Du wachst auf. Es ist drei Uhr zehn. Dein Kopf meldet sich. Die Erinnerung zwingt dein Herz zum rasen. Du fühlst deinen Puls. Hundertachtzig mindestens.
Du springst auf. Hast du die Tür offen gelassen? Kannst sonst das Telefon nicht hören. Alles klar, die Tür ist offen. Legst dich wieder hin.
Was will diese Frau von dir? Du machst dich zum Narren. Die soll mal in den Spiegel gucken. Ist doch gar nicht deine Klasse. Bundesliga ist sie, und du allenfalls Kreisklasse.
Will sie Geld? Lächerlich. Gut, du hast ihren Latte Macciato bezahlt, aber das war freiwillig. Will sie Liebe? Hanebüchen. Da gibt’s attraktivere als dich.
Streichelst deinen Bauch. Zehn Kilo zuviel, wenn nicht mehr. Welche will schon so einen wir dich?
Ihr wart verabredet. Telefonisch. Du warst nicht da. Musstest die Tochter vom Bahnhof abholen, weil die den Bus verpasst hatte. Kamst zurück. Nichts auf dem AB. Sie hatte nicht angerufen.
Der Nachmittag am Telefon. Fingertrommeln. Fünf Kaffee hast du getrunken. Mindestens. Viel zuviel. Kein Wunder, dass du nicht schlafen kannst.
Kein Anruf.
Mannmannmann. Warum hast du dir ihre Nummer nicht geben lassen? Hast den coolen Typen gespielt. Hast gesagt, ich geb dir mal meine Nummer. Kannst ja anrufen, wenn du willst.
Ich ruf dich um vier an, hat sie gesagt, und gestrahlt. Da bin ich zurück. Will dich wieder sehen, hat sie gesagt. Sie wusste es da angeblich schon. Von wegen.
Hat sie vielleicht vier Uhr nachts gemeint? Klar, warum nicht? Es gibt solche Nachtmenschen.
Noch zehn Minuten. Eine Zigarettenlänge.
Steckst dir eine an. Angelst nach dem Aschenbecher. Eklig. Im Bett wird nicht geraucht, hat Gerda immer gesagt. Gerda, die Männererzieherin. Die Asche, die runter fällt, könnte deine sein, hat sie gesagt und gelacht.
Was ist, wenn sie, die schöne, neue bei dir schläft und alles stinkt nach Rauch? Sie, die jetzt nicht anruft? Ein Nogo. Drückst die Zigarette aus und öffnest das Fenster.
Ach was, die ruft nicht an. Niemals.
Zwei Minuten noch.
Mach dich nicht lächerlich. Um vier Uhr ruft die nicht an. Klammerst dich an diesen blöden Gedanken. Wie alt bist du eigentlich? Vierzehn?
Noch eine Minute. Springst auf und hockst dich ans Telefon. Da steht noch der kalte Kaffee von gestern. Du schluckst den runter und verziehst das Gesicht.
Alles kalter Kaffee. Nicht nur der eben. Vergurkt, verdrämelt, versäumt hast du alles. Hättst die Sache anders angehen sollen. Bist doch sonst der Aktive und jetzt vertraust du einer Frau? Nur um den Coolen zu spielen.
Aus, Ende, es ist vier. Kein Anruf. Verarscht hat sie dich. Eine Lügnerin. Massenware. Hatte nicht die Eier, dir zu sagen, dass sie einen Besseren sucht. Einen Schlanken, mit Geld und Humor. So wie alle. Nichts als Abfall ist sie. Gut, dass sie nicht angerufen hat. Bleibt dir einiges erspart.
Du pennst doch noch ein. Gegen elf wachst du auf. Das Telefon hat dich geweckt. Sie ist dran.
„Ich war geschockt“, sagt sie. „Ich steige aus dem Zug und sehe, wie du eine junge, aufgestylte Tusse in die Arme nimmst, wie sie dir einen Kuss aufdrückt und zu dir in den Wagen steigt.“
„Mensch, das war meine Tochter“, schreist du.
Hoffentlich glaubt sie dir.
„Ja, das habe ich mir heute Nacht auch überlegt. Kurz vor vier lag ich wach. Ich wollte dich schon anrufen, aber um die Zeit...“
Du lachst erlöst. „Und woran hast du’s gemerkt?“
„Dass sie dich nicht auf den Mund geküsst hat.“
„Das bleibt dir vorbehalten“, rufst du fröhlich. „Wann hast du Zeit?“
Noch mal Glück gehabt, Alter, noch mal Glück gehabt.
© Jürgen Berndt-Lüders
