Aus dem Leben meiner Mutter
Sie wurde schon mit sechs Jahren Halbwaise.
Ihre Mutter wusch bei fremden Leuten deren Wäsche. Erhitzt lief sie fünf Kilometer von Gundersheim nach Dalsheim mit einer schweren Trage auf dem Rücken. Es war Winter und sie zog sich eine starke Lungenentzündung zu. Nach ein paar Wochen verstarb sie im Alter von 38 Jahren. Ihre vier Kinder waren dann mit dem Vater allein.
Die Älteste, Katharina, wurde nach Steinbach zur Schwester ihres Vaters geschickt. Für Margarethe, Johannes und Philippina kam jeden Morgen die Großmutter aus Gundersheim. Wenn der Vater abends von der Arbeit kam, ging sie wieder nach Hause, immer zu, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ohne ein gutes Wort des Schwiegersohnes. Es beruhte auf Gegenseitigkeit, sie mochte ihn auch nicht. Aber was blieb beiden übrig, die Kinder waren noch zu klein um sich selbst zu versorgen.Zehn, acht, und sechs Jahre.
Die Oma war zu diesem Zeitpunkt 70 Jahre alt und beendete ihr Leben mit 99 Jahren.
Binchen, meine Mutter, war ihr Liebling. Zärtlich sagte sie zu ihr,
"mein Struwelpeter."
Sie durfte die Kruste vom Weißbrot essen, denn die alte Frau hatte keine Zähne mehr.
Die Kinder ginge nachmittags nach der Schule einer Bäuerin zur Hand. Jedes seinem Alter entsprechend. Binchen beaufsichtigt die Kinder. Dafür bekam sie jede Woche ein halbes Pfund Butter.
In der Schule hatte sie zuerst große Schwierigkeiten. Einmal sollte sie den Text unter einem Bild vorlesen. Da war ein Hund drauf. Sie konnte nicht lesen. Aber sie wusste sich zu helfen, und las:
"Armer Nero, so alleine."
Der Lehrer bemerkte, dass sie große Fantasie besaß und half ihr in Einzelstunden über das Handicap hinweg. Heute nehme ich an, war es auch ihre Situation, die sie hiermit zum Ausdruck brachte.
Am Tag als ihre Mutter starb, war sie mit anderen Kindern beim Spielen. Es war strengstens verboten, das Werksgelände der Firma Pfannenbecker zu betreten., aber sie fanden immer einen Schlupfwinkel. So auch an diesem Tag. Ihr Bruder Johannes rief, sie solle nach Hause kommen, die Mama sei verstorben.
"Warte noch ein bisschen, ich will nur noch einmal Lore fahren, gab sie zur Antwort. Sie konnte noch nicht begreifen, was das alles für sie in Zukunft bedeuten wird.
Nach beendeter Schulzeit kam sie als Dienstmagd zur Bauerei Kiefer in Dalsheim. Einmal erzählte sie, dass zuerst die Männer essen durften und was übrig blieb gab's für die Mägde.
Ihr Lohn für das ganze Jahr wurde ihr an Weihnachten ausgezahlt. Davon wollte sie sich ein Fahrrad kaufen. Doch zwei Tage zuvor kam ihr Vater und holte das Geld ab. Das ganze Jahr hatte er sich nicht um sie gekümmert, aber da wusste er wo sie zu finden war.
Er hatte inzwischen wieder geheiratet. Sie brachte einen Sohn mit in die Ehe. Er verstarb. Dann wurde noch eine Halbschwester geboren. So hatte meine Mama also das Nachsehen.
Beliebter wurde die Stiefmutter dadurch nicht. Keines der Kinder kam nach Hause.
Ich habe die "Mutter" noch kennengelernt. Meine Cousine Marianne, die Tochter von Mamas Schwester, Tante Käthchen, hatte Geburtstag. Wir fuhren mit dem Zug von Pfeddersheim nach Dalsheim. Das machten wir öfter aus purer Langeweile. Die Fahrkarte kostete damals 30 Pfennige.
