Josef hätte nicht sagen können, ob ihm das Leben wichtiger sei als der Tod. Seit seine Frau gestorben war, hatte er sich aufgegeben.

 

Eines wusste er. Dass die Leute, die behaupteten, ihm fehle die Hand einer Frau im Hause, unrecht hatten. Dass er alles vergammeln ließ, was zu vergammeln ging, war kein Zeichen dafür. Er war einfach fertig mit der Welt, hatte keinen Antrieb, irgend etwas zu tun, zu verhindern oder in Gang zu bringen, und so ließ er auch das Haar wachsen, wo welches wuchs. Und hätte er über die Straße gewollt, wäre er manchmal auch bei starkem Verkehr gegangen. Aber er wollte nicht, legte nie Wert darauf, die andere Seite zu erreichen, und das war sein Glück.

 

Manchmal bat ihn jemand um etwas, und dann tat er es auch. Nicht aus eigenem Antrieb, nein, nur weil er um etwas gebeten worden war. So auch jetzt. Seine Nachbarin bat ihn, etwas aus der Apotheke zu holen, und ihr Wunsch übertrug sich auf ihn und brachte ihn dazu, ihren Wunsch zu seinem zu machen. Also setzte er sich in seinen alten Käfer und fuhr los.

 

In der Hugenottenstraße kam ihm der Wagen von Elisabeth Dunst entgegen. Im Grunde nichts Besonderes, weder für ihn noch allgemein. Besonders war nur, dass ihr Tochter Kiki die Augen von hinten zuhielt. Kiki war drei und einfach mitsamt dem unfachmännisch angebrachten Kindersitz beim Bremsen nach vorn gekippt, bis sie in der Lage war, ihrer Mama die kleinen Patschhändchen mit den Wurstfingern vor die Augen zu legen.

 

„Wer bin ich?“

 

Josef bemerkte, dass der Kopf da vorn keine dunklen Stellen hatte, wo normalerweise die Augen sitzen, und sein Hirn entschied innerhalb von hundertstel Sekunden, nichts zu unternehmen, weder zu bremsen noch gegen zu lenken. Aber nicht, um die Chance zu nutzen, aus seinem sinnlos scheinenden Leben zu scheiden, sondern, weil ihm seine Erfahrung sagte, dass der Abstand reichen würde, an Elisabeths und Kikis Wagen unbeschadet vorbei zu kommen.

 

„Lass Mama“, kommandierte Elisabeth, kurz  Lisa. Und weil Kiki gehorchte, sah Lisa urplötzlich, dass direkt vor ihr ein PKW auf sie zu kam.  Hätte Kiki nicht gehorcht, hätte Lisa nicht auf die Bremse getreten und die Tatsache, das ihr Wagen beim Bremsen nach links zog, hätte sich nicht bemerkbar gemacht. Weil Lisa aber bremse, fuhr sie im spitzen Winkel auf Josefs Wagen zu, erwischte  den an der Fahrertür und klemmte Josef ein.

*

Als Josef zu sich kam, hatte man ihn aus dem Blechhaufen geschnitten und er lag auf der Trage des Rettungswagens. Er realisierte den besorgten Blick des Notarztes, checkte, dass er nichts spürte und erinnerte sich an das Wichtigste.

 

„Herr Doktor“, flüsterte Josef kraftlos. „Sehen Sie mal in meine Brieftasche. Sie liegt im Handschuhfach.“

 

„Psst“, sagte Doktor Winkelmann. „Sie sollen nicht sprechen. Wir sind gleich da.“

 

Josef lächelte. Er sah das unendliche Mitleid in Winkelmanns Augen und wurde kurz eins mit ihm. Ein Glücksgefühl überkam ihn, und ab jetzt, in seinen letzten Minuten, wollte er nur noch Gutes tun. „In meiner Brieftasche ist ein Organspenderausweis. Schlachten sie mich aus bis auf den letzten Zehennagel.“

 

Winkelmann würgte es in der Brust. Er unterdrückte die Tränen. Hätte ihm ein Tapferkeitsmedaille zur Verfügung gestanden, er hätte sie Josef auf die Trage gelegt.

„So weit sind wir noch nicht“, sagte Winkelmann, und er wusste, dass er sich mit der Aussage weit aus dem Fenster lehnte. Ein Knochensplitter hatte sich anscheinend in die Blutbahn gebohrt. Mark trat aus und verunreinigte den Lebenssaft.

 

„Aber ich spüre meine Beine nicht“, flüsterte Josef.

 

Serotonin überflutete seinen Kreislauf. Jetzt, wo ihm alles egal geworden war, hatte er die Möglichkeit, noch einmal etwas entscheidend Gutes zu tun.

