Herr Neunmalschlau und Frau Widerspenstig führen eine wunderbare Sexbeziehung. Regelmäßig, alle zwei Wochen trifft man sich, um sich herrlich und in Freuden auszulassen. Eine wunderbar funktionierende Sexbeziehung, gekrönt mit jener Unverbindlichkeit, die Gefühle einfach vor der Türe stehen lässt, egal wie kalt es draußen ist …

 

Alles wäre gut, vielleicht sogar perfekt, wenn Herr Neunmalschlau und Frau Widerspenstig nicht täglich telefonischen Kontakt halten würden. An manchen Tagen sogar mehrmals. Man hat sich eben viel zu sagen. Um es auf den Punkt zu bringen: Herr Neunmalschlau und Frau Widerspenstig lieben die verbindliche Unverbindlichkeit …

 

Es kommt der Tag, an dem es den Gefühlen vor der Türe arg zu kalt wird, und sie klopfen nun laut und heftig an die Türe, um endlich Einlass zu bekommen. Frau Widerspenstig fühlt, irgendetwas läuft doch nicht so, wie es sein sollte. Sie beschließt sich eine Auszeit zu nehmen, um ihrer inneren Unruhe auf den Grund gehen zu können.

 

Herr Neunmalschlau versteht die Wandlung von Frau Widerspenstig nicht. Jene verbindliche Unverbindlichkeit ist doch die perfekte Lebensform, sich keiner Verantwortung stellen zu müssen, oder sogar Verantwortung zu übernehmen. Schließlich hat er in seinem Leben so viel erlebt, dass er zu dem glorreichen Schluss kam, die Unverbindlichkeit ist der Lösung bester Weg. Schön verpackt in die Worte: Ich lebe erwartungslos. Warum muss nur Frau Widerspenstig plötzlich genau diesen Weg in Frage stellen? Es läuft doch gut, so lange wie man sich gegenseitig gut tut.

 

Aber Frau Widerspenstig hat ihren eigenen Kopf. Dieses Rumoren in ihrem Bauch gefällt ihr gar nicht. Nimmt es doch die Leichtigkeit des Seins und sie müsste ihre rosarote Brille mal endlich absetzen, um zu sehen, dass das Leben auch gegenseitige Verantwortung fordert, sofern man an einem Miteinander überhaupt interessiert ist. Vielleicht reicht auch das Putzen der Brille schon aus, um wieder den klaren Blick darauf zu richten, dass sich Gefühle nicht dauerhaft aussperren lassen …

 

Und da sind nun diese Gefühle, die negativen wie die positiven. Frau Widerspenstig widerstrebt es zutiefst, sich ihnen zu stellen. Ihr reicht es doch, mit den Händen berührt zu werden. Das Herz hatte sie doch schon vor Jahren weggeschlossen, um nicht noch einmal mit dem Verlust eines innigst geliebten Menschen leben zu müssen. Auch auf ihrer Fahne steht: Ich lebe erwartungslos …

 

Und doch gab sie schon so viel von sich preis. Und doch waren die allabendlichen Telefonate so etwas wie ein Aufeinanderzugehen. Und nun fordern die Gefühle mehr, als nur die zweiwöchigen verbindlich unverbindlichen Treffen, die sich auf jene Nähe beziehen, die wohl als die innigste Nähe zwischen zwei Menschen zu verstehen ist. Schließlich brauchen Gefühle Bewegung und nicht Stillstand. Schließlich nähren sich Gefühle von Fortschritten.

 

„Wie komme ich aus diesem Chaos nur wieder heraus?“ fragt sich Frau Widerspenstig. Die Gefühle lassen nicht locker. Warum unternehmen Herr Neunmalschlau und Frau Widerspenstig nicht etwas miteinander? Warum bleibt Herr Neunmalschlau nicht mal bis zum Frühstück? Warum möchte Herr Neunmalschlau Frau Widerspenstig nicht zeigen, wie er wohnt, wie er lebt … Das wäre doch ein kleiner nächster Schritt, um zu schauen, wie Herr Neunmalschlau und Frau Widerspenstig auch außerhalb des Betts und neben den alltäglichen Telefonaten miteinander umgehen … Aber das wäre ja dann auch ein Schritt in Richtung Privatsphäre des Herrn Neunmalschlau, was Herrn Neunmalschlau nicht recht ist, denn es ist ja alles gut so wie es ist …

 

