Ich soll angeblich leicht vorgebeugt mit Hängeschultern laufen. Und das, obwohl ich täglich Sport mache und im letzten Jahr sogar einen Marathon gelaufen bin.

Woher ich das weiß? Das hat meine Schwester gesagt. Ich glaube ihr, weil sie mich positiv sieht. Wenn es meine Ex gesagt hätte, hätte ich sie wohl angefaucht.

„Das ist psychisch. Daran bist ja wohl du schuld“, hätte ich gesagt, und deshalb hätte sie sowas nie raus gelassen.

Tja, wer sagt einem, wie man nach außen wirkt?

Da dated man sich, gibt sich alle Mühe, so attraktiv wie möglich zu wirken, wundert sich, dass die betreffende Frau einen nicht will, und man weiß nicht, welchen Grund ihre Abneigung hat, denn sowas sagt einem ja keiner.

Vor zwölf Jahren habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich nicht mehr jugendlich frisch aussehe, obwohl ich mich heute noch so fühle. Ich hatte einen Termin im Landratsamt, und die Frau am Empfang von Mitte Vierzig rief meine Verabredung an und sagte:

„Da ist ein älterer Herr für sie...“

Aua, das tut weh.

Was habe ich gemacht? Das, was meist Frauen machen, wenn sie in ein Alter kommen, wo sie älter wirken als sie sich fühlen. Ich habe abgenommen und mir schicke Klamotten gekauft. Ich habe später dieses Zeug ausprobiert, das man sich als Mann in Haare massiert und das die Haare für vier Wochen nicht mehr so grau scheinen lässt.

Und trotzdem, Hängeschultern, ein hängender Kopf mit auf den Boden gerichtetem Triefblick macht alles wieder kaputt. Und den merkt man dummerweise nicht, weil es einem keiner sagt, wenn man nicht gerade eine sehr viel jüngere, wohlmeinende Schwester hat.

Gestern war ich zur Vorsorgeuntersuchung. Wo der Arzt ein Endoskop benutzt und es weit in den Körper voran treibt. Ich will die Fachbezeichnung dafür nicht verwenden, weil ich niemandem den Appetit verderben will.

Natürlich habe ich das ohne örtliche Betäubung über mich ergehen lassen. Ich bin doch ein Mann, und richtige Männer haben keine Schmerzen, egal ob sie aufrecht oder mit Hängeschultern umher laufen. Und so konnte ich mit dem Arzt nebenbei ein richtig gutes Gespräch führen. Natürlich ließ ich geschickt ein paar Fachausdrücke fallen.

Am Ende fragte er mich nach meinem Beruf.

„Ich bin Rentner“, sagte ich.

„Nein, ihren Beruf“

Ich sagte ihm, was ich gemacht habe.

„Oh, schade, sowas haben wir erst kürzlich eingestellt. Sonst würde ich sie sofort nehmen.“

Er hatte also einen positiven Eindruck von mir.

„Ich bin Rentner“, erinnerte ich ihn. „Ich bin ausgemustert, ausrangiert. Ich kriege Rente, das ist Geld fürs Nichtstun.“

„Egal, bei uns gibt es welche, die mit über 70 noch arbeiten. Sowas wie Sie brauchen wir.“

Wow, tat das gut.

Ehe jetzt jemand fragt: Nein, es war nichts. Bei mir ist hintenrum noch alles in Ordnung. Vorne rum sowieso, aber das weiß ich allein.

Ob der Chefarzt sowas zu mir gesagt hätte, wenn er wüsste, dass ich mit Hängeschultern rum laufe?

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© Jürgen Berndt-Lüders
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