©Wolfgang Maltzahn
Doch was spricht gegen solche Fluchtversuche? Ist fliehen denn in jedem Fall unehrenhaft? Ist Verdrängung unanständig? – Ich möchte auf diese Fragen eine persönliche Antwort geben. Meiner Meinung nach spricht – grundsätzlich betrachtet – nichts gegen eine solche Flucht, wenn Gewißheit besteht, daß sie gelingt. Gegen Verdrängung ist nichts einzuwenden, wenn damit zu rechnen ist, daß sie funktioniert. Und hier liegt der entscheidende Punkt: Es können sich jederzeit Krisensituationen einstellen, in denen die sorgfältig aufgebauten Verdrängungsmechanismen versagen. Es ist auch damit zu rechnen, daß das Abwehr- und Verdrängunsverhalten selbst zur Last und Qual wird: der hektische Aktivismus führt zur psychischen und physischen Erschöpfung, psychosomatische Leiden werden chronisch usw. Oder auf einer anderen Ebene: Die als selbstverständlich übernommenen, unreflektierten religiösen Gewißheiten können plötzlich brüchig werden und die metaphysischen Systeme zusammenbrechen. Und dann ist der Verzicht auf die bewußte, persönliche, offene Auseinandersetzung mit dem Todesproblem zu teuer erkauft.
In welchem Ausmaß Todesgewißheit und Todesangst das moderne Leben unterschwellig bestimmen, läßt sich eindrücklich an einer ganzen Reihe von Phänomenen aufzeigen, die sich nur dann befriedigend erklären lassen, wenn sie als Verdrängungsphänomene begriffen werden: Todesgewißheit und Todesangst zwingen zur Flucht; sie lassen uns Zuflucht suchen bei Gedanken und Überzeugungen, die der existentiellen Bedrohung durch die Todesgewißheit entgegenstehen.
Als Beispiel für ein solches kollektives Verdrängungsphänomen sei hier der im Grunde höchst irritierende, sich rasch ausbreitende Reinkarnationsglaube genannt. Mindestens ein Fünftel der westeuropäischen Bevölkerung wendet sich in einer geringen Zeitspanne von der seit der Antike bestehenden christlichen Tradition des Glaubens an ein persönliches Leben nach dem Tod ab und wendet sich einer modischen Glaubensvariante zu. Dieser Glaube wird von den Religionssoziologen als eurobuddhistisch beschrieben, weil er nur dem Anschein nach mit dem Reinkarnationsglauben des Ostens übereinstimmt. Im Unterschied zur buddhistischen Vorstellung wird im Westen Reinkarnation nicht negativ als quälendes
Schicksal, sondern positiv als Mehr-Leben-Können geglaubt. Die Verlängerung des Lebens in viele Leben verschiebt das Todesproblem in ferne Zukunft.5
Es steht mir nicht zu, über die Wahrheit oder Falschheit dieser in unserer abendländischen Kultur neuen und fremden Glaubensform zu urteilen. Aber es steht mir sehr wohl zu, festzustellen, daß dieser Glaube in unserer kulturellen Tradition einen Fremdkörper darstellt. Wir stehen also vor einem Rätsel, dessen einzige plausible Auflösung mir in der Erklärung zu liegen scheint, daß wir es hier mit einem Verdrängungsphänomen zu tun haben: mit diesem Glauben überwinden wir die Vernichtungsangst. Im übrigen paßt diese grob materialistische Reinkarnationsvorstellung recht gut in unsere moderne Lebensform; sie läßt die unbequemen christlichen Vorstellungen einer persönlichen Verantwortlichkeit für spätere Belohnung oder Bestrafung im Jenseits beiseite und setzt an die Stelle solcher Jenseits-vorstellungen die Idee eines stets von neuem wieder beginnenden Diesseits. Der Reinkarnationsglaube präsentiert sich damit als säkularisiertes, verweltlichtes, veräußerlichtes Christentum. Es kommt noch hinzu: Das Todesbewußtsein macht das Leben kostbar. Doch wer an eine endlose Abfolge von Wiedergeburten glaubt, der kann seine Lebenszeit vertun, da sich alles irgendeinmal nachholen läßt.
