
Inzwischen habe ich mich an die Kälte gewöhnt. Der Weg vom Bahnhof war lang, ich bin schnell gegangen, fast etwas außer Atem, aber erwärmt. Sie wohnen in einem Vorort, und die Siedlung ist voller Gärten.
Ich war vielleicht vor zwanzig Jahren das letzte Mal hier. Wenn ich mich mit W. getroffen hatte, war es meist in einer Kneipe der Stadt oder bei mir zu Hause. Aber das war nun auch schon gute zehn Jahre her. Die Freundschaft ist eingeschlafen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir alt geworden sind.
Die Obstbäume sind kahl, und die Erde mit spärlichem Rasen bedeckt, der noch nicht glauben kann, dass der Schnee verschwunden ist. In einigen Gärten picken Krähen nach Würmern oder was auch immer. So eine Gartenlandschaft ist in den letzten Wintertagen am trostlosesten, weil irgendwie die Erinnerungen an Lampionfeste in vergangenen Sommernächten vergessen ist und die Hoffnung auf kommende noch nicht geboren.
I. hatte mich angerufen und damit einigermaßen überrascht.
Kannst du nicht mal auf einen Besuch vorbei kommen, fragte sie mich, und ich war etwas verwirrt über den spröden Klang ihrer Stimme. Ich hatte sie gar nicht erkannt.
Ja, weißt du, versuchte ich mich zu drücken... sie schnitt mir sofort die Worte ab, es wäre wirklich wichtig. Es wäre wegen ihm, wegen W.... Was ist denn mit W., ist er krank?
Dann zögerte sie etwas und sagte dann geheimnisvoll, auf eine gewisse Art schon.
Das musst du mir schon näher erklären, sagte ich ihr, denn ich hatte wirklich keine Lust aus der Stadt bis dort nach draußen in diesen verschlafenen Vorort zu fahren.
Er ist, sie schien nach dem richtigen Wort zu suchen, er ist depressiv, sagte sie dann. Ich schwieg und versuchte mir die Erinnerung an den doch eigentlich fröhlichen Lebenskünstler W. zurück zu holen.
Ist es so schlimm?
Ja, sagte sie und wieder fiel mir der spröde Klang ihrer Stimme auf, es ist so schlimm.
Und du meinst, ich könnte...
Wieder schnitt sie mir das Wort ab, es wäre doch einen Versuch wert, oder? Ja, gab ich ihr nach, wenn du das so einschätzt.
Sie klang unglaublich lakonisch, ja, das schätze ich so ein.
Das Gartentor hängt schief, und der Zaun ist nicht frisch gestrichen. Nun bin ich zwar der Ansicht, dass ein Gartenzaun nie frisch gestrichen sein müsste, aber es fällt mir auf, weil von allen Nachbargrundstücken die Zäune frisch gestrichen sind. Weiß der Teufel, vielleicht starten sie hier alle mit dem Beginn des Herbstes eine Aktion und streichen ihre Gartenzäune. Frische Farben laden doch den Frühling ein. Hier wird scheinbar niemand mehr eingeladen.
Auch der Klingelknopf ist abgewetzt, ich bin mir gar nicht sicher, ob er noch funktioniert. Ich drücke ihn zum dritten Mal und nichts tut sich. Die Whiskyflasche in meiner Brusttasche kann ich ja auf dem Heimweg öffnen, denke ich grimmig und langsam kriecht die Kälte in meine Knochen...
Gerade bin ich zwei Schritte gegangen, da höre ich lautes Rufen, hallo, hallo, ich komme ja schon. Und I. kommt zum Gartentor.
Sie trägt eine alten Monteuranzug, was mich einigermaßen verblüfft. Ansonsten hat sie sich kaum verändert, sie wirkt sogar ein wenig verjüngt, ihre Wangen glänzen rot. Und ihre Augen leuchten voll ehrlicher Freude.
Ich unterdrücke ein Lachen, während sie das Tor aufschließt. Was trägst denn du für einen Blaumann, frage ich. Es ist W.s, sagt sie, ihr Händedruck ist fest und forsch, ich stand gerade auf der Leiter und habe das vermoderte Laub aus der Dachrinne gekratzt, man glaubt nicht, wie viel Laub sich da eingenistet hat, wenn der Schnee fort ist.
I. ist mir in Erinnerung als fein geistige Dame, deren Hauptinteresse der spanischen Literatur gilt.
Du kletterst auf eine Leiter?
Ja, antwortet sie mit einer ungewohnt energischen Handbewegung, wer soll es sonst machen?
Ich schweige einen Moment und folge ihr zum Haus. Kurz davor bleibe ich stehen.
Oh, das sieht gut aus.
I. mustert mich, wir hatten es gerade abgezahlt, dann fing es an.
Seine Depression?
Ja.
Wo ist er?
In der Wohnstube, geh zu ihm, ich mache weiter mit der Dachrinne. Und schon bin ich allein. Ganz behutsam öffne ich die Tür. Es ist schummrig, weil die Rollos herunter gelassen sind.
W.?
Ich höre ihn atmen.
Ich bin es, erkennst du mich?
Ich muss eine ganze Weile warten. Inzwischen haben sich meine Augen gewöhnt, und ich sehe W. im Sessel sitzen. Ich bleibe stehen.
Endlich höre ich seine Stimme. Sie klingt hohl, wie aus dem Grab.
Hat sie dich angerufen?
Ich antworte nicht, sondern hole die Schnapsflasche aus der Tasche. Dann gehe ich langsam zu ihm. Seine Gesicht ist eine fahle Scheibe. Wie aus Marmor.
Wir trinken erst mal einen, sage ich, wo sind die Gläser?
Er hebt mit einer gewissen Anstrengung die Hand.
Dort in der Vitrine.
Eigentlich, sage ich, wollte ich aufhören zu saufen und hole zwei Gläser aus dem Schrank.
W. seufzt.
Dann proste ich ihm zu.
Weißt du, sage ich, wenn ich auf den Friedhof gehe, möchte ich mich am liebsten in so ein Grab legen, aber wem kann ich das schon erzählen?
Wir trinken. Und ich entdecke ein winziges Grinsen auf seinem Gesicht.
Zwischen den Lamellen des Rollos funkeln ein paar Sonnenstrahlen wie verirrte Kinder im dunklen Wald auf der Suche nach dem Hexenhäuschen...
