Aus dem Leben eines Taugenichts
So ergab sich einst ein Umstand, bei dem erneut die Weichen für einen Lebensabschnitt gestellt wurden, an dessen Ende das berühmte Happy End stehen sollte. Ich war gerade im vierten Semester meines Studiums und hatte es furchtbar eilig in den Vorlesungssaal zu kommen, der in der Unterkunft der männlichen Studenten lag, Chemie war angesagt. Der Dozent Danner, ein sehr resoluter, schwer durchschaubarer, oft schlecht gelaunter und schlecht ein schätzbarer Zeitgenosse, konnte es partout nicht ausstehen, wenn einer seiner Studenten zu spät zu seinen Vorlesungen erschien und kannte daher kein Pardon. In dem Zusammenhang kam mir manchmal der Gedanke, dass wir für ihn vermutlich nur lernende Nichtskönner waren, sprich Idioten, Menschen zweiter Klasse, was er uns wissentlich spüren lies, eine solche Arroganz legte er des öfteren an den Tag. Man war also besser beraten, sich nicht mit ihm anzulegen, weil man in seiner Gegenwart immer recht klein und winzig erschien und vor allem immer den kürzeren zog. Das Gefühl dafür, was dabei aufkam, war immer allgegenwärtig. Auch war es besser, in Hinsicht auf die Benotung von Klausuren, diesen Mann nicht übermäßig zu reizen und so machten wir lieber gute Mine zum bösen Spiel. So war es eher angebracht, auch mal in seiner Nähe ein wenig zu kuschen um sich eventuelle Vorteile zu erschleichen, obwohl wir im Nachhinein eigentlich ganz anders darüber dachten.
Nun, ich hatte mich an diesen denkwürdigen Tag mit einem anderen Dozenten fest gequatscht und eilte, wie so oft über schnell, weil ich keine Zeit mehr hatte, den Gang im rechten Rundbau der Fachschule entlang. Mit meinem rechten Fuß trat ich gegen die Doppeltür aus massivem Eichenholz, die zum Rundbau hinaus führte und deren rechter Flügel sogleich mit viel Gepolter aufsprang, wobei ich diesen seltsam dumpf klingenden Ton, von dieser Tür noch nie so vernommen hatte, wie in diesem Augenblick. Und im nu schoss es mir durch den Kopf ...Muss wohl kaputt sein. Als ich jedoch in der Durchfahrt vom Rundbau stand und ganz verdutzt zu Boden blickte, sah ich was ich angerichtet hatte. Vor mir lag ein großer Haufen Lehrbücher und darunter ein junges Mädchen, über das ich beinahe auch noch gestürzt wäre, so ein Tempo hatte ich drauf. “Du Blödmann, du blöder, hast du denn keine Augen im Kopf.“, fauchte sie mich wie eine kleines Kätzchen ziemlich energisch mit einem Dialekt an, der mich eher an das Sächsische als an das Thüringische erinnerte und Sachsen konnte ich noch nie leiden.Wie sollte ich denn auch durch eine geschlossene Tür blicken können wer sich gerade dahinter aufhält, dachte ich bei mir. Und während dessen ich so einige Sekunden vor lauter Schrecken reglos da stand, das traurige Häufchen vor mir liegen sah und anblickte, musste ich jetzt unter allen Umständen versuchen, das Lachen zu unterdrücken, was mir nur sehr schwer gelingen wollte und was versuchte ungestüm aus mir heraus zu brechen. Die Situation war nämlich mehr als peinlich, nein eher blöd, bei dem Durcheinander was mir zu Füßen lag. Doch statt dessen lies ich lieber den Rest des Donnerwetters über mich ergehen was gerade vehement und mit voller Wucht über mich herein brach. Derweil entstand an der Stirn meines Unfallopfers ein kleiner roter Kringel in dessen Zentrum sich langsam, doch zunehmend eine kleine Beule heraus formte. „Das wird ein Horn“, rutschte es mir ganz trocken heraus und ganz spontan entschuldigte ich mich, „tut mir Leid“, reichte ihr meinen Arm, an dem sie sich hochzog und dabei schon wieder grinste, als wäre nichts geschehen. Und so packte ihr die Bücher auf den Arm, sagte, „bis heute Nachmittag nach Schulschluss“, und weg war ich. Auf halben Wege zwischen Rundbau und dem Weg der hinauf führte zum Jungen Wohnheim in dem der Vorlesungssaal lag, drehte ich mich noch einmal ganz kurz nach ihr um und sah, dass sie immer noch vor der Tür stand, die sie soeben vor den Kopf bekommen hatte und schaute etwas ungläubig in meine Richtung als hätte sie es nicht geschnallt, was ich gesagt hatte, dass ich sie heute Nachmittag treffen wollte. Darum rief ich noch einmal hinunter zum Eingang, „ wir treffen uns nach Schulschluss dort unten am Eingang, wo du gerade stehst, bis bald“.
......................