Bei philosophischen Diskussionen über das Todesproblem taucht ein wiederkehrender Einwand auf. Er lautet etwa folgendermaßen: Der Tod kommt früh genug; ich will mich heute noch nicht mit ihm beschäftigen. Das Nachdenken über meine Vergänglichkeit und über die Nichtigkeit von allem erfahre ich als negativ, es macht mich krank, es erweist sich keineswegs als hilfreich, es bringt mich nicht weiter. Was ich brauche, das sind positive Gedanken; was mir hilft, das ist eine positive Lebenseinstellung. Es handelt sich hier um den Vorwurf, das Bedenken des Todes mache depressiv, es sei im Grunde sogar destruktiv.
Es ist schwierig, auf diesen Einwand zu antworten. Es liegt natürlich nahe, einen solchen Einwand als Symptom der Verdrängung zu bezeichnen und etwa zu sagen: Menschen ängstigen sich vor dem Tod und darum auch vor dem Thema "Tod". Es ist freilich einzugestehen, daß eine solche Antwort bereits die Richtigkeit der hier vertretenen Position voraussetzt. So bleibt nur die erneute Erinnerung an den folgenden elementaren Sachverhalt: Ob an den Tod gedacht wird oder nicht, er bleibt eine bestimmende Macht im tagtäglichen Leben eines jeden Menschen. Auch wer dem Todesproblem bewußt aus dem Weg geht, der läßt gerade durch dieses Verhalten den Tod Einfluß nehmen auf sein Leben. Die Verdrängung ist auch nur eine Weise der Anwesenheit des Todes im Leben. Es zeigt sich hier einmal mehr, daß das Problem des Todes im Grunde ein Problem des Lebens ist. Darum ist das Bedenken des Todes nicht destruktiv, sondern im Gegenteil konstruktiv, d.h. es wirkt sich auf das Leben positiv aus, es steigert die Lebensintensität. Wer jedoch so lebt, als würde sein Dasein vom Tod nicht berührt, der lebt am Leben vorbei.
Wenn die bisherigen Überlegungen auch nur einigermaßen zutreffen, dann darf die Tabuisierung und Verdrängung des Todesproblems in der gesellschaftlich-kulturellen Gegenwartssituation nicht länger hingenommen werden.
Daher abschließend drei konkrete, praktische Schlußfolgerungen:
Eine erste betrifft jene Personen, die professionell mit Krankheit, mit Altern, Sterben und Tod zu tun haben. Hier scheint die persönliche philosophisch-existentielle Auseinandersetzung mit dem Todesproblem eine Vorbedingung dafür zu sein, um den Menschen in deren Bedrängnis und Ängsten beistehen zu können. Hilfe kann nur dann echt und redlich sein, wenn sie vom Verständnis für die existentiellen Probleme der auf Hilfe angewiesenen Personen getragen ist.
Wer solche Probleme nicht aus eigener Erfahrung kennt, ist unfähig, verständnisvolle Hilfe zu leisten.
Eine zweite Schlußfolgerung betrifft die alten Menschen. Von ihnen wird gerne angenommen, daß sie durch ihre Lebenserfahrung und ihre Gelassenheit zu einem besonders harmonischen Verhältnis zum Lebensende fähig seien.
Eine weitere Annahme geht davon aus, daß im Alter, in dem das Lebensende immer näher rückt, auch eine entsprechend intensive Auseinandersetzung mit dem Todesproblem stattfinden würde.
Beide Annahmen widersprechen allen Erfahrungen. Die Verleugnung des Todes ist bekanntlich gerade bei der älteren Generation häufiger anzutreffen als in den übrigen Altersstufen. Die Tabuisierung des Todes scheint geradezu eine Reaktion zu sein auf die Nähe des Todes im Alter.
Es stellt sich hier die Aufgabe, Anstöße zu einer neuen Einstellung gegenüber dem Todesproblem zu vermitteln. Am Ende zielt ein solches Vorhaben durchaus auf eine Änderung der Lebenspraxis. Es geht darum, auf Flucht und Verdrängung verzichten zu lernen. Es handelt sich um die Vermittlung der Einsicht, daß es besser ist, sich der Angst zu stellen, die Angst zuzulassen, weil sich nur so verhindern läßt, pausenlos auf der Flucht sein zu müssen. Es geht um die Aufforderung, die Tatsache der eigenen Endlichkeit zu reflektieren und dadurch in einen Lernprozeß einzutreten, der schließlich die Endlichkeit zu akzeptieren und zu überwinden erlaubt.
Es geht bei einem solchen Vorhaben nicht etwa um aufdringliche Belehrung, sondern vielmehr um eine Nutzanwendung der Tatsache, daß eine persönliche Auseinandersetzung mit den existentiellen Problemen positiv zurückwirkt auf das Leben. Es geht also darum, durch einen Lernprozeß in der skizzierten Art ein Stück neue Lebensqualität, etwas mehr Lebenssicherheit und Lebensfreude zu gewinnen.