Vom Bahnhof aus zu dem Haus der Großeltern führte ein schmaler Weg an Gärten vorbei. Dort blühten so schöne Dahlien, und wir beschlossen, wir nehmen der "Mutter" ein paar mit. Wir wollten halt nicht mit leeren Händen kommen, denn sonst hatten wir immer etwas dabei. Meistens Eier von unseren Hühnern.
Also, die Blumen, wir übergaben sie strahlend und ich platzte heraus,
"Marianne hat heute Geburtstag."
Und die "Mutter" erwiderte: "Da kannst du sie gleich behalten.
So war sie.
Wir waren danach nie wieder dort. Das wussten wir, dass sich sowas nicht gehört. Gewiss Blumen stehlen ist auch nicht das Wahre. Aber am Schlimmsten war für uns, zuhause die Wahrheit sagen. Wir hatten ja die Blumen. Doch unsere Eltern waren über die Reaktion so überrascht, dass sie wohl vergaßen uns auszuschimpfen.
Wir waren erleichtert.
Meine Mutter kündigte nach dem Fiasko bei Kiefers den Dienst und verdingte sich bei der Viehändler Familie Levi . Dort nahm sie eine vorrangige Stelle ein. Sie lernte Jüdisch kochen und betreute den umfangreichen Haushalt. Die beiden mutterlosen minderjährigen Söhne zog sie im jüdischen Sinne auf, und der halberwachsenen Tochter war sie eine gute Freundin.
In Bockenheim lernte sie den immer fröhlichen, aber schüchternen Burschen Johann Georg kennen. Über diese Zeit weiß ich leider nichts, nur soviel: Einmal fuhr er an ihr vorbei, als sie die Straße kehrte. Er drückte ihr ein kleines Kästchen in die Hand, und weg war er. Darin lag eine entzückende kleine Uhr. Damit betrachtete sich Binchen als verlobt. Sie heirateten und genau ein Jahr später auf den Tag kam ihre Tochter, also ich, zur Welt.
Sie verstarb mit 93, am 4. Januar 2009 wäre sie 105 Jahre geworden.
Ich vermisse sie so sehr.
Die Älteste, Katharina, wurde nach Steinbach zur Schwester ihres Vaters geschickt. Für Margarethe, Johannes und Philippina kam jeden Morgen die Großmutter aus Gundersheim. Wenn der Vater abends von der Arbeit kam, ging sie wieder nach Hause, immer zu, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ohne ein gutes Wort des Schwiegersohnes. Es beruhte auf Gegenseitigkeit, sie mochte ihn auch nicht. Aber was blieb beiden übrig, die Kinder waren noch zu klein um sich selbst zu versorgen.Zehn, acht, und sechs Jahre.
Die Oma war zu diesem Zeitpunkt 70 Jahre alt und beendete ihr Leben mit 99 Jahren.
Binchen, meine Mutter, war ihr Liebling. Zärtlich sagte sie zu ihr,
"mein Struwelpeter."
Sie durfte die Kruste vom Weißbrot essen, denn die alte Frau hatte keine Zähne mehr.
Die Kinder ginge nachmittags nach der Schule einer Bäuerin zur Hand. Jedes seinem Alter entsprechend. Binchen beaufsichtigt die Kinder. Dafür bekam sie jede Woche ein halbes Pfund Butter.
In der Schule hatte sie zuerst große Schwierigkeiten. Einmal sollte sie den Text unter einem Bild vorlesen. Da war ein Hund drauf. Sie konnte nicht lesen. Aber sie wusste sich zu helfen, und las:
"Armer Nero, so alleine."
Der Lehrer bemerkte, dass sie große Fantasie besaß und half ihr in Einzelstunden über das Handicap hinweg. Heute nehme ich an, war es auch ihre Situation, die sie hiermit zum Ausdruck brachte.
