Bendji war im ganzen Dorf bekannt. Ein achtjähriges Mädchen, das barfuß jeden Morgen sehr früh einen schwarzen Topf auf dem Kopf in die Stadt trug und abends wieder mit diesem Topf auf dem Kopf zurückkam. Sie sollte den Joghurt, den ihre blinde Mutter nachts aus der Milch ihrer einzigen Kuh gemacht hatte, in der Stadt verkaufen, ein paar Lebensmittel besorgen und auf dem Rückweg in dem gleichen Topf Wasser aus der Quelle mitbringen, aber leider blieb von ihrem wenigen verdienten Geld nie etwas übrig. Nicht einmal ein Paar Schuhe für diesen beschwerlichen Weg konnte sie sich leisten. Bendji war nicht wie andere Kinder. Sie ging nicht zur Schule und hatte auch keine Freizeit um zu spielen, wie andere Kinder in ihrem Alter. Immer, wenn sie ein wenig Zeit übrig hatte, half sie ihrer Mutter. Sie lebte mit ihr in dem weit entfernten Indien. Noch vor ihrer Geburt verlor sie ihren Vater durch eine Krankheit. Aus diesem Grund mußte sie arbeiten und für ihre blinde Mutter sorgen. Abends, wenn es langsam dunkel wurde, aß Bendji etwas, wusch sich die Hände und die Füße, die manchmal blutig waren, weil sie sich auf ihrem täglichen Weg in die Stadt an einem Stein verletzt hatte. Sie nahm dann ihr kleines zerrissenes Kissen und legte sich unter dem Fenster schlafen.
Am Fußende ihres Schlafplatzes hing ein Bild, auf das durch das Fenster ein wenig Licht fiel. Dieses Bild war alles, was ihr allein gehörte. Sie hatte es irgendwann aus einer Zeitschrift genommen und an die Wand genagelt. Auf dem Bild war ein kleines Mädchen in einem niedlichen geblümten Kleid und mit roten Schuhen abgebildet. Es stand neben einer Straße in einer schönen sauberen Stadt mit vielen farbigen Lichtern und schaute Bendji freundlich an. Bendji war richtig verliebt in dieses Kleid und die schönen Schuhe. Ihr größter Wunsch war, selbst so ein schönes Kleid zu haben, und jeden Abend, wenn sie sich schlafen legte, zog sie im Traum dieses Kleid an. Nur in diesen Minuten fühlte sie sich so glücklich wie das Kind auf demBild. Manchmal lächelte sie sanft und schlief ein.
In dieser Nacht lag Bendji wie immer auf ihrem Platz unter dem Fenster, schaute tief in das Bild und versank dann sanft in ihren Träumen. Nach einer Weile bemerkte sie, daß die Lichter hinter dem kleinen Mädchen an und aus gingen und die Schatten sich langsam bewegten. Aber sie dachte, es wäre nur ihre große Müdigkeit.Langsam, langsam, bewegte eine leichte Brise den Rock und die langen Haare des Mädchens. Aber doch, es war wirklich so! Sie hörte die Schritte der Passanten auf dem Gehweg der anderen Straßenseite, den Lärm ihres Lachens und Sprechens. Nachdem sie alles genau beobachtete hatte, hörte sie leise, fröhliche Musik im Hintergrund. Bendji war ganz zufrieden, daß sie zum ersten Mal alles in dem Bild lebendig erleben konnte. Plötzlich fuhr ein Auto hinter dem Mädchen vorbei, und der Fahrtwind warf ihren Rock und die Haare zur Seite. Vor Bendjis erstaunten Augen hüpfte das kleine Mädchen und sagte zu Bendji: "Warum wartest du? Willst du nicht unsere Stadt sehen? Dann steh auf! Heute ist Weihnachten! Weißt du überhaupt was Weihnachten ist? Willst du das nicht wissen? Willst du? Nun komm! Steh auf! Warte nicht länger!" Und mit einem Sprung nach oben war sie hinter dem Bildrand verschwunden.
Bendji konnte nicht glauben, was sie soeben gesehen hatte. Verwundert rieb sie ihre Augen, aber als sie wieder die Stimme des kleinen Mädchens hörte, nahm sie ihre Hände herunter und schaute noch einmal zu dem Bild. Ja, tatsächlich, es war das kleine Mädchen, es hing kopfüber im Bilderrahmen, seine langen Haare berührten die Straße, und es rief neckisch:" Hallo, ich bin hier. Steh auf! Du träumst nicht! Aha, bevor ich es vergesse, muß ich dir noch sagen, daß du nur bis um zwölf Uhr Zeit hast, dann mußt du zurück sein, sonst wirst du bis mindestens nächstes Jahr Weihnachten hierbleiben müssen." Dann zog sie sich wieder hoch und war verschwunden.
