Es geschah aber zu jener Zeit, da große Umbrüche eine kleine Insel gleich einem Erdbeben erschütterten, deren Eingeborene die "Graumelierten" genannt wurden:

Die Graumelierten waren ein fröhliches Völkchen, immer neugierig Fragen stellend, um Antworten nie verlegen, beschäftigt mit sich selbst und dem anderen Geschlecht. Es gab Klubhäuser auf der Insel, in denen sich Gleichgesinnte zum Austausch trafen, es gab "Zirkel Schreibender Graumelierter", die literarische Kleinodien verfassten und sie der gesamten Bewohnerschaft zum Genuss und zur Begutachtung vorlegten.

Im großen und ganzen ein wohlgeordnetes Gemeinwesen, der Herrscher hielt sich im Hintergrund und schickte nur gelegentlich seine Ordnungstruppe vor, wenn es galt, kleine Reibereien unter den Bewohnern zu schlichten, Plagiatoren anzumahnen und Orientierungslose zu ihrem Ziel zu führen.

Natürlich waren die Bewohner keine Engel (auch wenn Engelhaftes ihr besonderes Interesse hervorrief), es gab Streit wegen der Entlohnung, manch einer fühlte sich ungerecht behandelt, bockte, wanderte aus, kam wieder. Manch einer sehnte sich nach modernerem Handwerkszeug, manch einer wollte anonymer bleiben...

Der Herrscher galt als weise und kündigte an, das Gemeinwesen zu reformieren. Dieses Vorhaben löste unter den Vordenkern der Graumelierten einige Geschäftigkeit aus, sie überlegten, wie die Insel für ihre Bewohner und deren Miteinander lebenswerter werden könne und ließen ihre Erkenntnisse den Herrscher wissen. Von ihrer Vorfreude und Neugier ließen sich alle Bewohner anstecken.

Die Zeit verging, wenig geschah, hier und da eine kleine Ankündigung, ja, die Reform wird kommen, ja, alles wird besser, ja, bald...

Fast schon geriet sie in Vergessenheit...

Und dann plötzlich, über Nacht, ohne Vorankündigung, war sie da, die große Reform: Die Graumelierten wurden durch ihre Wucht aus den Betten geschleudert, in die Ecken getrieben, durcheinandergewirbelt, keiner hatte Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, sein Hab und Gut zu schützen. Verwirrt liefen die Graumelierten durcheinander, diejenigen, die sich besseres Handwerkszeug gewünscht hatten, bekamen schlechteres, unbrauchbares. Diejenigen, die sich mehr Anonymität gewünscht hatten, sahen sich plötzlich vollkommen bloßgestellt, diejenigen, die ein gerechteres Entlohnungssystem wünschten, vergaßen über das Chaos auf der Insel ihren Wunsch gänzlich.

Nichts war mehr an seinem gewohnten Platz.

Und der weise Herrscher? Er schwieg. Beharrlich.

Sollte unser Herrscher gar nicht so weise sein, mutmaßten nun die Graumelierten? Sollte er etwa ein übles Spiel mit uns treiben, uns gar nicht mehr haben wollen?

Immer mehr Bewohner der Insel schlossen sich der Oppositionbewegung gegen die Reform an, trugen leuchtende "Nein-Danke"-Anstecker, diskutierten, versuchten, sich zu wehren. Andere verstummten und gingen in die innere Emigration.

...Und dann machte ein Gerücht unter den Graumelierten die Runde, es gäbe da noch andere Inseln, freundliche kleine Eilande, mit freundlichen Herrschern, angenehmem Klima...

Spähtrupps machten sich auf den Weg, erkundeten, forschten, kehrten um und berichteten, dass sie tatsächlich nette, noch dünn besiedelte Inseln gefunden hatten, deren Bewohner und Herrscher sich über Einwanderer freuten, die ihnen Häuser nach ihrem Geschmack zur Verfügung stellten, die ein offenes Ohr für ihre Anliegen hätten. Das verbreitete sich auf unserer Insel wie ein Lauffeuer - und der gar nicht so weise Herrscher der Graumelierten, der sich zwar inzwischen beschwichtigend zu Wort gemeldet hatte, wurde kaum noch gehört.

Anfangs waren es wenige, die mit Sack und Pack die Insel der Graumelierten verließen, aber der Strom schwoll an, und wie immer waren es mit die Besten, die das Land verließen, auch wenn mancher wohl nur einen Zweitwohnsitz auf den neuen Inseln nahm...

Aber all die feinen klugen witzigen Geister, sie fehlten auf der Insel der Graumelierten, ihre Ideen, ihre Geschichten...

Wie wird es weitergehen auf der Insel?
Wird der Auszug zu stoppen sein?
Werden neue Bewohner kommen und das Leben bunter gestalten?
Werden die Eingeborenen zur Ruhe kommen und sich wieder wohlfühlen?
Werden ihre Anliegen und ihre Kreativität ernst genommen werden?

Wird der Herrscher nun doch zu einem weisen Herrscher werden?