten in so einem Krach wurde es drüben plötzlich sehr still und kurz darauf klingelte es bei uns. Der Nachbar stand an der Tür und sagte völlig ruhig zu meinem Vater, er solle bitte die Polizei anrufen, er habe gerade seine Frau umgebracht. Wir hörten die kleine Tochter der Nachbarn weinen. Mein Vater holte sie aus der Wohnung, zerrte sie von ihrer Mutter weg, die von 14 Messerstichen durchsiebt in der Diele lag. Mutter tot, Vater im Knast (sieben Jahre) und die Kleine ins Heim. Ich war zwölf und fand plötzlich, dass Alkohol Scheiße ist.

Das Drama dahinter entdeckte ich viel später, an dem Tag, an dem mein Vater meine Stiefmutter Iris heiratete. Ich sah den Vater von Iris weinend vor den Toiletten in einer Ecke stehen. Natürlich habe ich gefragt, was denn los wäre und erfuhr, dass er trockener Alkoholiker sei und es ihm so schrecklich weh täte, auf der Hochzeit seiner einzigen Tochter nicht einmal mit Sekt anstoßen zu können, weil er es früher übertrieben habe und nun keinen Tropfen mehr anrühren dürfe. Ich habe mich sehr lange mit ihm unterhalten. Seine Frau starb auch mit 47 Jahren, genau wie meine Mutter. Er wurde völlig aus der Bahn geworfen, war zu viel allein an den tränenfeuchten Abenden, in denen seine Kinder zu Freunden oder in die Disco gingen. Irgendwann „schaffte“ er zwei Flaschen Klaren pro Tag. Das konnten die Kinder nicht übersehen. Erst ein Herzinfarkt machte ihm genügend Angst, um den schweren Weg des Entzugs zu gehen.

An diesem Tag habe ich für Opa Alfred und mich einen winzigen Schluck Apfelsaft in Mineralwasser gekippt und das Gemisch als „Sekt“ aus den schönsten Sektflöten, die ich entdecken konnte, getrunken. Danach habe ich nie mehr meine Buttercremetorten mit Rumkugeln verziert, kein Rumaroma mehr in den Marmorkuchen getan. Bei mir gibt’s nur noch „Kinderkuchen“, denn die gibt es ja auch in einer Familie und so musste nicht alles erklärt werden. Das ist lange her, Opa Alfred ist lange schon tot und ich denke, es wäre klüger gewesen, hätte er das Gespräch nicht nur mit mir geführt.

Wenn ich mir ansehe, was gerade die jungen Leute alles in sich kippen, wenn sie auf einer Feier sind, wäre Aufklärung von einem, der sich auskennt, ein guter Weg GEGEN das Abrutschen in die Abhängigkeit. Mich bewahrt mein Rheuma vor Alkoholmissbrauch. Ein Glas Sekt oder Wein und ich kann oft drei Tage meine Hände kaum nutzen, da lernt man schnell, zu verzichten. Wie kann ich meinen Enkel davor bewahren, später ein Komasaufen mitzumachen?

Eine sehr ehrliche Biographie habe ich heute Nacht, obwohl ich erst hundemüde war, noch bis zum letzten Wort gelesen. Es sollte „Pflichtprogramm“ für alle Menschen werden, die gern mal einen trinken, denn es fängt immer so harmlos und lustig an, später lacht dann keiner mehr. Ich will den Namen und die Seite nicht nennen, wäre aber froh, wenn der Betreffende das selber im Kommentar täte. Danke!