Bendji stand ungläubig auf und ging zum Bild. Als sie mit ihrer Hand das Bild anfassen wollte, merkte sie, daß es tatsächlich ein offenes Fenster zur Straßengrenze war. An ihrer Hand fühlte sie den leichten Wind. Sie schaute zurück zu ihrer Mutter, vergewisserte sich, daß sie schlief. Langsam holte sie sich einen großen, rostigen Blechkanister. Er diente ihnen als einziger Stuhl, auf dem ihre Mutter an manchen Tagen vor der Tür saß, wenn sie auf Bendji wartete. Sie stellte den Kanister unter das Bild, stieg auf ihn, hielt sich mit beiden Händen am Straßenboden fest und streckte ihren Kopf neugierig durch den Rahmen."Wow, was für ein glatter Boden, was für eine helle Straße, was für duftige Luft!" Aber plötzlich drückte jemand ihren Kopf mit dem Fuß auf den Boden. Sie schrie vor Schmerzen laut auf. Der Kanister rutschte unter ihr weg, und sie fiel auf den Boden des Zimmers .
Obwohl sie sich sehr weh getan hatte, blieb Bendji ruhig auf dem Boden liegen und wartete ab, wie ihre Mutter reagieren würde, aber sie schlief immer noch ganz fest. Eine Männerstimme bewegte sie, wieder zum Bild zu schauen. In dem Bild waren ein Mann und eine Frau zu sehen, die versuchten, durch den Rahmen zu schauen, aber offensichtlich nichts erkennen konnten. Der Mann sagte:" Was für eine große Ratte das war! Ist es möglich, daß die Stadt in letzter Zeit so nachlässig bei der Vergiftung der Ratten war, daß sich diese Tiere wieder vermehren?" Bendji schrie: "Ich bin keine Ratte! Wir sind auch Menschen, genau wie ihr! Hier ist nicht eure Kanalisation, sondern es ist unser Zuhause!" Die Frau, die Bendjis Stimme wohl nicht gehört hatte, antwortete dem Mann: "Auf jeden Fall müssen wir nach Weihnachten den Verantwortlichen Bescheid geben, daß sie sich besser um die Vernichtung der Ratten kümmern, sonst machen sie noch unser ganzes Leben kaputt . Komm jetzt! Laß uns gehen! Es wird sonst zu spät." Dann nahm sie die Hand des Mannes, und sie gingen lachend auf die andere Straßenseite hinüber. Bendji wurde klar, daß man sie nicht gehört hatte. Schnell nahm sie den Kanister, kletterte wieder zum Bild hoch und streckte ihren Körper weit in das Bild hinein, um diese Leute davon zu überzeugen, daß hier wirklich keine Ratten leben, sondern Menschen, die man nicht einfach vergiften darf. Aber leider waren die beiden schon in einer großen Menschenmenge auf der anderen Straßenseite verschwunden.
Langsam stieg sie hoch und drehte sich um, so daß sie mit dem Po schon fast auf der Straße saß. Ihre Beine hingen noch im Zimmer. Sie lehnte ihren Kopf auf den Rahmen und schaute sich die bis jetzt für sie verborgene Seite des Bildes an. "Oh, oh,was alles los ist auf unserem Dach!? Viele schicke Leute, die sorglos in den geschmückten Straßen mit den vielen bunten Lichtern und den modernen Geschäften spazierengehen." Wirklich, so viel Schönheit hatte sie bis jetzt nicht mal im Traum gesehen. Ein kleiner, geschmückter, weißer Pudel, der auch Kleider anhatte und ein Blümchen am Kopf trug, kam mit einem Augenblinzeln von der Grenze des Gehweges auf sie zu, hob sein Hinterbein in ihre Richtung hoch und kurze Zeit später wieder herunter. Dann ging er mit seiner schicken Besitzerin, die eine lange Zigarette im Mund und die Leine in der Hand hatte, weiter. Sie nahm Bendji überhaupt nicht wahr, weil sie ihre Nase zu hoch trug.
