Wieder ein Samstag, an dem wir bereit sind, unser Innerstes nach Außen zu kehren.
Einzutauchen in das kollektive Unbewusste, mit Spannung in eine schamanische Familienaufstellung gehen.

Dieser Vormittag ist für unsere Freundin reserviert, die im wahrsten Sinne des Wortes, mit ihren Problemen, an der Wand steht. Und voller Angst ist, was hier mit ihr passieren wird.

Doch die Geschichte, die ich hier erzählen werde, ist nicht ihre.

Erzählen werde ich die Uligeschichte.
Eine Frau, die ich schon das letzte Mal auf der Familienaufstellung kennen lernen durfte.
Vollschlank, einem Althippie gleich, ein dunkles, langärmeliges, langes T-Shirt schlappert über ihrer dunklen Jeans. Darüber eine dunkelgrüne Strickjacke mit kurzen Ärmeln als Farbtupfer. Eine wunderschöne grüne Kette, aus Glasperlen, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Schneeweiße Haare zu einer Kurzfrisur, klare, braune Augen, die einem mit einen offenen , wissenden Blick anschauen, ungeschminkt das Gesicht, das nicht ihr Alter preisgibt.

Sie will heute auch aufstellen und wir sitzen auf unseren Decken und lauschen ihrem Thema. Sie sitzt auf ihrer lindgrünen Decke, ihre Hände sind ständig in Bewegung, überhaupt ist sie immer in Bewegung.

Sie erzählt ihre Lebensgeschichte, sie will sich aussöhnen, doch mir wird schnell klar, sie will endlich die Menschen loslassen, die vielleicht schon lange darauf warten, losgelassen zu werden. Die ihr eigenes Leben leben wollen, ohne eine Uli wie einen Rucksack ständig auf ihren Schultern mitzuschleppen.

Wer spielt nun welche Rolle, in diesem Spiel, das dann ganz von alleine laufen wird.

Ich werde ausgewählt und spiele „Uli“.

Eine meiner Freundinnen spielt „Manfred“, einer der Männer in Ulis Leben. Damals erst 23 Jahre alt, stand er in Beziehung zu Uli, die damals schon 30 Jahre alt war. In einem Urlaub luchste sie ihm ein Kind ab. Er wurde erst von der Vaterschaft informiert, als es zu spät für eine Abtreibung war. Er durfte sich entscheiden. Ein unbekannter Vater in der Geburtsurkunde hätte ihn von der Unterhaltspflicht befreit. Da war Uli sehr gönnerhaft. Doch er entschied sich für ein Ja als Vater, bzw. eigentlich nur Erzeuger und wurde noch vor der Geburt seines Kindes vor die Tür gesetzt. Denn Uli wollte das Kind alleine groß ziehen.
Manfred, ein astrologischer Löwe, bezahlte 18 Jahre lang den Unterhalt, aber er lies sich Monat für Monat um dieses Geld bitten. Das lies eine große Wut in Uli wachsen.

In diesem Ulileben gab es auch einen anderen Mann. „Dieter“, er gehörte vor Manfred zu Ulis Leben und nach Manfred war er der Freund des Hauses, der liebevolle und verständnisvolle Onkel für Ulis Sohn und fungiert noch heute als Stütze und Ratgeber.
Da wir nicht so viele Personen sind, um auch Dieter aufzustellen und er auch nicht wirklich das Thema ist, wird eine Decke stellvertretend für ihn in den Raum gelegt.

Und das ist „Manuel“, der Sohn.
Eine andere Freundin schlüpft in diese Rolle.
Manuel hat ein gutes Verhältnis zu seinem Vater Manfred, zu Dieter. Ist seiner Mutter immer ein guter Sohn gewesen. Kreativ und klug hat er jetzt sein Studium im Fach Kommunikationswissenschaft abgeschlossen und ist mittlerweile 31 Jahre alt.

Wir werden nun in dem großen Raum aufgestellt. Stehen uns fast wie ein Dreieck gegenüber und haben Blickkontakt zueinander.
Dieter (als Decke) liegt etwas außerhalb hinter Manuel.

Wie fühlen wir uns in diesen Rollen, wie fühlen wir uns an diesen uns zugewiesenen Plätzen.

Ich merke, das ist nicht mein Platz und ändere ihn. Nehme mir die lindgrüne Decke, gehe an das andere Ende des Raums, am großen Fenster, an dem die Yuccapalmen stehen und mache es mir auf der grünen Decke, unter den Blättern der Palmen bequem.

