Abgeliebt

Rosemarie wälzte sich unruhig im Bett hin und hier. Sie war schon längere Zeit wach, mochte aber noch nicht aufstehen. Zum einen, weil sie Manfred nicht wecken wollte, der tief schlafend neben ihr schnarchte, zum anderen, weil sie sich nicht wirklich auf den neuen Tag freute.

Sie sah auf den Wecker neben sich auf dem Nachttisch. Erst 5:30 Uhr. Draußen war es noch dunkel. Ein wenig Licht schimmerte dennoch durch einen Spalt der noch zugezogenen Vorhänge. Es kam von der Straßenlaterne, die direkt vor ihrem Schlafzimmerfenster stand.

Rosemarie betrachtete ihren Mann, wie er da so schlafend neben ihr lag. Kein besonders schöner Anblick! Da, wo einst dichtes, lockiges, dunkles Haar geprangt hatte, glänzte jetzt eine vollkommen haarlose spiegelblanke Glatze. Der Mund ihres Mannes stand leicht offen, so konnte man sehen, dass er kaum noch Zähne hatte. Eine Spur getrockneten Speichels klebte in den Mundwinkeln. Das Glas mit seiner Prothese stand unter der Nachttischlampe auf seinem Beistelltischchen.

Manfred war mit den Jahren dick geworden. Ein mächtiger Bauch wölbte sich unter der Bettdecke. In seinem Gesicht sprossen ein paar vereinzelte Barthaare. Unter der Nase trug er einen mächtigen borstigen Schnauzbart. Manfred fand das männlich und glaubte, damit von seinem Kahlkopf abzulenken. Sie mochte den Schnurrbart nicht. Er war grau mit über den Lippen vergilbten Spitzen. Manfred war ein starker Raucher, und mit den Jahren hatte das Nikotin seiner Zigaretten ihm die Finger ebenso wie den Schnauzer gelblich-bräunlich verfärbt. Inzwischen ekelte sich Rosemarie vor seinen Händen und Lippen, vor seinen Küssen, die Gott sei Dank nur noch sehr selten gegeben wurden, nur zu besonderen Anlässen, zu Jubiläen und hohen Feiertagen. Mehr hätte sie auch nicht ertragen!

Rosemarie erhob sich ein wenig steif und mühsam. Ihr Körper war längst nicht mehr
so kraftvoll, biegsam und gelenkig, wie noch vor ein paar Jahren, nicht so, wie sie es sich wünschen würde. Sie trieb viel Sport, versuchte sich fit und gesund zu erhalten, achtete auf ihre Figur und darauf, nicht zuzunehmen. Sie wollte auf keinen Fall so fett wie ihr Mann werden. Er stand ihr immer als abschreckendes Beispiel vor Augen.

Manfred machte sich über ihren "Schlankheits- und Fitnesswahn", wie er es nannte, lustig, auch über ihre gesundheitsbewußte Ernährung, zu der sie es in all ihren Ehejahren nicht geschafft hatte, ihn zu überzeugen. Für ihn musste es zu Mittag immer ein großes Stück Fleisch und ein Bier geben, mussten im Kühlschrank immer Wurst und Aufschnitt bereit liegen, weil er sonst sehr ärgerlich und sogar unangenehm wütend werden konnte. Um des lieben Friedens willen kaufte sie für ihn die Dinge ein, die er mochte.

Rosemarie ging ins Bad und zog ihr Nachthemd aus, um unter die Dusche zu gehen.
Sie betrachtete sich in dem großen Spiegel an der Badezimmertür, den Manfred angebracht hatte, um das recht schmale Bad ein wenig geräumiger wirken zu lasen.

Sie mochte ihren Körper, auch wenn er längst nicht mehr so straff und schön war, wie noch vor einigen Jahren. Fast unmerklich war er nach und nach gealtert, die Haut noch
rosig, jedoch an manchen Stellen von feinen Falten durchzogen. Die Brüste hatten sich ein wenig gesenkt, der Bauch war nach den Geburten ihrer drei Kinder nie mehr so flach und straff geworden, wie in der Zeit davor. Auch der Po war zwar noch schmal und leicht gerundet, aber nicht mehr so keck hervor gewölbt, wie in ihrer Jugend.
Die Innenseite der Oberarme und Schenkel waren merklich weicher und weniger elastisch als früher. Stolz konnte sie jedoch auf ihre Beine und ihre schlanke Taille sein. Hier hatte sich das regelmäßige Lauf- und Krafttraining sichtbar ausgezahlt.

Im Ganzen nicht übel, für ihr Alter noch immer recht passabel, dachte sie bei sich. Natürlich konnte sie nicht mehr mit jüngeren Frauen konkurrieren. Aber es gab wesentlich jüngere Frauen, die dicker waren und viel schlechtere Figuren hatten als sie.

Nur schade, dass Manfred sie nicht mehr ansehen mochte, ihr niemals mehr ein Kompliment für ihr Aussehen machte. Er nannte sie stets nur "meine Alte", was ihr nicht wirklich gefiel.

Dass er sie nicht mehr anrührte, dass sie seit Jahren nicht mehr miteinander schliefen, darüber war sie sogar froh. Zum einen, weil die letzten Male ihres körperlichen Beisammenseins aufgrund seiner beginnenden Impotenz, seiner Körperfülle und seines schlecht riechenden Atems für sie mehr Qual als Lust gewesen waren und zum
anderen, weil sie ihn körperlich schon lange nicht mehr anziehend und attraktiv fand.

Zu stark war er gealtert, zu sehr hatte sich sein Äußeres zum Nachteil verändert. So war es ihr recht gewesen, dass auch er sie offensichtlich körperlich nicht mehr begehrte und ihr Sexualleben allmählich vollständig eingeschlafen war.