Eine dritte Schlußfolgerung schließlich betrifft die Art und Weise, wie heute das Todesproblem in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Hier ist die einleitend gemachte Feststellung zu wiederholen, das Todesproblem dürfe nicht auf das Problem des Sterbens reduziert werden. Die Richtigkeit und Wichtigkeit dieser dritten Schlussfolgerung läßt sich an folgendem Beispiel erläutern: Jede Umfrage über Sterbehilfe und Lebensverlängerung zeigt auf, daß die Mehrheit – die entsprechende gesetzliche Regelung vorausgesetzt – die verschiedenen Formen passiver und aktiver Sterbehilfe befürwortet. Dieses Resultat gibt freilich nur die Meinung der Gesunden wieder. Die unmittelbar Betroffenen werten hier anders. Der Wunsch nach Einstellung lebensverlängernder Maßnahmen wird von den selbst Betroffenen bekanntlich höchst selten geäußert. Wie erklärt sich diese Diskrepanz? – Sie erklärt sich durch den Perspektivenwechsel. Die Zustimmung zur Euthanasie entspringt einer Perspektive, die nur den körperlichen Leidens- und Sterbeprozeß sieht. Das Sich-ans-Leben-Klammern der Betroffenen hingegen entspringt einer Perspektive, in welcher der Blick unmittelbar auf den Tod gerichtet ist. Den Sterbenden selbst geht es primär nicht mehr um die Umstände des Ablebens, sondern unmittelbar um den Tod selbst, um das Verlöschen des Ich, um die Auflösung der Person ins Unbekannte, um die eigene Annihilation.
Das, was die Philosophie zur Klärung und Bewältigung des Todesproblems beizutragen vermag, läßt sich in drei Punkten zusammenfassen, die drei Funktionen der Philosophie entsprechen.
Alles Reden über den Tod kommt in die Nähe des Banalen. Denn was ist banaler und selbstverständ-licher als die Tatsache unseres Sterbenmüssens? Und trotzdem gelingt es niemandem, mit Selbstver-ständlichkeit über diese Tatsache zu sprechen. Das Sprechen darüber fällt schwer, und zwar einfach schon deswegen, weil uns die passenden Worte fehlen: Dem Tod stehen wir weitgehend sprachlos gegenüber. Philosophie, Literatur und Kunst sind mögliche Wege, diese Sprachlosigkeit zu überwinden. Die erste und grundlegende Funktion der Philosophie besteht also darin, unsere Sprachlosigkeit gegenüber dem Todesproblem zu überwinden. Die Philosophie eröffnet den Zugang zum Todesproblem. Erst wenn wir eine Sprache gefunden, Begriffe und Argumente entwickelt haben, kann das Bedenken, kann die existentielle Auseinandersetzung mit dem Problem des Todes beginnen. Dies leitet zur zweiten Funktion der Philosophie über.
Die Philosophie ist nicht in der Lage, ein konkretes Wissen über den Tod zu vermitteln, denn der Tod ist unerfahrbar und damit – im Unterschied zum Prozeß des Sterbens – kein möglicher Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis. Dies bedeutet zugleich, daß uns die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Antwort auf die Todesfrage, d.h. die Möglichkeit einer allgemeingültigen, objektiven Antwort versagt bleibt. Und trotzdem muß jeder Mensch zu einer, zu seiner Antwort gelangen, denn würde er auf eine Antwort verzichten und den Gedanken an den Tod konsequent verdrängen, dann wäre dies auch nichts anderes als eine bestimmte Antwort auf die Todesfrage. Die Frage nach dem Tod ist eine jedem Menschen neu aufgegebene Grundfrage. Es sind zahlreiche, gänzlich unterschiedliche Antworten möglich. Die Art und Weise ihrer Beantwortung hat aber in jedem Fall Konsequenzen, die im Leben wirksam werden. Die Antwort selbst läßt sich nicht im Sinne einer eindeutigen, klaren, präzisen Lösung vermitteln; sie hat vielmehr den Charakter einer allgemeinen Einstellung zum Todesproblem, sie entspricht einer persönlichen Haltung, die in einem Lernprozeß allmählich Gestalt und Konturen gewinnt, und zwar im Rahmen eines allgemeinen Prozesses, der in der heutigen Terminologie als existentielle Selbstverwirklichung und Selbstfindung umschrieben wird. Die zweite Funktion der Philosophie besteht also in ihrer Orientierungsfunktion, also darin, daß sie das Problem in der ganzen Fülle seiner Bezüge und in der Vielfalt seiner Vernetzungen offenlegt. Sie schafft damit ein Informationspotential und vermittelt ein Problembewußtsein, die es der einzelnen Person ermöglichen, ihre je eigene Position zu finden.
