Ich saß auf der kleinen Bank neben unserer Familiengruft und atmete tief den Duft von Honig, Vanille und Gewürz ein, den dieser gelbe Busch verströmte. Oma und Mutti hatten ihn auch sehr gemocht. Nun lagen sie schon seit 1989 unter der Erde, Opa sogar seit 1966.

Mir war fast schwummerig, sog ich den Duft doch so gierig ein, dass ich fast hyperventilierte.

„Warum konntest du nicht mit mir glücklich sein? Wie konntest du mich damit zurücklassen, Ilse? Wie soll ich darauf die Antwort finden?“

Zuerst dachte ich geträumt zu haben, mit den Gedanken, die mir immer dort auf dieser kleinen Bank kommen, eingenickt zu sein.

„Wolltest du mich rast- und ruhelos zurück lassen, Ilse? Eine Aufgabe bis zu meinem Lebensende?“

Langsam erhob ich mich. Der Mann hielt sich die Handfläche vor den Mund als könne er die Worte, die er eben sprach, zurück holen.

„Verzeihung! Ich wollte sie nicht erschrecken, ich sah sie nicht dort hinter dem Busch, “ entschuldigte er sich und sah betreten drein.

„Ich bin nicht sonderlich schreckhaft, “ sagte ich und nickte zum Gruß.

„Na ja, manche halten mich wohl für einen verrückten Sonderling, weil ich immer noch mit meiner Frau rede, “ gab er zu.

„Ich unterhalte mich auch noch mit den Toten meiner Familie!“

„Unterhalten? Dann bekommen sie Antworten?“

„Jaein…eigentlich gebe ich mir die Antworten selber, weil ich weiß, wie meine Familie dachte. Oma schimpft immer, wenn ich bei Regen hier bin, sie hat Angst, dass ich mir auch noch den Tod hole. Hat sie schon gemacht, als nur Opa hier lag, sowas wird sich nicht geändert haben. Ich kenne meine Leute doch, “ lächle ich.

„Was wäre denn, wenn sie sie plötzlich gar nicht kennen? Ich kannte Ilse über 60 Jahre, wir gingen schon gemeinsam zur Schule und ich kannte sie nicht. Meine Frau hat mir Sekunden vor ihrem Tod etwas gesagt, womit ich nicht klarkomme, worüber ich seitdem pausenlos grübele, “ seufzt er und sieht mich an. Nach einer Weile hat er wohl beschlossen, dass ich vertrauenswürdig genug bin und erzählt

„Ich hielt ihre Hand, sie wachte auf, war ganz klar bei Verstand und sagte*schade, dass wir nicht zusammen glücklich sein konnten*, dann wurde ihre Hand ganz schlaff und sie war tot. Seither frage ich mich, warum sie das sagte, was sie meinte. ICH war nämlich glücklich, zumindest bis zu diesem Tag. Eigentlich dachte ich, sie wäre es auch, wir hatten doch alles, was wir brauchten.“

Er macht eine kleine Pause und wartet auf eine Antwort, doch die kann auch ich ihm nicht geben.

„Haben sie eigentlich ihren Mann je gefragt, ob er glücklich ist? Sie haben ja noch die Möglichkeit dazu,“  erinnert er mich, zieht seinen Hut und geht eilig zum Ausgang. Ich bleibe leicht verwirrt zurück, denn eben habe ich festgestellt, dass auch ich nur glaube, dass mein Partner glücklich ist. Gefragt habe ich nie, dachte immer, das spüre man doch….oder etwa nicht?

Ist man automatisch glücklich, wenn man doch „alles hat, was man braucht“? Was braucht man denn? Und wenn man es hat, wie lange macht es uns glücklich? Will man dann mehr? Höher, schneller, weiter, wie im Sport? Zufrieden, glücklich, himmelhoch jauchzend? Welche Steigerung gibt es dann noch? Befällt uns Angst, dass es nur noch runter gehen kann, wenn man erst mal himmelhoch jauchzt? Und wie definiert man Glück? Gesundheit? Wohlgeratene Kinder? Sicheres Einkommen? Eigenheim? Auto?

Zuhause frage ich erst einmal meinen Mann…das heißt, ich will ihn fragen, doch sowas kann man nicht einfach so zwischen Tür und Angel fragen. Ich warte also, bis wir gemütlich am Teich sitzen und den Sonnenuntergang betrachten.

„Du, bist du eigentlich glücklich?“

Er sieht mich erstaunt an. „Ich habe doch dich!“

Blitzschnell schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass mich diese Aussage auch den Rest meines Lebens beschäftigen könnte, wäre mir die Möglichkeit der weiteren Nachfrage verwehrt.

„War das jetzt ein Kompliment oder eine Anklage? Als Antwort nutzt es mir nicht!“ Während ich  warte fällt mir ein, warum man seinem Partner diese Frage so selten stellt. Sie könnte negativ beantwortet werden.

Natürlich lässt die Antwort auf sich warten, schließlich geht sie ans Eingemachte. Männer haben ihre liebe Mühe damit, über Gedanken und Gefühle zu reden, die über den Hosenbund hinaus gehen. Kein Wunder, wenn manche Frau glaubt, Männer hätten keine. Gefühle, nicht Hosenbunde!

Viele Stunden später haben wir das Ergebnis. Wir sind glücklich mit uns, zufrieden mit der Arbeit und haben tief in unserem Inneren eine Ruhe und Gelassenheit, die uns Stress bewältigen lässt. Wir fühlen uns glücklich.

Warum begehen Leute, die viel mehr als wir haben, Selbstmord? Warum sind die Buschmänner Australiens, die eigentlich nichts haben außer dem, was sie in ihrem Bündel mitführen, so zufrieden und glücklich? Die leben doch von der Hand in den Mund! Glück fühlen können….ist das ein Gen, das man hat oder nicht? Hat das was mit Hormonen zu tun? Ist Glück(lichsein) lernbar?