 

„Wir haben Sie ab LWS ruhig gestellt“, sagte Winkelmann. „Sie würden die Schmerzen nicht ertragen.“

 

LWS, LWS, ach ja, LWS heißt Lendenwirbelsäule, dachte Josef noch, bevor das Anästhetikum seine Wirkung zeigte und alles um ihn herum in friedlicher Güte versank.

*

Als Josef zu sich kam, spürte er als erstes Lisas Tränen auf seiner Hand. Oder waren es ihre Küsse, die er spürte?

 

Josef lächelte. „Sie sind nicht die Schwester“, flüsterte er matt. „Sie tragen nicht weiß.“

 

Lisa gluckste unter Tränen. „Ich bin die dumme Elisabeth, die Sie fast umgebracht hätte“, kriegte sie mit viel Mühe und zwischen tausend Tränen aus sich heraus.

 

„Wie geht es Ihnen?“, fragte Josef. Er lächelte immer noch.

 

„Mir ist nichts passiert“, schimpfte sie und wurde immer lauter, bis sie am Ende schrie. „Mir nicht und Kiki auch nicht, aber Ihnen, und das finde ich, ehrlich gesagt, ungerecht und richtiggehend Scheiße.“

 

Lisa rannte aus dem Zimmer, nicht, um das nachzuholen, was sie als gerecht empfand, sondern, weil sie es mit sich und der Situation nicht zurecht kam.

*

Sie legten Josef in ein künstliches Koma, und als er mal wieder zu sich gekommen war, stand der Doktor im Zimmer, der Oberarzt, der die Chirurgie unter sich hatte.

 

„Wie sieht es aus, Herr Doktor?“, fragte Josef und lächelte. Huber schnitt die vielen Blumen frisch an, die Lisa im Laufe der letzten beiden Wochen angeschleppt hatte und stopfte sie in die Vasen zurück.

 

Huber fuhr herum. „Ich weiß, das ist Sache der Praktikanten“, entschuldigte er sich. „Aber Sie waren noch nicht ganz wach, und...“

 

„...was ist mit mir?“, wiederholte Josef leise. Jedes Wort strengte ihn an.

 

Huber wurde ernst. Seine Stimme nahm einen stählernen Klang an. „Mehrfache Fraktur beider Oberschenkelknochen, Beckenfraktur, Fettembolie...“

 

„Werde ich wieder?“

 

„Sie werden wieder. Auch dank der liebevollen Hilfe von Schwester Lisa“, behauptete Huber, und sein Blick wies in die andere Richtung. Mühsam folgten Josefs Augen. Dort stand sie, die Frau, die alle Schuld der Welt auf sich genommen hatte.

*

„Ich liebe dich“, flüsterte Lisa, als sie allein waren, und sie weinte schon wieder.

 

„Wir kennen uns doch gar nicht“, protestierte Josef.

 

Sie schenkte ihm einen Kuss auf den Handrücken. Es war der tausendste vielleicht. „Doch, ich kenne dich. Ich habe dich beobachtet, wie du schläfst, wie du wachst, wie du träumst und seufzt, und wie du den Namen deiner verstorbenen Frau flüsterst.“

 

Josef fasste sich entsetzt an den Kopf. Um sich abzulenken, denn Lisas Geständnis verunsicherte ihn. „Wo sind meine langen Haare?“

 

„Du hattest ein paar Schnittwunden am Kopf“, sagte Lisa. „Da mussten sie dich rasieren. Aber ich habe deine Haare für dich aufbewahrt.“

 

Josef war im Geiste schon wieder woanders. Alles war so neu. Sein Leben war so neu, die Frau, die ihn kannte, war so neu, so aufregend....

 

„Du sagst, dass du mich liebst“, resümierte Josef. „Ich liebe dich nicht.“

 

„Das kommt noch“, vermutete Lisa und lächelte mild.

 

„Du hast ein schlechtes Gewissen, das ist alles“, keuchte Josef. Er wollte sich aufsetzen, wollte dieser Frau gerade in die Augen sehen, aber allein der Versuch tat schon weh.

 

„Ich möchte das noch einmal von dir hören, wenn wir uns gegenüber stehen“, entschied Josef. „Warte so lange, und bis dahin danke ich dir für deine Pflege.“

 

Das war hart.

 

Josef lenkte seinen Blick  auf die Blumen, die längst nicht mehr Doktor Huber, sondern von Lisa erneuert und frisch angeschnitten wurden. Er hörte leise Schritte, und wie sich die Tür schloss, das hörte er auch....

 

Er weinte nicht. Er nahm gerade einen neuen Anlauf. Dafür brauchte er nur sich selber.

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©  für Bild &Text: Jürgen Berndt-Lüders