Heute ist wieder dieser Tag der Frauengruppe. Ich setze mich an den Tisch, auf den mir zugewiesenen Platz. Da, wo ich zuerst saß, komplimentierte man mich weg.

 „Hier sitze ich! Immer!“

Gut, rutsche ich halt einen Platz weiter. Kurz darauf das gleiche Spiel und wieder muss ich den Platz räumen. Erst überlege ich, ob vielleicht Namen an den Stühlen stehen, wie im englischen Parlament, oder dem House of Lords, doch ich sehe keine Schilder, es ist nur eine alte Gewohnheit.

Auch der Ablauf ist genau geregelt, funktionier reibungslos wie ein Uhrwerk. Die Klingel, die uns zur Ruhe mahnt ….hier genau wie früher in der Klosterschule. Während des Kaffetrinkens rennt keiner rum, brüllt man nicht. Wenn gleich danach kassiert wird, hat man an seinem Platz zu sein. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich sowas wieder erlebe, diesen Zwang mitmache, dem hätte ich einen Vogel gezeigt.

Die Frauen neben mir kenne ich, auch die Namen meiner Vereinskameradinnen im Vorstand sind mir bekannt…zumindest die meisten. Von einer kannte ich erst den Namen des Hundes, dann den ihres Mannes, dann ihren. Seltsam, es liegt aber daran, dass ich Hund und Mann öfter sah, mein Mann sich mit ihm unterhielt. Mit dem Mann, nicht dem Hund, der wurde mit Leckerli gefüttert, wäre umgekehrt ja auch recht komisch gewesen.

Mir gegenüber, an der anderen Seite des Raumes sitzen die Frauen, die wohl schon lange in der Gruppe sind, auch an meinem Tisch weiter oben steigt das Alter an. Nur eine Frau ist jünger als ich. Die Namen der Frauen kenne ich bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht, obwohl wir in einem Verein sind. Mit ihnen zu reden würde bedeuten, dass ich durch den Raum brüllen müsste oder auf einem Platz säße, von dem ich vertrieben würde, weil dort eben immer jemand anders saß und weiter sitzen wird.... aus alter Gewohnheit.

Zwei Frauen sind dabei, die erinnern mich an meine Omas. Eine ist so süß, dass ich an mich halten muss, um sie nicht zu knuddeln. Doch sowas tut man nicht einfach so, das sagt mir eine alte Gewohnheit.

Völlig unbefangen frage ich ein langjähriges Mitglied der Gruppe, wann ich wohl mal dort oben am Tisch gegenüber sitzen werde. Nach kurzer Überlegung kommt die Antwort, die mich erschüttert.

„Wenn jemand stirbt, wird der Stuhl frei! Dann rückt jeder einen Stuhl auf! “

Sätze wie Ohrfeigen! Ich soll davon profitieren, dass jemand stirbt? Wie schrecklich ist das denn? Der Gedanke, dass ich mit meiner „Omi“ nie wirklich geredet habe, ihre Rezepte nicht aufschrieb, ihre Erlebnisse nicht festhielt, ihre Geschichte nicht kenne, bringt mich zum Weinen. Da sitzen in greifbarer Nähe so viele Erfahrungen, Anekdoten und Geschichten, vielleicht auch schlimme Erlebnisse aus dem Leben und dem Krieg und das geht einfach so verloren, MIR verloren! Die Frauen verschwinden nach dem Abschiedslied schneller von der Bildfläche als meine Koi, wenn ich auf den Boden stampfe.

Wie komme ich an dieses Wissen, an diese Frauen heran, bevor Gott sie zu sich holt…aus alter Gewohnheit?

Nach dem Kaffee muss man am Platz sein, denn die Bingokarten werden verkauft, beim Spiel selber herrscht Ruhe und jeder sitzt am Platz. Soll ich statt "BINGO" einer Dame zurufen, nun komm doch morgen mal zu mir in den Garten, bring deinen Lieblingskuchen mit oder gib mir das Rezept, damit ich ihn backe. Ich will dich so viel fragen, doch du bist so weit weg von mir….aus alter Gewohnheit. Vielleicht kommen sie ja wirklich zu mir, weil man nette Einladungen nicht ablehnt…aus alter Gewohnheit.

Ich sollte, aus alter Gewohnheit, Gott darum bitten, mir zu helfen…und dass er mir den Mut gibt, das hier tatsächlich mal in der Frauengruppe vorzulesen.