"Ich bin Lehrerin in einer Blindenschule. Vor drei Jahren kam Armin in meine Klasse. Er war elf Jahre alt und zusätzlich zu seiner Blindheit körperbehindert.
Armin lotete vom ersten Schultag an meine Grenzen aus. Er ärgerte sich über Dinge, über die sich jedes andere Kind freut, zum Beispiel gelobt zu werden. Er bemühte sich dann nach Kräften, alles schlecht oder überhaupt nicht mehr zu machen. Dafür erwartete er gebührende Beachtung in Form von Tadel oder schlechten Noten. Erfuhr er dies nicht, begann er zu stören, indem er laute Schnarch- und Spuckgeräusche machte, die Schublade seines Tisches zuknallte oder seine Blindenschreibmaschine vom Tisch warf.
Wenn die anderen Kinder darüber erschraken, kannte seine Begeisterung keine Grenzen. Setzte ich ihn alleine mit einer Arbeit in den Gruppenraum, dann reagierte er mit seiner letzten und stärksten Waffe: Er näßte oder kotete ein, und schüttelte sich vor Freude darüber, dass ich jetzt alles stehen und liegen lassen musste, und er wieder eine Stunde 'geschmissen' hatte.
Das alles zu ertragen fiel mir sehr schwer, aber ich kannte seine Vorgeschichte. Und so bemühte ich mich immer wieder, ihm kleine Dienste zu erweisen: Ich half ihm in seine Jacke oder hielt ihm die Türe auf, wenn er mit seiner Gehhilfe ankam, hob ihm ein heruntergefallenes Blatt auf und ähnliches.
Als ich für einige Tage krank war, erhielt ich einen Brief von Armin. Mein Erstaunen darüber war umso größer, als er sich seit einem Jahr geweigert hatte, überhaupt zu schreiben. Er berichtete mir von der Schule und schrieb sogar, dass er mich vermisse. Den Brief hatte er mit "Ihr altes Haus" unterzeichnet. Mir fiel ein, dass Armin mir ein paar Tage zuvor im Schulflur begegnet war. In jenem Moment hatte ich zum ersten Mal nicht das Gefühl, dass da eine unendlich schwere Last auf mich zukam. So sagte ich mit echter Freude: "Hallo, altes Haus!" Armin, der im Grunde sehr sensibel war, mußte das wohl gespürt haben.
In den folgenden Wochen schrieb er über jede Arbeit, die er anfertigte, nicht seinen Namen, sondern: "Hier ist Ihr altes Haus", so als wollte er jedesmal den Willen dokumentieren, an seinem Neuanfang festzuhalten.
Von nun an ging es in der Schule zwar langsam, aber stetig bergauf. Armin, der eigentlich normal begabt ist, entwickelte sich zu einem Schüler, dem schlechte Leistungen nicht mehr egal waren. Bis zum Schuljahresende schaffte er es allerdings nicht, beständige Leistungen zu erbringen. So setzte ich mich dafür ein, dass er noch keine Noten, sondern nur eine ausführliche Bemerkung bekam. Darin schrieb ich unter anderem, was mir die größte Freude bereitet hatte: "Armin geht immer häufiger in positiver Weise auf andere zu und gewinnt selbst zunehmend Anerkennung." D.B.