Sie wußte, dass Manfred heimlich, wenn er sich allein glaubte, Pornos anschaute, sich entsprechende Hefte und Videos kaufte. Aber das störte sie nicht. Sollte er seinen Spaß damit haben. So lange er nicht zu Huren ging, um dort ihr gemeinsam sauer verdientes Geld auszugeben, war das für sie kein Thema.

Sie sprachen nie über Sex. Dieses Thema war zwischen ihnen zu einem Tabu geworden.

Ob er sie noch liebte, wusste sie nicht wirklich. Er schätzte ihre hausfraulichen Qualitäten, ihre Kochkünste, ihre Ordnungsliebe. Sie versorgte ihn gut, und er war ihr dafür dankbar. Er kümmerte sich um den großen Garten und um alle handwerklichen Arbeiten, die im Haus so anfielen und die er selbst erledigen konnte.

Liebte sie ihn denn noch? Nicht so, wie damals am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit, am Beginn ihrer Ehe. Viel Kraft und Liebe hatten die Pflege und die Erziehung ihrer Kinder von ihr gefordert. Er hatte sie dabei nur wenig unterstützt, hatte viel gearbeitet, um den finanziellen Rahmen für seine recht große Familie zu schaffen.
Er hatte in dieser Hinsicht immer gut für sie gesorgt. Aber mit den Jahren hatte sich die Zärtlichkeit, der liebevolle Umgang miteinander, ja, die Liebe selbst, mehr und mehr verflüchtigt. Zurück geblieben waren Gewohnheit, Verantwortung und Pflichtgefühl.

Rosemarie seufzte, wenn sie an den Beginn ihrer Beziehung dachte! Wie verliebt sie damals waren, wie sie nicht von einander lassen, gar nicht genug voneinander bekommen konnten! Sie waren verrückt aufeinander gewesen, hatten in ihrer ersten
gemeinsamen Zeit beinahe täglich miteinander geschlafen, brauchten sich nur anzusehen, um dieses Kribbeln im ganzen Körper zu spüren und sich in die Arme zu fallen!

Und heute? Nichts war davon übrig geblieben! Das Herz erkaltet, die Seele vereinsamt, die Körper verdorrt! Schrecklich! Wo war die Jugend, die Leidenschaft, all die Liebe, die sie für einander empfunden hatten, geblieben?

Bei dem Gedanken wurde  Rosemarie übermächtig von Trauer und Schmerz überwältigt, der ihr die Tränen in die Augen trieb.

"Törichte Alte", schalt sie sich selbst, "rasch eine  kalte Dusche, die wird dich wieder zur Vernunft bringen!"

Nach der Dusche fühlte sie sich tatsächlich besser, erfrischt, belebt, voll Tatendrang. Sie ging in die Küche, um zu frühstücken. Sinnend sah sie aus dem Fenster. Sollte sie noch einmal einen Versuch machen, ihre Ehe zu retten? Manfred dazu überreden, abzunehmen, das Rauchen aufzugeben, Sport zu treiben, mehr auf seine Gesundheit zu achten? Das könnte vieles in ihrer beider Leben ändern! Aber sie bezweifelte, dass ihr das gelingen würde! Zu oft hatte sie es schon versucht, mit Engelszungen oder auch ärgerlich und wütend! Stets hatte er geantwortet: "Sport ist Mord!" Winston Churchill, der diese Antithese geprägt hatte, wäre auch alt ohne Sport und trotz seiner Fettleibigkeit geworden!

Sollte sie Manfred verlassen, sich von ihm scheiden lassen, jetzt in ihrem Alter?!
Einen neuen Partner würde sie wohl kaum noch finden! Welcher Mann würde schon eine alte Schachtel wollen? Und wollte sie überhaupt noch einen anderen Mann, einen Mann, den sie erst mühsam kennen lernen müsste, der schon sein Leben hinter sich hatte, so wie sie ja auch! Auf welche Gemeinsamkeiten könnten sie bauen?

Ein neues, ganz anderes Leben beginnen, in ihrem Alter, würde das gut gehen?
Doch andererseits, was gab sie auf? Die Kinder waren längst erwachsen und aus dem Haus, hatten ihre eigenen Familien gegründet, führten ihr eigenes Leben.

Mit Manfred hatte sie sich noch kaum etwas zu sagen. Sie redeten schon lange nicht mehr viel miteinander, nur das Nötigste, keine wirklichen Gespräche.

An dem gemeinsam geschaffenen Heim, an dem schönen Garten hing sie allerdings.
War sie bereit, das aufzugeben und wenn ja, wofür? Für ihre Freiheit, für ein selbst bestimmtes Leben, für eine neue Liebe?

Denn jetzt lebte sie ohne Liebe, jedenfalls kam es ihr so vor!

Rosemarie zog ihren Mantel an und beschloss, einen langen Spaziergang zu machen. Das würde ihr gut tun, würde ihre ein wenig durcheinander geratenen Gedanken vielleicht ein Stück weit in ruhigere Bahnen lenken.
Sie stand ja nicht wirklich unter Druck, hatte es nicht eilig, musste keine überstürzten Entscheidungen treffen! Manfred war ja kein Tyrann. Er hatte auch seine guten Seiten. Sie hatte sich an ihn gewöhnt, wußte ihn zu nehmen, kannte seine Stärken und Schwächen.
Dass sie einander nicht mehr begehrten, nicht mehr liebten, war traurig, aber deshalb die Beziehung aufgeben und ihn verlassen? Wenn sie das täte, was würde sie gewinnen?

 

Text: G. "Picasso"

Bild: Neue Nationalgalerie Berlin - "Altes Liebespaar" von Otto Dix (1923)