Ein Wochenende Ende Oktober.
Schon lange habe ich mich darauf gefreut. Kann endlich das Geburtstagsgeschenk von meinem Liebsten einlösen.

Zwei Tage tanzen, vielen Menschen begegnen, zu einer Gruppe zusammenwachsen, in einem beschützten Raum, ausgesuchte Musik, angeleitete Übungen, liebevoll und konzentriert durch das Thema geführt, um am Ende reich beschenkt nach Hause zu fahren.

Und heute ist Sonntag.
Für den 1. November ein wunderschöner Tag. Gedämpft strahlt die Morgensonne durch einen hellgraublauen Himmel.
Ich sitze an meinem kleinen Küchentisch, habe gefrühstückt, halte die Kaffeetasse mit dem warmen Getränk in den Händen und die Gedanken beginnen ihr Eigenleben.

Noch gestern tanzten wir zu dem Thema „SPURENSUCHE“. Verbanden das Heute mit dem Gestern und dem Morgen und bekamen die Affirmation mit auf den Weg:
Nichts ist so wichtig im Leben, wie den Augenblick zu leben. Jeder gelebter Augenblick, an den man sich dann auch erinnert, ist wie eine Perle, die man zu den anderen Perlen ins Schatzkästchen legt, um eines Tages auf ein erfülltes Leben zurück zu blicken.

Lebe den Augenblick.

Mit meiner Kaffeetasse in der Hand bedeutet der Augenblick, ich habe gefrühstückt, meine Augen wandern zu den Pflanzen, die am Fenster in den Hängeampeln hängen, so gut gedeihen. Zum Glasrein, dessen blaue Farbe in der Flasche funkelt. Zu den Bilden an der Wand. Augenblicke bewusst wahrnehmen, während ich ganz relaxt auf dem Stuhl sitze, denn ich habe noch Zeit, bevor es auf die Fahrt nach Hanau geht, zum Tanzen.
Ein ganz unspektakulärer Augenblick, doch ich habe ihn mir bewahrt und jetzt, viele Stunden später kann ich ihn noch beschreiben.

Auf der Fahrt nach Hanau begleitet mich der Sender HR1 mit seiner Musik und seinem Sonntagsthema. Ein Psychotherapeut und Philosoph kommt zu Wort, zum Thema: Grau…Alltagsgrau….Novembergrau.
Und ich muss schmunzeln, als ich seinen Namen höre. Matthias Jung, auch Autor vieler Bücher und in der Brucker-Klinik in Lahnstein bekannt. Von ihm besitze ich ein kleines Büchlein.
Vor vielen Jahren hat es mir meine Mutter geschenkt. FreiRaum….Ein Zimmer für mich allein. Meine Mutter legte mit diesem Geschenk das Samenkorn für Selbstbestimmung, zeigte mir eine Fährte auf dem Weg der Persönlichkeitsentfaltung. Ein Büchlein, das mir sagen sollte: „Marlies…wachse!“

Und nun das Tanzwochenende mit dem Thema „ Spurensuche“. Auf dem Flyer lese ich dazu, dass jeder Mensch seine eigene Berufung und Begabung hat. Dass wir aber oft das leben, was andere von uns erwarten.
Doch nur die Innenschau, ein in uns Hineinhören bewirkt, dass wir unsere eigene und unverwechselbare Lebensspur entdecken. Dazu gehört auch die Aussöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte.

Während ich nun in meinem Auto sitze, hat sich das Wort „Lebensspur“ in meinem Kopf festgesetzt.
Lebensspur, Zug, Gleis, Weichen…diese Assoziationskette öffnet sich.

Mein Zug kam 2000 durch eine außergewöhnliche Weichenstellung auf ein anderes Gleis.
Fast unmerklich am Anfang, dann immer deutlicher, entfaltete sich die Tatsache….ich bin auf eine andere Lebensspur geraten. Und diese hatte zum Schluss nur noch etwas mit mir zu tun.
Habe mich von den Erwartungen der anderen an mich befreit.

Erscheine der Welt aber dadurch offener, zugeneigter, fröhlicher, harmonischer. Bin mit mir all-eins, in meiner Umgebung, in der ich viel allein bin.

Angekommen in dem großen Tanzraum, lächeln mich schon viele bekannte Gesichter an.
Das, was diese Workshops ausmacht ist nicht nur der Tanz und die Übungen, es sind die Sätze die fallen, Affirmationen, Mantras gleich, die an dem eigenen Weltbild rütteln, aufwecken und zum Nachdenken anregen. Bei diesen Weisheiten geht es um Selbstliebe, Selbstachtung und Wertschätzungen.

Bei einen der Übungen geht es um das Bild des Samenkorns. Jeder von uns ist wie ein Samenkorn. Eingeschlossen sind all die Fähigkeiten, die Kraft und die Ressourcen.
Es braucht Zeit, es braucht Menschen und Impulse, um zu wachsen und zu gedeihen.
Oft sind es vielleicht die Herausforderungen, oder der Lebensschmerz, der das Wachstum verspricht. Der es ermöglicht, die Persönlichkeit zu entfalten.

Manchmal sind es auch Vorkommnisse, die einen verändern. Zufällen gleich, die es ja nicht gibt, denn alles ist vorgegeben im universellen Lebensplan.
Ein Flyer, eine liebevolle Aufforderung mitzukommen, eine Zeitschriftannonce, ein Angebot….und man nimmt die Herausforderung an. Geht auf Workshops, macht Weiterbildungen, sucht das Krafttier, verbindet sich mit dem Inneren Kind, versucht über die Astrologie das Leben zu verstehen und bekommt einen kleinen Zettel in die Hand:

Ein klares Nein, ist ein liebevolles Ja zu dir selbst.

Werde meine Neins noch klarer aussprechen, denn sich selbst zu lieben ist wohl der Ursprung der Liebe an sich.

Längst habe ich mir meinen Freiraum genommen. Gehen musste ich dafür den Weg des Loslassens. Jetzt gehe ich den Weg der Aussöhnung und habe den Wunsch, eine positive Lebensspur zu hinterlassen.

Auf „Spurensuche“ werde ich weiter gehen, denn noch bin ich nicht am Ziel.

Marlies