Oh je! Sie hat sich angesagt! Von Hamburg kommend, wo sie eine angeheiratete Nichte ihres verstorbenen Mannes nervte - äh – besuchte, will Tante Erna eine kurze Station von höchstens einer Woche bei ihrer Freundin Ludmilla in Münster machen. Dann, das ist diesmal fest versprochen, zu uns nach Bottrop kommen. Wir sind vor Freunde kaum noch zu bremsen.

Ihren letzten geplanten Besuch konnten wir leider nicht annehmen, weil mein Mann zu einem Lehrgang musste und ich eine Tagung über digitale Fotografie besuchte. Davor klappe es nicht mit ihrem Besuch, weil wir beim Umbau des Hauses meiner Schwester halfen und davor hatten wir, Gottlob, Urlaub.

Das ist nun schon wieder zwei Jahre her. Ach, soooo lange haben wir uns nicht gesehen, Tante Erna, das ist ja schrecklich…Aller Vernunft zum Trotze bitten wir die himmlischen Mächte um eine ansteckende Erkrankung doch Tantchen wie auch wir erfreuen uns bester Gesundheit. Panisch kam meinem Mann schon der Gedanke, schleunigst in eine Wohnung ohne Gästezimmer zu ziehen, doch wir wissen beide, dass Erna dann in unserem Ehebett läge, während wir zu zweit auf dem Sofa im Wohnzimmer nächtigen müssten.

Letzte Nacht suchten mich die Erinnerungen ihres letzten Aufenthaltes in Form eines Albtraums heim…Es begann am Bahnhof. Bei der feuchten Küssbegrüßung, die mein Mann ganz besonders gern mag (grrrrr!) stellt sie fest, dass ich ein paar Pfunde zugelegt habe. Mein Mann betont, er habe doch große Hände und von netten Menschen könne doch gar nicht genug vorhanden sein. Ein strenger Blick und ein Kopfschütteln sind die Strafe für so unanständige Bemerkungen.
Sie, die immer mit drei Koffern in Garagengröße anreist, beklagte sich über den zu hohen Einstieg unseres Geländewagens. “Da kommt doch kein normaler Mensch rein!“…Nein Tantchen, dazu braucht es Idioten, wie wir es sind…nur gedacht, nicht gesagt, obwohl es zuuuu schön gewesen wäre. Dann müssen wir das Radio ausschalten. Von dem „Geschnatter“ bekommt Erna Kopfschmerzen, wir zwar auch von ihrem, doch wir schlagen uns durch.

Bei uns angekommen hilft meine bessere Hälfte seiner Tante aus dem Mantel. Sofort erkennt sie seine schlampige Kleidung „Zieh Dir mal die Krawatte ordentlich stramm! Warte, der obere Knopf ist ja gar nicht zu!“ Sie zerrt am Kragen, zerrt am Schlips, mein armer Mann bekommt langsam blaue Lippen….
„Da sind Fingerflecken am Ständer der Schreibtischlampe!“ Was Tantchen alles sieht…dabei bin ich mit Mann und Tochter den ganzen Vormittag mit Putzfeudeln wie wild durch die Hütte gekrochen…zusätzlich zum normalen Pensum und ich dachte nicht, dass ich ein Ferkel bin…bis dahin zumindest.

Tantchen muss mal ins Bad…herrje! Da habe ich bevor wir losfuhren meine Haare in Form gebracht...nur gekämmt, natürlich habe ich nach der Föhnerei nochmals gesaugt….Lieber Gott, lass da nur ja kein Haar mehr liegen. „Kind, Du faltest Deine Handtücher falsch! Die musst Du längst dritteln und dann einmal umklappen, sonst verschenkst Du zu viel Platz im Schrank!“ „Tante Erna, die habe ich nicht im Schrank, die sind in den Schubfächern vom Badezimmerschrank.“ „Waaas? So eine Sauerei! Das schimmelt doch! Da brauchst Du Dich nicht wundern, wenn Du eine so angeschlagene Gesundheit hast!“ Ich könnte ihr , nein, ich sollte ihr jetzt sagen, dass mein Gesundheitszustand in dem Moment rapide absinkt, in dem sie ihren Besuch ankündigt, aber verschüchtert wie ein Grundschulkind bleibe ich stumm - und ärgere mich insgeheim schwarz darüber. Dieser alte Feldwebel schafft es doch immer wieder, dass jeder wie ein Depp handelt.
„Jetzt sag nicht, DUUU hast auch so ein neumodisches Ding, so einen Computer? Wir sind früher auch ohne ausgekommen“. Hält sie mich für zu blöd oder ist so was in ihren Augen auch unanständig? „Wer heute nicht mit dem Computer umgehen kann, hat eine Bildungslücke, so wie einer ohne Führerschein“, bemerkt mein Gatte nebenher und erntet böse Blicke. „ICH komme ohne beides aus!“ beharrt sie und ich möchte sagen, dass sie aber durchaus von der Fahrkunst anderer Menschen profitiert, lasse es aber noch sein.

Am Kaffeetisch ist selbiger natürlich zu stark. „Da bekommt man ja einen Infarkt!“ In den Augen meines Gatten lodert die Flamme der Hoffnung auf. Kuchen kann er nicht essen, weil seine „anständig“ sitzende Krawatte seinen Adamsapfel in seine Halswirbelsäule presst, er verschluckt sich schon am Kaffee. „Siehst Du, Deinem Mann ist der auch zu stark“, meint sie und streicht ihm tröstend mit der Hand durchs Haar. Dies zeigte eine positive Seite an ihr, hätte sie dabei nur nicht gesagt, dass er mal wieder zum Frisör müsse.

Der Kuchen, den ich streng nach ihrem Rezept gebacken habe, ist natürlich zu süß. Nun wird mir, während sie Sahne auf ihren Kuchen schaufelt, klar gemacht, dass ich mich über meine Pfunde nicht zu wundern brauche, wenn ich so großzügig mit den Kalorien umgehe. Mir fällt ein, dass ich noch einen netten Rock in Größe 40 im Schrank habe, den ich nicht mehr trage. Den könnte ich ihr anbieten, mit dem Hinweis, dass ich nicht mehr reinpasse. Mal sehen, wie sie ihre 98 Kilo darin verteilt…

Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass sie mir beim Abwasch hilft und anschließend erst einmal meine Küchenschränke umräumt, damit da mal eine praktische Ordnung rein kommt. Der Wecker rettet mich vorm Ertrinken, denn ich bin klatschnass geschwitzt.

Es gibt jetzt genau zwei Möglichkeiten…entweder schubse ich sie noch am Bahnhof vor den Zug oder mir fällt eine wunderbare Ausrede ein…ich bitte um HILFE!