Alle Jahre wieder „oh Tannenbaum“!
Es ist mal gerade Ende September, die Luft herbstlich, aber noch keineswegs winterlich und doch liegen Spekulatius, Weihnachtsgebäck und Christstollen bei meinem Kaufmann unübersehbar in den Regalen. In diesem Jahr wirst du dich nicht wieder von diesem Weihnachtsrummel anstecken lassen, schwöre ich mir insgeheim. Es ist doch einfach unglaublich, jetzt mir schon einreden zu wollen, dass ich für das in 3 Monaten anstehende Fest unbedingt Vorsorge treffen soll. Nein, ich mache das nicht mit und schon gar nicht den Dekowahn. Zwei große Ikea-Einkaufstaschen sind mit Dekorationsartikeln für die ach so besinnliche Weihnachtszeit randvoll befüllt. Das hat ein Ende, schwöre ich mir, weil ich irgendwie gereizt auf die Werbung in den Auslagen und beim Kaufmann reagiere. Ich werde beim nächsten Flohmarkt meine Weihnachtsartikel verhökern. Ein paar schlichte Tannenzweige müssen ausreichen, um mir das Heim gemütlich und stimmungsvoll zu gestalten. Bloß kein Glitzern und Glimmern in der Wohnung und auf einen Weihnachtsbaum kann man getrost verzichten. Bei dieser Überlegung ist auch nicht außer Acht zu lassen, dass das Aufstellen des Baumes erhebliche Verschmutzungen bereiten kann. Ich kann mich erinnern, dass der Baum auf dem Markt ausgesprochen passabel aussah, in der Wohnung jedoch erhebliche Schönheitsfehler hatte. Da, wo man ihn gern hätte dichter haben wollen, wies er jämmerlich kahle Stellen auf und da wo er hätte lichter sein können, befand sich undurchdringbares Tannengeäst. Kein Problem, tönte der männliche Mitbewohner der Wohnung. Hier unten sägt man einige Zweige weg, bohrt in den vernachlässigten Teil des Baumes einige Löcher und steckt die abgesägten Tannenzweige hinein und schon hat man den perfekten Baum. Zunächst musste er aber auch noch am Fuß so zurecht gesägt werden, damit er in den Christbaumständer passte. Das gelang auch nicht auf Anhieb. Der Baum wackelte und musste mit Draht an einer Türklinke oder sonso befestigt werden. Nach einigen Stunden sah das Wohnzimmer aus, als ob ein Terrorkommando sich über Baum und Stube hergemacht hätten. Tränen der Wut weinte ich ob des mit Harzflecken versauten Fußbodens und der Baum sah nach stundenlanger Umgestaltung keineswegs besser aus. Eigentlich wollte ich eine besinnliche Weihnachtszeit haben und nun hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes die „Bescherung“. Das sollte mir nie wieder passieren. Ich nahm mir also die Ikea-Taschen vor, entleerte sie und prüfte, welches der Dekorationsteile mit auf den Markt sollte. Ach, diese Kugeln sind aber doch recht hübsch. Ich hatte sie mal in einer Glasbläserei erstanden, teuer waren sie, eigentlich zu schade, um auf dem Flohmarkt verhökert zu werden. Erst einmal zur Seite legen und die anderen Dinge überprüfen. Engel, die einst meinen Baum zierten, sollten auf gar keinen Fall mehr zum Einsatz gelangen. Kitsch ist das – oder doch nicht. Eigentlich sind sie doch ausgesprochen heiter anzusehen. Heranwachsende Mädchen in Indien hatten sie angefertigt und mit meinem Kauf, konnte ich ein soziales Werk unterstützen. Nein, das kann ich nicht machen und legte die Engel zu den Kugeln. Aber die Strohsterne, die ich jetzt in der Hand hielt, werde ich auf gar keinen Fall behalten. Einige davon hatten meine Kinder gebastelt. Das geht doch nicht, dass du vergisst, mit welchem Eifer und in Vorfreude auf Weihnachten sie gebosselt wurden. Herzlos wäre das. Aber ich muss doch eine Entscheidung treffen. Entweder schlicht und sich nicht von der verbissenen Weihnachtsberieselung beirren lassen oder doch dekorieren. „Nur weil dich die Geschäftemacherei und die aufdringliche Werbung nerven, brauchst du doch nicht auf weihnachtliches Wohlgefühl verzichten und ein Baum gehört nun mal dazu“, sagte mir mein Bauchgefühl. Irgendwie hat sie ja recht, diese Stimme in mir. Also alles wieder in die Ikea-Taschen packen, nicht auf den Flohmarkt gehen und sich noch nach ein paar passenden Glaskugeln umsehen. Nerviger Weihnachtsrummel hin oder her, der Baum in diesem Jahr soll ganz besonders groß sein und schön geschmückt werden.
