Wenn ich mal ganz freimütig spekuliere: einige Leute, vor allem Frauen, denken wahrscheinlich, hier ginge es darum, dass man miteinander Sex hat (und vielleicht erschwerenderweise auch noch immer dann und nur dann, wenn der Mann Lust dazu hat) und sich ansonsten aus dem Weg geht. Vielleicht liegts an dem Gleichnis mit der Kuh, der wie gesagt ja auch aus diesem Zusammenhang stammt, den ich aber hier nicht meine - weder bei der "Milchwirtschaft", noch überhaupt.
Nein, es geht darum, dass viele Leute lieber Single bleiben und auf die Freuden einer Beziehung (Nein, nicht (nur) Sex!) verzichten, weil sie befürchten, zu viel zu verlieren oder zuviel unbehagliches aufgehalst zu bekommen, wenn sie sich mit jemandem zusammentun. Aus meiner Sicht sind diese Befürchtungen auch durchaus berechtigt, denn bei einer Beziehung hat man es immer mit zwei Individuen zu tun und die sind natürlicherweise unterschiedlich und verschiedene Individuen haben nun mal verschiedene Interessen, Vorstellungen, Wünsche, Vorlieben, Abneigungen usw. usw. Das hat gewisse Auswirkungen auf die Beziehung. Unter anderem führt es oft zu Problemen... Reibereien, Streit, Unzufriedenheit, Ärger, Verdruss usw. Daneben gibt es ja auch noch andere Ängste, z.B.: in eine Beziehung mehr reinstecken zu müssen, als man daraus empfängt, oder sich womöglich völlig aufgeben zu müssen, im schlimmsten Fall noch ohne dass der Partner das überhaupt würdigt. Ich weiß es nicht... summa summarum: Eine Beziehung ist eine tolle Sache, aber es gibt auch vieles, was daran nicht so toll ist oder dagegen spricht. Und das wird mir doch wohl jede und jeder hier bestätigen können, egal ob Single oder langjährig gebundene(r).
Wie kann man also mit dieser Zwickmühle, dass eine Beziehung sowohl Freud als auch Leid mit sich bringt, umgehen?
A.) Ich gehe eine "Beziehung total" ein. Weil es ja schließlich eine »Partnerschaft« ist, drängt man sich gegenseitig auf, sich nie mehr von der Seite zu weichen und alles gemeinsam zu machen. Die gleichen Interessen, Vorlieben, Abneigungen zu haben und das Gleiche gut oder schlecht zu finden. Dass der Andere eine eigene Persönlichkeit ist und gerade in reiferen Jahren schon Jahrzehnte eigenen Lebenslaufes hinter sich hat, die seine Eigenartigkeit noch weiter ausgebaut haben, wird unter den Teppich gekehrt und statt dessen verbringt man große Teile der Zeit damit, am Anderen rumzunörgeln und zu versuchen ihn zu verändern, so dass er für einen selbst perfekt passend wird. Wie wir alle wissen, ist das einer der Faktoren, die in Beziehungen am meisten zu Ärger und Frust führen. Aber in den seltensten Fällen erfolgreich sind.
B.) Ich bleibe Single und suche bis ans Ende meiner Tage weiter nach dem perfekt passenden Idealpartner. Kann man tun. Wie gesagt: So schlimm ist das Singleleben nicht. Damit schützt man sich allerdings nicht nur vor Unannehmlichkeiten, sondern versagt sich auch Annehmlichkeiten der Zweisamkeit. Mal ganz abgesehen davon, wie man eigentlich vorher mit Sicherheit sagen kann, wer hinterher der perfekt passende Idealpartner für den Rest des Lebens ist. Aber Frauen sind ja Spitze darin, das aufgrund geringfügigster, nichtigster und irreführendster Indizien zu beurteilen, deshalb halten auch viele Ehen nur 3 Jahre ;-) Aber das ist nun schon wieder ein anderes Thema...