Frau Widerspenstig sieht ein, dass ihr Bett zu persönlich für den unverbindlichen Sex ist und beschließt, um jenen Gefühlen den Mund zu verschließen, die zu laut meckern, das Hotel für weitere Treffen zu bevorzugen. Auch die allabendlichen Telefonate, die ihr den nötigen Schlaf rauben, reduziert sie auf ein Mindestmaß herab, und vor allem kürzt sie diese in der Länge auf ein entsprechendes zeitliches Minimum. Es fehlt ihr die entsprechende Verbindlichkeit, die neben ihr, auch Herr Neunmalschlau übernehmen müsste, für den Fall, dass ihm gefällt, was sich da so zwischen ihnen entwickelt. Es geht Frau Widerspenstig nicht um die Festlegung von Beziehungsgedanken, sondern um das Bewusstsein, wohin beide steuern möchten, denn es gibt ja bekanntlich auch die Umkehr aus der Sackgasse … Frau Widerspenstig sieht ihr Privatleben auf den Kopf gestellt, sich zu sehr nach den Bedürfnissen des Herrn Neunmalschlau richtend, was für den unverbindlichen Sex einfach völlig überzogen ist.

 

Herr Neunmalschlau beugt sich dem. Dies ist allemal besser, als sich Fragen zu stellen, deren Beantwortung er in der Notwendigkeit nicht sieht. Schließlich muss man sich ja nicht um ungelegte Eier kümmern, denn so etwas ist eh reine Zeitverschwendung. Und so hüpft Herr Neunmalschlau gekonnt von der Bordsteinkante auf das Straßenpflaster, um dort weiter zu laufen. Er ist eben ein Hüpfer, wenn es darum geht, etwas zu umgehen, dessen Verfolgung ihm sinnlos erscheint.

 

Die gemeinsame verbindliche Unverbindlichkeit wird zur unregelmäßigen Unverbindlichkeit, denn Frau Widerspenstig hat Kinder, die zu den jeweiligen Treffen anderweitig untergebracht werden müssen. Es fehlt etwas, das ist spürbar, aber dieser neue Weg ist zumindest akzeptabel, um die Unverbindlichkeit weiter leben zu können. Und so treffen sich Herr Neunmalschlau und Frau Widerspenstig in kalten Hotelzimmern, die sie nun beide nach der jeweilig innigen Nacht wieder verlassen müssen.

 

Die Gefühle verstummen, haben sie doch keinen Grund mehr zu plappern. Nahrung erhalten sie auch keine, denn Herr Neunmalschlau ist nun glücklich, dass er sich nicht mehr irgendwelchen Fragen stellen muss, sowie Frau Widerspenstig sich glücklich schätzt, dass keine ausgestreckte Hand möglicherweise nach ihrem Herzen greifen könnte, und sie sich somit Gedanken machen müsste, ob sie einfach nur zum Ficken taugt, und eines schönes Tages gegen eine Traumfrau ausgewechselt wird.

 

Beide leben erwartungslos und werden dieser Haltung vollständig gerecht, denn nichts weiter passiert, außer, dass sie sich gegenseitig ihre sexuellen Gelüste befriedigen.

 

Scheint doch diese Lösung so perfekt zu sein, fühlt Frau Widerspenstig eines Tages ein mehr oder weniger benutztes Gefühl in sich. Sie denkt häufiger über die Anfangszeit dieser unverbindlichen Sexbeziehung nach, und immer mehr spürt sie, dass sich in ihr eine völlige Lehre breit macht. Der Sex mit schmalspuriger Konversation verliert immer mehr an Reiz. Sie beschließt, die eingefrorenen Gefühle aufzutauen und ihre erwartungslose Haltung aufzugeben. Ist doch die Erwartungslosigkeit ein Bestandteil der bedingungslosen Liebe, aber dazu müsste eine Liebe überhaupt erst einmal fühlbar sein.

 

Frau Widerspenstig ist überrascht, wie schön es sich anfühlt, wenn sie in plötzlicher Erwartung steht, dass sich etwas Schönes ereignet, damit die Gefühle einen Hüpfer machen können. Keinen Hüpfer vom Bordstein auf das Straßenpflaster, sondern den Hüpfer zu den Schmetterlingen im Bauch, die so zum Leben erwachen. Schließlich geht dieser Erwartung ja voraus, dass Frau Widerspenstig selbst im Vorfeld tätig wurde. Aus Frau Widerspenstig entwickelt sich so langsam Frau Frühling … sie hat dem Irrweg den Rücken gekehrt …

 

Was aus Herrn Neunmalschlau wurde, will sie nicht wissen … Eines Tages reagierte sie einfach nicht mehr auf seine Anrufe zur nächsten Date-Absprache.

 

Aber sie trägt die Hoffnung in sich, dass auch er irgendwann von dem schönsten Gefühl der Welt überrascht wird, nämlich der Liebe …

 

"Liebe ist und bleibt das Wertvollste, was ein Mensch besitzt. Arm sind diejenigen, die nicht wissen, wie sie damit umzugehen haben …"

 

(„Lohnt sich das?“ fragt Herr Neunmalschlau. „Nein“, sagt Frau Frühling, „aber es fühlt sich gut an …“)

 

Sarah