Unglaublich erstaunt schaute Bendji zu ihrem Zimmer, aber sie konnte nichts erkennen, also streckte sie ihren Kopf wieder zum Bild hinein. Als Bendji sah, daß ihre Mutter immer noch schlief, stand sie auf und ging auf dem breiten Fußgängerweg zu einem Geschäft mit wunderschön gekleideten Schaufensterpuppen. Dann lief sie langsam, während sie sich alles genau ansah, weiter durch die Straße, bis sie zu einem großen Geschäft kam in dessen Schaufenster lauter Puppen mit Kleidern aus verschiedenen Tierfellen standen. Oh mein Gott, was hatte sie da gesehen?! Ein Leopard, dessen Kopf noch ganz intakt war und der aussah, als atme er noch, lag da auf dem Boden und schaute sie an." Was haben sie bloß mit diesen armen, wilden Tieren gemacht?" Jetzt verstand sie, warum die Menschen hier auch spät nachts noch ganz ruhig herumliefen. In ihrem Land war es eine große Gefahr, nachts raus zu gehen, aber hier bestand diese Gefahr nur für die Tiere. Hilflos lief sie weiter.
Vor einer Haustür saß ein kleiner Junge in ganz neuen Kleidern und zerschnitt seine noch gut erhaltenen, alten Schuhe. Auch wenn sie für Bendji ein wenig zu groß gewesen wären, kannte sie doch viele Menschen bei sich zu Hause, die sich solche Schuhe gewünscht hätten. Ein paar Schritte weiter sah sie in einem Beutel noch ein paar Schuhe in verschiedenen Größen. Bendji schaute sie sich genauer an. Sie lagen zwischen Resten von Lebensmitteln und anderem Müll. Die Schuhe waren gar nicht alt oder zerrissen. Man hätte sie noch gut tragen können, aber leider waren sie jetzt voller Essensreste ."Hmmm ... was für gutes Essen!" Sie hatte Hunger und probierte ein wenig. "Schmeckt auch gut! Vielleicht hat ein Kind alles in den Beutel getan" dachte Bendji. "Iß das nicht! Es ist dreckig! Du wirst krank werden! Sie haben es weggeworfen," sagte eine bekannte Stimme. Sie schaute sich nach der Stimme um. Es war ein kleines Mädchen mit lockigen langen Haaren, in denen sie eine blaue Blume trug. Ihre schöne Winterjacke und Hose, zusammen mit den roten Stiefeln, standen ihr wirklich sehr gut. "Mein Name ist Sara. Nein, du irrst dich nicht. Ich bin das gleiche Mädchen von dem Bild. Jeden Abend nach deiner Arbeit sehen wir uns, wenn du ins Bett gehst, und manchmal leihst du dir meine Kleider. Du bist wirklich ein sehr liebes Mädchen. Meine Kleider stehen dir auch sehr gut. Weil heute Weihnachten ist, habe ich sie gewechselt für ein neues Bild. Weißt du, das ist meine Arbeit, schön sein und Modell stehen. Es ist viel leichter als deine Arbeit. Es tut mir leid, daß du ein so schweres Leben hast. Aber weißt du, du bist kräftiger als ich. Ich bin mir ganz sicher, daß ich deine Arbeit nicht einen Tag machen könnte." Dann zeigte sie auf die Schuhe und meinte:" Wenn du die Schuhe willst, kannst du sie ruhig nehmen. Sie sind zwar schmutzig, aber man kann sie ja waschen." Bendji schaute noch mal in den Beutel. " Aber sie sind doch gar nicht kaputt oder zerrissen. Man könnte sie noch lange Zeit benutzen.
Warum haben sie die Schuhe denn weggeworfen?" fragte Bendji. " Hier werden Kleider nicht weggeworfen, weil sie kaputt sind, sondern wenn sie zu klein geworden oder einfach nicht mehr Aktuell und modern sind. Schau mal auf den Boden, da gibt es auch ein Paar rote Schuhe. Sie sind noch ganz sauber. Ich glaube, sie passen dir gut und werden dir bestimmt gefallen. Du hast sie schon oft anprobiert." Bendji schaute auf den Boden:" Meine Güte .... aber ich glaube, das sind deine Schuhe." sagte Bendji." Wenn du sie willst, kannst du sie haben. Ich habe jetzt neue Stiefel," antwortete Sara. Ungläubig fragte Bendji:" Wirklich, darf ich sie anziehen? Und ein Paar saubere Schuhe für meine Mutter darf ich auch mitnehmen?" Lachend antwortete Sara:" Ja, kannst du! Ich habe sie selbst geputzt und auf deinen Weg gelegt. Ich war mir sicher, daß du stehenbleiben würdest, wenn du sie siehst und ich dich hier finden kann." Dann holte sie Bendjis Lieblingskleider, die sie bis jetzt hinter ihrem Rücken versteckt hatte, hervor und sagte:" Das sind jetzt deine Kleider. Du kannst sie als Weihnachtsgeschenk von mir haben. Mir sind sie ein wenig zu klein geworden. Aber du mußt dich beeilen, denn es ist schon fast zwölf Uhr." Bendji, die sich vor lauter Glück verhaspelte, sagte:" Aber ... aber..." " Aber? Kein aber! Wenn du deine Mutter nicht für ein Jahr allein lassen willst, mußt du dich ein bißchen beeilen, sonst ist es zu spät!"
