Marita und Kathrin kannten sich schon eine ganze Weile. Sie besuchten einen gemeinsamen Frauenstammtisch. Kathrin war sich nicht sicher, ob sie Marita mochte oder nicht. Auf jeden Fall faszinierte sie eines an Marita, sie hatte immer eine große Klappe und sie redete jede Menge Blödsinn. Manches Mal verdrehten die anderen, sie waren 10 Frauen die sich einmal im Monat trafen, die Augen.

 

Kathrin war unterwegs im Einkaufszentrum, einfach mal shoppen, das hatte sie schon lange nicht mehr gemacht und dann einen Kaffee trinken und vielleicht ein Eis dazu. Sie schlenderte durch die Passage und plötzlich sah sie Marita auf sich zukommen. Ihr erster Gedanke, oh nein, kann ich schnell in eine Geschäft verschwinden, doch dazu war es zu spät. Marita winkte mit beiden Armen um ja nicht übersehen zu werden und rief laut durch die Passage, KATHRIN, KATHRIN, HUHU.

 

Kathrin biss in den sauren Apfel und ging auf sie zu. „Hallo Marita, schön dich zu sehen“.

Marita umarmte sie, als wären sie die besten Freundinnen.

„Ja, auch auf Shopping?, ja ja, das muss sein, ich weiß bald nicht mehr, was ich anziehen soll, nichts habe ich mehr im Kleiderschrank seit ich so abgenommen habe, abnehmen könntest du auch mal Kathrin, du fühlst dich nachher viel besser, glaub es mir“. Kathrin sah an Marita rauf und runter. Abgenommen, wo denn, dachte sie.

 

„Hast du Lust, gehen wir ein Eis essen?“ Kathrin hatte das ja vorgehabt, da wusste sie noch nicht, dass sie auf Marita treffen würde. „Eigentlich mache ich ja Diät, du hast ja grade selbst festgestellt, dass ich abnehmen muss“.

 

„Ach, ein Eis zwischendurch, das kann man ruhig Mal“. Nun gut, dachte Kathrin. Sie gingen zum italienischen Eiscafé, das für sein gutes Eis stadtbekannt war. Setzten sich so, dass sie einen Blick auf die vorbei laufenden Leute hatten. „Du Kathrin, was ich dir immer schon mal sagen wollte, also deine Haarfarbe, dieses auffallende Rot, also das gefällt mir ja gar nicht und das steht dir auch gar nicht, das solltest du wirklich ändern“. Ich hab da wirklich Ahnung von, glaub mir, ich bin für meinen guten Geschmack bekannt“. Fast entsetzt schaute Kathrin Marita an. Guter Geschmack dachte sie, glaubst du das wirklich, dass du den hast? Und schon ging es weiter, „und Deine Kleidung, die passt so gar nicht zu dir“. „Komm, wir gehen zusammen shoppen und dann werde ich dich beraten.“

Kathrin aß ihr Eis, trank ihren Kaffee, ließ den Redeschwall über sich ergehen. Sie bekam noch Tipps, wie man am besten flirtet, am besten einen Mann angelt, auf ihren Einwand, du, ich hab einen Freund, reagierte Marita gar nicht. Sie redete über ihre Kinder, wie gut sie die erzogen habe, ihre Wohnung, wie gut sie die eingerichtet habe, ihren Beruf, wie unentbehrlich sie da sei, weil sie so gut ist. Kathrin winkte der Bedienung, ich möchte zahlen. Sie zahlte und sagte zu Marita, es war schön dich getroffen zu haben, ich muss jetzt weiter.

 

„Ja, willst du dich denn nicht von mir beraten lassen?“. „nein, antwortete Kathrin, ich bleib lieber bei meinem eigenen Stil“. „Glaub mir ich weiß wirklich viel besser, was dir stehen würde, als du. Das sieht man doch schon daran, dass ich so viel besser gekleidet bin“.

 

Jetzt musste Kathrin doch lachen, die ganze Zeit hatte sie sich bemüht ein ernstes Gesicht zu machen, aber jetzt hielt es sie nicht mehr. „Lachend antwortete sie Marita, ich will mich doch nicht in Sack und Asche kleiden, ich würde dir raten, wirklich mal zu einem Stilberater zu gehen, alleine schon diese zipfelige Frisur, die du hast, ehrlich, nein, so möchte ich nicht aussehen“. Drehte sich um und ging.

 

 

Marita saß da und blickte der anderen ungläubig hinterher. Das war doch jetzt nicht wahr? So konnte man doch mit ihr nicht umgehen. Das wird sie ihr heimzahlen. Neidisch war sie, so neidisch. Wie schaffte Kathrin das nur. Was machte sie so selbstbewusst. Wieso wurde sie, die doch so gar nicht der Norm entsprach, von der Frauengruppe gemocht und anerkannt und sie selbst, das fühlte sie, erkannt man so gar nicht an. Sie hatte oft das Gefühl. Die anderen machten sich über sie lustig.

 

Doch das soll sich ändern, das schwor sich Marita. Der Kathrin würde sie das heimzahlen. So ließ sie sich nicht behandeln. Sie nahm ihr Handy und rief Marlene an, Marlene war auch in der Frauengruppe, Marlene war eine aparte dunkelhaarige Frau, doch Marita hatte schon herausgefunden, dass Marlene tiefst unsicher war. Sie ließ sich leicht beeinflussen. Mit ihr würde sie anfangen.