Die dritte Funktion betrifft das kritisch-argumentative Potential des philosophischen Denkens. Auch wenn die Philosophie nicht in der Lage ist, eine verbindliche und allgemeingültige Lösung des Todesproblems zu begründen, so kommt ihr doch die Aufgabe zu, illusionäre oder pseudo-wissenschaftliche Aussagen als falsch und irreführend zu entlarven. Angesichts einer Flut von Publikationen, in denen Aussagen von differentem erkenntnistheoretischem Status miteinander vermischt werden, kommt der kritisch-aufklärerischen Funktion der Philosophie eine besondere Bedeutung zu. Die Mißachtung der elementaren Forderung, jeweils zu differenzieren zwischen wissenschaftlich legitimierten Wissenssätzen, Sätzen begründeter Überzeugung und Sätzen des Glaubens, hat zur Folge, daß gewagte Spekulationen und ideologische Standpunkte einen pseudowissenschaftlichen Anstrich erhalten, bis hin zu jenen – anscheinend allen Ernstes unternommenen – Versuchen, aufgrund von Erlebnisberichten im Zusammenhang mit Reanimation oder Rückführung persönliche Unsterblichkeit als empirisch fundierte Gewißheit darzustellen.
Es geht hier um die Überzeugung, daß die Analyse und Differenzierung von Argumenten am Leitfaden ihres jeweiligen erkenntnistheoretischen Status einen hilfreichen Beitrag zur Klärung unserer thanatologischen Debatten zu leisten vermöchte.
Es handelt sich um die argumentationsanalytische Aufgabe, jeweils zu differenzieren zwischen den Erkenntnisansprüchen wissenschaftlicher Rationalität, philosophisch-argumentativer Vernunft und religiösem Glauben.
Dies entspricht der Unterscheidung von Sätzen des Wissens (Ich weiß, daß p.), Sätzen begründeter Überzeugung (Ich bin überzeugt, daß p.) und Sätzen des Glaubens (Ich glaube, daß p.).
Eine Analyse am Leitfaden dieses simplen Schemas wird deutlich machen, wie die Grenzen verlaufen zwischen dem, was ich wissen, dem, was ich als begründete Überzeugung vertreten und schließlich dem, was ich nur in einer Glaubensentscheidung als persönliche Gewißheit gewinnen kann.
Es ist offensichtlich: Einen leichten Ausweg läßt unser Problem nicht zu.
Der einzige Ausweg, der offen bleibt, besteht in der persönlichen, in der je eigenen existentiellen Auseinandersetzung und damit in der Überwindung der allgemeinen Tabuisierung des Todesproblems. Wer sich auf diesen Weg begibt, der wird bald feststellen, daß gar nicht erst der Tod, sondern bereits das Leben rätselhaft ist. Oder anders formuliert: Der Tod ist nicht rätselhafter als das Leben. Und dies bestätigt zum Schluß einmal mehr, wie sehr Lebensproblem und Todesproblem aufeinander bezogen sind.
Mal, 2007
Anmerkungen
1. Vgl. Phaidon, 64a–b, 67d–e, 80e–81a.
2. "Qui apprendroit les hommes à mourir, leur apprendroit à vivre." (Essais, OEuvres complètes, textes établis par Albert Thibaudet et Maurice Rat, Paris 1962, 88).
3. Die Welt als Wille und Vorstellung, Sämtliche Werke, hrsg. von A. Hübscher, Bd. 3, Wiesbaden 1949, 190.
4. Ebd., 2, 528f.
5. Vgl. Linus Hauser: Neomythen im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Versuch zum ‘Neomythischen’ aus kulturgeschichtlicher Sicht; in: Die neomythische Kehre. Aktuelle Zugänge zum Mythischen in Wissenschaft und Kunst, hrsg. von Hermann Schrödter, Würzburg 1991, 106–145; bes. 136f.
Bereden des Sterbens, Beschweigen des Todes
Teil II: Bemerkung zur heutigen Auseinandersetzung mit dem Todesproblem
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