Hier stand ich nun auf dem Marktplatz, um den sich altehrwürdige Häuser eng aneinander schmiegten, zwischen denen hier und da eine Seitenstraße abzweigte, die an der noch zum Teil gut erhaltenen und recht trotzig wirkenden Stadtmauer endete und auf dem einmal im Jahr ein sehr traditionsbewusster Markttag abgehalten wurde, der Kalte Markt. Und ob man es glaubt oder nicht, gerade zu diesem Zeitpunkt befindet sich diese kleine Stadt sprichwörtlich im Ausnahmezustand. An solch einem Tag herrschte ein so reges Treiben auf dem Markt, dass man nur in einer Flut von Menschen mit schwimmt, die einen vorwärts bewegten wie die Wogen eines tosenden Meeres. Dem fremden, dem außen stehenden Betrachter, den zu gereisten, dem Gast, wurde so das Bild vermittelt, als befände er sich nicht in einer Kleinstadt, die mitten in der Provinz liegt, sonder in irgendeiner City auf diesem Planeten, wo das Leben fast buchstäblich aus den Fugen gerät, wo es pulsiert, wo es vibriert, so viele Menschen findet man an diesem Tag hier. Doch heute ist der Marktplatz wie leer gefegt. Es hing wohl auch damit zusammen, dass viele Menschen gerade um diese Zeit auf der Arbeit waren und ihrem Beruf nachgingen. Heute liefen nur vereinzelt ein paar Leute auf der anderen Straßenseite, die ich zwar kenne, aber Kumpels aus der Schule waren das nicht. Eine Frau öffnete gerade auf der mir zugewandten Seite des Marktes ein Fenster, beugte sich ein wenig nach draußen und krakeelt einen Namen hinaus, den das Echo, was an den Hauswänden widerhallte ein wenig verzerrte, was sich aber anhörte wie Heinz und sicher dem Jungen galt, der die schmale, leicht ansteigende und von Gehwegen gesäumte Seitenstraße mit dem Rad hoch fuhr, die von der Stadtmauer her auf den Marktplatz führte. Es war gegen 11:00 Uhr, denn die Turmuhr vom Rathaus schlug gerade und wenige Minuten später ertönte auch die Glocke der evangelischen Kirche. Warum das Läutwerk der beiden Uhren immer unterschiedlich schlug, habe ich als Jugendlicher, aber auch im späteren Alter nie so richtig ergründen können. Vielleicht ging die eine eher nach Moskauer und die andere nach Vatikan Zeit, wer weiß das schon so genau, keine Ahnung. Im ausklingenden letzten Ton der Kirchturmuhr, tuckerte ein alter Opel P4 die Straße zwischen Rathaus und Gasthaus „Zur guten Quelle“ herunter und rollte auf den Marktplatz, bis er zum Stillstand kam. Viele Leute hatten zur damaligen Zeit nicht einmal ein Auto, geschweige denn einen solchen fahrbaren Untersatz. Blau oder schwarz war dieser, genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Doch eine all zu große Farbauswahl hatten die Autobauer jener Zeit, als das Auto gebaut wurde, wohl sicher nicht. Das Auto hielt keine zwanzig Meter von mir entfernt und ein älterer Herr stieg aus. Er trug eine Randlose Brille und einen kleinen Hut auf dem Kopf und er humpelte ein wenig, so glaube ich mich daran zu erinnern. Und bei genauerem Hinsehen erkannte ich auch warum er das tat, denn er trug einen orthopädischen Schuh am rechten Fuß. Die zweite Tür am Auto wurde geöffnet und ihm entstieg ein blondes Mädchen, Engel gleich und höchstens 14 oder 15 Jahre jung. Ich saß auf meiner Schwalbe und stützte das Gefährt mit beiden Füßen am Boden ab, beugte den Oberkörper leicht nach vorne in dem ich die Ellenbogen auf dem Lenker legte. Die beiden gingen gemeinsam auf die andere Straßenseite, in Richtung eines Schaufensters zu, welches noch heute die Erzeugnisse des damaligen Töpferhofes von Römhild, der schon über ein paar Generationen hinweg hier ansässig war, präsentierten. In diesem Moment hatte ich nichts eiligeres zu tun als das Moped zu starten, um mit dem wahrlich spärlichen Licht der Lichthupe, am helllichten Tag ein Lichtsignal auf die andere Seite des Marktplatzes zu senden. Das war schon ziemlich einfältig, wenn man sich vorstellte, dass es Tag hell war und einer der letzten schönen Tage im September des Jahres 1966. Ich wagte kaum daran zu glauben, nein ich zweifelte eher daran, dass dieser klägliche, eher plumpe Annäherungsversuch, den ich in meinem jugendlichen Übereifer so spontan unternahm, irgendeine Gegenreaktion von dem schönen Mädchen hätte erwarten können, was gerade auf der anderen Seite des Marktes mit dem älteren Herren den Gehweg entlang ging. Doch in diesem Moment geschah etwas, was mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf... Sie schaute zu mir herüber und lächelte mit ihrem niedlichen Antlitz, etwas schüchtern und verlegen in meine Richtung. Wäre ich nun statt aus Fleisch und Blut, jetzt aus Heu oder Stroh gewesen, ich hätte sicher lichterloh gebrannt. Innerlich war ich wohl schon etwas angesengt und ich fühlte mich auch so, stieg doch eine wohlige Wärme in mir auf. Ich fühlte mich recht seltsam, so merkwürdig, beinahe leicht, als wollte ich mich in diesem Moment einem Vogel gleich in die Lüfte erheben. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl wanderte durch meinen Körper von der äußersten Haarspitze bis hinunter zum kleinen Zeh. Ich hätte in diesem Augenblick einen Luftsprung vollführen können, so erfreut war ich darüber und ich hätte sogar sprichwörtlich die ganze Welt umarmen können. Als sie dann zusammen mit dem älteren Mann, ich denke wohl das es ihr Vater war, in den verwinkelten, zum Teil engen Gassen der Stadt verschwand, machte auch ich mich auf den Heimweg.

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