Am Tag als ihre Mutter starb, war sie mit anderen Kindern beim Spielen. Es war strengstens verboten, das Werksgelände der Firma Pfannenbecker zu betreten., aber sie fanden immer einen Schlupfwinkel. So auch an diesem Tag. Ihr Bruder Johannes rief, sie solle nach Hause kommen, die Mama sei verstorben.
"Warte noch ein bisschen, ich will nur noch einmal Lore fahren, gab sie zur Antwort. Sie konnte noch nicht begreifen, was das alles für sie in Zukunft bedeuten wird.
Nach beendeter Schulzeit kam sie als Dienstmagd zur Bauerei Kiefer in Dalsheim. Einmal erzählte sie, dass zuerst die Männer essen durften und was übrig blieb gab's für die Mägde.
Ihr Lohn für das ganze Jahr wurde ihr an Weihnachten ausgezahlt. Davon wollte sie sich ein Fahrrad kaufen. Doch zwei Tage zuvor kam ihr Vater und holte das Geld ab. Das ganze Jahr hatte er sich nicht um sie gekümmert, aber da wusste er wo sie zu finden war.
Er hatte inzwischen wieder geheiratet. Sie brachte einen Sohn mit in die Ehe. Er verstarb. Dann wurde noch eine Halbschwester geboren. So hatte meine Mama also das Nachsehen.
Beliebter wurde die Stiefmutter dadurch nicht. Keines der Kinder kam nach Hause.
Ich habe die "Mutter" noch kennengelernt. Meine Cousine Marianne, die Tochter von Mamas Schwester, Tante Käthchen, hatte Geburtstag. Wir fuhren mit dem Zug von Pfeddersheim nach Dalsheim. Das machten wir öfter aus purer Langeweile. Die Fahrkarte kostete damals 30 Pfennige.
Vom Bahnhof aus zu dem Haus der Großeltern führte ein schmaler Weg an Gärten vorbei. Dort blühten so schöne Dahlien, und wir beschlossen, wir nehmen der "Mutter" ein paar mit. Wir wollten halt nicht mit leeren Händen kommen, denn sonst hatten wir immer etwas dabei. Meistens Eier von unseren Hühnern.
Also, die Blumen, wir übergaben sie strahlend und ich platzte heraus,
"Marianne hat heute Geburtstag."
Und die "Mutter" erwiderte: "Da kannst du sie gleich behalten.
So war sie.
Wir waren danach nie wieder dort. Das wussten wir, dass sich sowas nicht gehört. Gewiss Blumen stehlen ist auch nicht das Wahre. Aber am Schlimmsten war für uns, zuhause die Wahrheit sagen. Wir hatten ja die Blumen. Doch unsere Eltern waren über die Reaktion so überrascht, dass sie wohl vergaßen uns auszuschimpfen.
Wir waren erleichtert.
Meine Mutter kündigte nach dem Fiasko bei Kiefers den Dienst und verdingte sich bei der Viehändler Familie Levi . Dort nahm sie eine vorrangige Stelle ein. Sie lernte Jüdisch kochen und betreute den umfangreichen Haushalt. Die beiden mutterlosen minderjährigen Söhne zog sie im jüdischen Sinne auf, und der halberwachsenen Tochter war sie eine gute Freundin.
In Bockenheim lernte sie den immer fröhlichen, aber schüchternen Burschen Johann Georg kennen. Über diese Zeit weiß ich leider nichts, nur soviel: Einmal fuhr er an ihr vorbei, als sie die Straße kehrte. Er drückte ihr ein kleines Kästchen in die Hand, und weg war er. Darin lag eine entzückende kleine Uhr. Damit betrachtete sich Binchen als verlobt. Sie heirateten und genau ein Jahr später auf den Tag kam ihre Tochter, also ich, zur Welt.
Sie verstarb mit 93, am 4. Januar 2009 wäre sie 105 Jahre geworden.
Ich vermisse sie so sehr.
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