C.) Halt die "Beziehung light": Wir beschränken uns aufs Wesentliche. Wobei man natürlich immer noch klären muss, was das Wesentliche ist, das beide wollen. Aber hier einen passenden Partner zu finden, dürfte deutlich leichter sein als den zu finden, den man in Variante B. sucht.
Und ich weiß nicht, wieso man das mit mangelnder Liebe oder mangelnder Wertschätzung assoziieren muss. Das sehe ich nicht so. Und ich bin auch nicht masochistisch veranlagt, also dass Liebe, Wertschätzung usw. für mich dadurch zum Ausdruck kommt, dass man sich die ganzen Unstimmigkeiten reinzieht.
Das ist natürlich nur für Leute interessant, die erkannt haben, dass diese Ideale von 100%iger Passform und 100%iger Partnerschaft relativ unrealistisch sind, und dass das Ideal von 100%iger Liebe eher ein Ammenmärchen ist.
Wenn man einen Partner hat, mit dem es überhaupt keine Unstimmigkeiten gibt: Bueno, ich gratuliere! Aber ich meine, das müsste doch wohl jeder wissen, dass es extrem unwahrscheinlich ist, einen Partner zu haben, an dem ich wirklich ALLES liebe und wo mich überhaupt nichts stört. Oder dass es eine Beziehung gibt, wo wirklich alles, was passiert, mich beglückt und ich mich nicht eine Sekunde ärgern oder frusten muss. Gerade die Leute in so einer Online-Community wie hier... Das fängt ja schon damit an, dass sie solch einen Partner HATTEN - wieso »hatten« und nicht mehr »haben«? muss man da doch gleich mal fragen. Wenn es solche Partner gäbe, dann gäbe es hier sicher die Hälfte aller Fragen und Artikel erst gar nicht, und dann wäre ich natürlich auch nicht auf diese Idee von der "Beziehung light" gekommen.
Ja, ich bekenne es freimütig, es geht dabei darum: "Wie kann man aus einer Beziehung möglichst viel Angenehmes gewinnen, während man dabei möglichst wenig Unangenehmes in Kauf nimmt?" Das wird sicherlich einige Moralapostel auf die Barrikaden treiben, weil es ja schließlich nicht sein darf... also seinen Nutzen, auch den an Lebensqualität, zu erhöhen mit möglichst wenig Kosten, mag zwar in allen Lebensbereichen ein absolut gesellschaftsfähiges Ansinnen sein, aber hier haben wir es ja schließlich mit Liebe zu tun und da ist das natürlich was völlig anderes: Liebe ist erst wirklich und wahrhaftig, wenn sie mit ausreichend Leid verbunden ist, und daher sind Ärger, Verdruss und Enttäuschung unverzichtbar notwendige Bestandteile von Liebe und Beziehung. Nun, ich sehe das nicht so. Moral repräsentiert die Art und Weise, wie die Welt unserer Ansicht nach funktionieren sollte, aber WIRKLICHT ist, was wirklich IST. Z.B. dass die meisten Menschen nach Verbesserung ihrer Lebensqualität streben und auf Verschlechterung gerne verzichten. Und wenn man ehrlich ist statt moralverblendet, dann muss man sich eingestehen, dass man das auch in der Liebe und in einer Beziehung ganz gerne so hätte.
Gut, Auseinandersetzungen gehören immer dazu, wenn man es mit unterschiedlichen Menschen zu tun hat, und die will ich auch gar nicht völlig beiseite schaffen. Aber die Absicht, möglichst viel Freude, Genuss, Wohlbefinden aus dem Kontakt mit einem anderen Menschen zu erhalten und dabei möglichst wenig Ärger, Frust und Enttäuschung zu erleben, finde ich ein völlig legitimes und natürliches Ansinnen. Das übrigens auch in unseren Genen festgelegt ist ;-)