Bendji hatte ohne zu zögern die roten Schuhe angezogen. Sie waren wirklich schön und paßten ganz wunderbar, genau wie früher in ihren Träumen. Dann suchte sie noch ein Paar Schuhe für ihre Mutter aus dem Beutel und wollte sie sauber machen. "Kleider gibt es auch. Es wird besser sein, wenn du dir einen Karton suchst, um alles hinein zu tun. Bis du zurückkommst, mache ich die Schuhe für dich sauber." sagte Sara. Bendji rannte ein wenig mit den roten Schuhen auf dem Gehweg hin und her. Anschließend kam sie zurück, zog die Schuhe wieder aus, legte sie neben Sara auf den Boden und sagte: "Ich glaube, ich kann ohne Schuhe schneller rennen. Bitte paß du so lange auf sie auf, bis ich zurückkomme." "Ja gut, aber beeil dich etwas!" sagte Sara. Nachdem Bendji ein wenig barfuß hin und her gelaufen war, fand sie hinter einem Baum einen großen, farbigen Karton. Sie ging auf ihn zu, aber bevor sie ihn noch aufheben konnte, fing die Kirchturmglocke an zu läuten. Schnell griff sie den Karton und lief zu Sara zurück. Während die beiden rannten, rief Sara: "Laß den Karton fallen und renn nach Hause. Du schaffst es sonst nicht. Es ist kein Problem, ich werde dir die Sachen schicken."
Bendji sprang auf die Straße, aber es gab so viele Abflußöffnungen, und alle sahen gleich aus. Sie schaute hilfesuchend zu Sara, die ihr zurief:" Egal welche!" Schnell stieg Bendji mit den Füßen voran in eine der Öffnungen. Sie schaute noch ein letztes Mal zu Sara. Hinter ihr stieg gerade ein wunderschönes, farbiges Feuerwerk zum Himmel auf. So einen farbigen Himmel hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie hatte es gerade noch geschafft pünktlich in ihr dunkles Zimmer zurückzukommen. Ein wenig traurig, weil sie die schönen Kleider nicht hatte mitnehmen können, ging sie ganz leise, um ihre Mutter nicht zu wecken, wieder in ihr Bett und zog sich die Bettdecke über den Kopf." Schade ...!" dachte sie bei sich.
Am nächsten Morgen, nachdem ihre Mutter sie wie immer geweckt hatte, sagte sie zu ihr:" Ich glaube, heute nacht hat jemand etwas vor unsere Tür gelegt, kannst du mal kucken gehen?" Bendji riß sich die Decke vom Kopf und ging schnell nachschauen. Ihre Mutter hatte recht. Bendji schrie auf, hielt sich dann ihre Hand ungläubig vor den Mund." Was war es?" fragte Bendjis Mutter. Vor der Tür lag der gleiche Karton, den Bendji hinter dem Baum gefunden hatte. Sie nahm ihn hoch und lief schnell wieder in ihr Zimmer. Auf dem Karton stand etwas geschrieben. Leider konnte sie es nicht lesen, aber sie ahnte fast, was da stand. In dem Karton waren neben Bendjis roten Schuhen und Kleidern auch noch ein paar andere Sachen für sie, ein paar gute Kleider und Schuhe für ihre Mutter, ein Päckchen Schokolade und eine kleine, niedliche Puppe mit blonden Haaren, genau wie Saras. Was für ein Weihnachten! dachte Bendji und schaute sich zu dem Bild um. Dort war Sara, mit ihren neuen Kleidern und Stiefeln und den vielen Lichtern hinter sich, mit einem süßen Lächeln. Schade, daß ihre Mutter das nicht sehen konnte. " Danke, mein Freund!" sagte Bendji leise .... "Fröhliche Weihnachten!"
" Ende"
Nader Azin 1995
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