Die Grundlagen meiner Einsichten:

Die Fernsehsendung vom letzten Freitag, in der regelmäßig die unmöglichsten Dinge angesprochen werden, brachte mich dazu, längst Bekanntes noch einmal zu thematisieren.

Für den, der die Sendung nicht gesehen hat: Es ging darum, dass Gymnasiastinnen bei einfachen Additionsaufgaben an der Tafel wesentlich schlechter abschnitten, wenn sie einen Bikini statt normaler Straßenkleidung trugen, ihre männlichen Kollegen dagegen nicht. Die Erklärung von Fachleuten: je mehr jemand seinem Image von sich und seines Geschlechts entspricht, je mehr sich also eine Frau als Frau fühlt (im Bikini), desto mehr entspricht sie ihrem eigenen Image: Frauen sind schlechter in Mathe als Männer.

Absurd? Nein, nur ungewohnt. Wenn man überlegt, kommt man sehr schnell hinter die Zusammenhänge.

Ich fang’ mal von vorn an. Unsere Eltern haben uns erzogen. Sie selber wurden schon von ihren Eltern erzogen. Solange die Zeiten etwa gleich blieben, war das okay. Heute ändert sich alles. Derjenige, dem es gelingt, alles über Bord zu werfen, was nicht in seine Realität passt, kann nur profitieren.

Ich bin ein Mädchen, ich kann nicht gut rechnen, hat die Gesellschaft das Mädchen gelehrt, das an der Tafel im Bikini versagt.

Ich bin ein Versager. Mir gelingt nichts, sagen viele Menschen von sich selbst. Ihnen wird nichts gelingen, egal wie gut sie auf manchen Gebieten sind.

Ich bin ein Wissenschaftler. Ich habe studiert und muss es wissen, sagen viele angebliche Fachleute, die sich plötzlich auf allen Gebieten auskennen.

Ich bin ein dicklicher Junge, alle Mitschüler nennen mich Dickus, hat mich die Umgebung meiner Kindheit gelehrt. Dicksein gehörte zu meinem Image, was mich von mir selber hatte. Ich futterte und futterte und hatte einen viel zu hohen Grundumsatz. Durch Hektik, schnelle Bewegungen, massig Aktivitäten. Allein deshalb, weil ich unmöglich so dick sein konnte, wie ich hätte sein müssen, nach den Kalorien, die ich in mich hinein schlang. Aber auf dem Niveau von 90 kg hielt ich mich Jahrzehnte. Kein Schwanken nach oben oder nach unten. Ich sehe das an meinen ältesten Klamotten, die mir vor einem halben Jahr immer noch passten. Ich war halt der Dicke, und niemand kannte mich anders. Dicksein entsprach meiner Rolle.

Ich war übrigens auch Raucher. Seit meinem 16. Lebensjahr. Das Rauchen bin ich zuerst los geworden. Ich habe mein Image geändert, das ich von mir selbst hatte. Von Raucher auf Nichtraucher

Wir kann man seine Vorstellungen von sich selber ändern?

Man muss lernen, sich neben sich selber zu stellen und sich wertfrei zu beurteilen. Was will ich eigentlich? Was muss ich dafür tun? Wer bin ich jetzt und wer, wenn ich das getan habe, was ich ändern sollte?

Vorab: die schlechteste, unwirksamste Motivation erreichen wir durch den Willen anderer. Sagt der Lehrer in der Schule: „Du musst eine 1 schreiben, sonst bleibst du sitzen“, fällt dem Unbewussten pausenlos etwas ein, keine 1 zu schreiben, denn 1en schreiben Menschen, die ich nicht leiden kann, zu denen ich nicht gehören möchte. Sagt mein eigener Wille, dass ich diesmal eine 1 schreiben sollte, weil das besser für mich wäre, stellen sich mir plötzliche unverschuldete Hindernisse in den Weg (zu unkonzentriert, keine Zeit usw). Bin ich davon überzeugt, dass ich schulisch gut werden (also viele 1en schreiben) muss, um andere, mir wichtige Dinge zu erreichen, werde ich plötzlich Interesse entwickeln und mein Ziel wird mir gelingen.

Den Tabak, das Rauchen habe ich vor meinem Innersten zu dem gemacht, was es ist: das Verbrennen einer von Menschen degenerierten Pflanze und das Einatmen der chemischen Rückstände.

Ich habe spannungsfrei aufgehört zu rauchen. Ohne jede Entzugserscheinung.

Mit 65 denkt man daran, dass man irgendwann pflegebedürftig werden könnte. Ich natürlich auch, und ich habe mich mit Alten- und Pflegeheimen beschäftigt. Meine Mutter ist in einem Pflegeheim gestorben. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich niemals, ich wiederhole: niemals in ein solches Heim möchte. Ich habe Lust bekommen, mich noch einmal mit einer Frau zusammen zu tun. Die Reaktionen der Frauen auf mich waren oft taktvoll zurückhaltend, und ich erkannte nicht sofort, woher dies kam. Aber als ich mein Bild sah, das Bild eines Menschen, der Zeit seine Lebens zu dick war, wurde mir plötzlich klar, dass ich auf die Art weder mein erstes noch mein zweites Ziel erreichen konnte.

Ich ging wieder mit mir selbst in medias res. Nach einer kurzen Konferenz mit mir selber änderten sich die Mengen meiner Nahrungsaufnahme. Ich aß viele Salate, gesundes Zeug, keine Süßigkeiten mehr. Und ich gewann Spaß am Sport, brachte es fertig, jeden Tag, auch bei Regenwetter, meinen Halbmarathon zu laufen. Ich nahm automatisch ab, weil ich mein Image von mir selber umprogrammiert hatte. Die Geschwindigkeit des Abnehmens habe ich nicht mittels meines Willens gesteuert. Die kam von selber.

Wir alle, ob Wissenschaftler, Pseudo-Wissenschaftler, Wissenschafts-Gläubige, die den Körper als reine Untergebene des menschlichen Geistes sehen, zwingen unseren Körper pausenlos in Bilder, die ihnen nicht gut tun. Wir sehen uns als Raucher, also rauchen wir. Wir sehen uns als dick aber gemütlich, also sind wir dick. Wir werden eines Tages an dieser Versklavung unseres Körpers sterben. Bis dahin werden wir Massen an Medizinern und Pharmakologen geglaubt und diesen Glauben an unsere Schutzbefohlenen weiter gegeben haben.

Fühlt mal in Euch hinein.