Was geht in Uli vor.
(Diese Frage geht an mich, die ich mittlerweile auf dieser kuscheligen, grünen Decke stehe)

Ich (Uli) lass gerade mein Leben an mir vorüberziehen. Diese ganze Männerwirtschaft.
Und mir kommt der Gedanke, dass ich eigentlich „meine Männer“ in meinem Leben, für meine Bedürfnisse benutzt habe und spreche das aus.
Der junge Manfred, als Erzeuger meines einzigen Sohnes, den ich aber alleine großziehen wollte.
Der Manfred, auf den ich wütend bin, weil er mich um Unterhalt bitten lies. Aber eigentlich weiß ich längst, auf diese Wut habe ich keine Berechtigung. Ich war ja bereit gewesen, auch das Kind ohne einen Vater großzuziehen, ich hatte ja sogar diesen Vorschlag gemacht.
Ich schaue mir Manfred an. Hatte ich ihn mir doch damals ausgesucht, weil er überhaupt nicht dieses männliche Machoverhalten an den Tag legte. Ein Mann, der an seiner eigenen Lebensgeschichte zu knabbern hatte, den ich genügend mochte, um mit ihm in Beziehung zu treten, den ich dann aber auch vor die Tür setzte, als ich schwanger war und mein Kind alleine großziehen wollte.

Ich habe kein Recht auf diese Wut. Eigentlich will ich auch, dass auch Manfred aus meinem Leben verschwindet.

Ich will meinen Weg gehen, will noch ganz viel erleben, will verrückt sein, Kind sein, mich selber finden. Auch mein Sohn ist doch alt genug, endlich sein Leben in seine eigene Hand zu nehmen.

Ich knie auf meiner grünen Decke, verschwinde fast in den Blättern der Yuccapalmen, streiche immer wieder über das kuschelige Weich. Will mich nicht mehr kümmern, will nicht mehr versorgen, will nicht mehr wütend sein, will mich befreien, wie auch immer dieser Weg aussieht, bin ich doch schon die ganze Zeit absolut aktiv und probiere alle Verrücktheiten aus.

Ich, Marlies, die diese Uli spielt, rollt sich wie eine Katze auf der gemütlichen, grünen Decke.

Vie später, als sich die Familienaufstellung auflöst und die wahre Uli zu Wort kommt, die sich ihre Lebensgeschichte von der Couch aus angeschaut hat, kommt etwas Ungewöhnliches zur Sprache.

Die wahre Uli ist seit einiger Zeit Besitzerin eines großen, runden, grünen Teppichs, den sie über alles liebt, auf dem sie sich so wohl fühlt. Sie pflegt und hegt seit Jahren einige Philodendrons (ich habe erst einmal gegoogelt und mir ein Bild von dieser prachtvollen Pflanze gemacht). Diese wachsen ihr mittlerweile über den Kopf, denn sie fühlen sich so wohl bei ihr.
Grün ist in Ulis Leben eine wichtige Kraftquelle, die Pflanzen ein wichtiger Lebensinhalt, die für ihr Wohlgefühl zuständig sind.

Ich habe das wohl unbewusst gespielt, auf der grünen Decke unter den Yuccapalmen und mir kommt sofort der Gedanke an das kollektive Unbewusste in den Kopf.

Wie wird es mit Manfred weitergehen?
Ich weiß es nicht, denn das ist ja Ulis Geschichte.
Aber ich könnte mir vorstellen, dass es eine Kaffeeeinladung gibt, Aussprache, Aussöhnung und viele Tränen.
In meiner Vorstellung befreit sich ein 54 jähriger Manfred von einem Frauenbild und ist vielleicht endlich in der Lage, wieder eine Beziehung zu einer Frau aufzubauen, das er sich die ganzen Jahre nicht getraut hat.

Und Manuel, der Sohn…………..auch davon wussten wir nichts. Er hat eine Stelle in Berlin angeboten bekommen und wird mit großer Freude dorthin gehen. Ohne Last eine Schuld auf sich zu laden, weil er nicht als Zentralfigur in der Nähe seiner Mutter bleibt.

Und Uli….sie wird sich befreien und aussöhnen, mit ihren Augen liebevoll auf ihre Männer schauen und sich immer mehr von ihnen entfernen um mehr und mehr zu sich zu finden.


In Geschichten spiegeln sich Wahrheiten, manchmal sind es auch unsere Wahrheiten in denen wir unsere Themen erkennen.
Lass es laufen….war eine Weisheit, mit Wahrheiten umzugehen.

Ich lasse es mittlerweile gerne laufen….lasse los…..und erlebe soviel Fülle.
Möchte Mut machen, auch etwas Ungewöhnliches auszuprobieren…es macht uns immer reicher.

Marlies