 

Sie erzählte Marlene, dass sie Kathrin getroffen hatte und was diese sich gewagt hatte zu ihr zu sagen. Das sie das praktisch herausgefordert hatte, das ließ sie natürlich weg. Marlene konnte es nicht fassen, nein, Marita ehrlich, das hätte ich nie von ihr gedacht. Das muss ich doch gleich der Simone erzählen. Sie redeten noch ein wenig und verabredeten sich für den anderen Tag zum Kaffee in der Einkaufspassage.

 

So dachte Marita, dieses war der erste Streich.

 

 

Am nächsten Nachmittag war sie die erste im Café, von weitem sah sie Marlene kommen, sah direkt, dass diese nicht alleine war. Marlene war in Begleitung von Simone und einem Mann. Die drei kamen auf den Tisch zu, Marita stand auf, umarmte Simone und Marlene und wartete darauf, dass man ihr den Mann vorstellte. Sie musterte ihn von oben bis unten und war hin und weg. Simone stellte ihn vor, Marita, das ist mein Cousin Harald, er ist hier zu Besuch, er stammt aus dem norwegischen Zweig unserer Familie, auch wenn man ihm das nicht ansieht. Harald war ein großer, dunkelhaariger Mann, breite Schultern, schmale Hüften und dunklen Augen. Er hatte einen etwas brutalen Zug um den Mund, so machomaessig und war genau ihr Beuteschema. Marita war hin und weg. Simone grinste in sich hinein. Sie mochte Marita überhaupt nicht und als ihr Marlene gestern die Story von Kathrin und Marita erzählte, hat sie innerlich gegrinst und nach außen empört getan. Nachdem das Gespräch mit Marlene beendet war und sie beschlossen hatten, sich heute zusammen mit Marita zu treffen, hatte sie laut gesagt, klasse Kathrin.

 

Nun saßen sie zu viert am Tisch, Marlene und Marita sprachen über Kathrin, Simone schwieg. Marita sah immer wieder zu Harald, bezog ihn in das Gespräch mit ein. Harald stimmte ihr zu, solche Frauen seien unmöglich, nein solche mochte er gar nicht. Marita war hin und weg. Diesen Mann wollte sie haben. Marlene wollte zahlen, sie müsse nach Hause, sie habe zu Hause noch nichts gemacht und müsse die Wohnung machen, bis ihr Männe zu Hause sei. Simone wollte ebenfalls gehen, Harald meinte, sie könne ruhig los, er bliebe noch ein wenig. Marita war seelig, hatte sie doch diesen gut aussehenden Mann für sich alleine.

 

Harald hatte längst die Beute gewittert, dass er in Norwegen Familie hatte, Frau und Kinder, brauchte er ihr ja nicht auf die Nase zu binden.

 

Sie unterhielten sich, Harald berührte zufällig ihr Hand, hielt sie einen Augenblick fest, ließ sie wieder los, meinte, sollen wir noch woanders hingehen, ich würde gerne etwas essen. Marita stimmte sofort zu. Sie gingen zu einem chinesischen Restaurant, das Harald gut kannte. Sie aßen Peking-Ente und tranken Wein. Mittlerweile war es dunkel. Harald fragte, darf ich dich nach Hause bringen. Marita nickte. Ein dicker Kloß saß ihr im Hals. Harald brachte sie nach Hause, sie lud ihn auf einen Kaffee in ihre Wohnung, froh darüber, dass die Kinder heute bei Freunden übernachteten. Und es endete, wo sie sich gewünscht hatte, dass es endete, im Bett. Harald war ein erfahrene Liebhaber.

 

Sie trafen sich 2 Wochen lang, jeden Tag. Marita war fest davon überzeugt, dass Harald es ernst meinte. Dann sagte er ihr, er müsse nach Hause, ein unerwarteter Anruf seiner Firma rufe ihn vorzeitig aus dem Urlaub zurück. Marita war traurig, aber fest davon überzeugt, dass er sich wieder bei ihr melden würde.

 

Es verging eine Woche, nichts tat sich und dann war Stammtisch. Da Marita nichts mehr von Harald gehört hatte, hatte sie sich vorgenommen, Simone nach ihm zu fragen. Sie kam etwas später an, sah dass Simone und Kathrin miteinander tuschelten, Marlene war noch nicht das, aber einige der anderen, die interessiert lauschten. Als Marita an den Tisch kam, verstummte das Gespräch sofort.

 

Nach und nach kamen alle. Marita fand keine Gelegenheit alleine mit Simone zu reden und sie nach Harald zu fragen. Auf einmal hörte sie, wie Simone den Namen Harald aussprach. Sie erzählte, dass ihr Cousin Harald aus Norwegen zu Besuch da war, erzählte, dass das so ein richtiger Frauentyp sei und schaute dabei Marita an. Nicht wahr Marita, du warst doch auch hin und weg, hat dir die Zeit mit ihm gefallen? Er ist schon Klasse nicht wahr? Schade nur, dass er in Norwegen glücklich verheiratet ist und niemals auf die Idee käme, sich von seiner Frau zu trennen.

 

Marita war kreideweiß geworden. Die anderen grinsten, nur Marlene nahm sie in den Arm.

 

Marita winkte der Bedienung, stand auf und ging. Sie wurde beim Stammtisch nie wieder gesehen und auch nicht vermisst.

 

Menschen die immer meinen alles besser zu wissen, anderen Verhaltensregeln auf diktieren wollen, die sie selbst nicht bereit sind einzuhalten, die sind eben nicht beliebt.

 

Text: Nika Nachtwind