Die vielen, kleinen, scharfen Wasserstrahlen der Dusche hatten ihre Haut massiert und Uta in eine wohlige Stimmung getaucht. Sie begann, duftende Lotion in die Poren zu massieren, als sich zwei gegensätzliche Impulse bei ihr einstellten.
Sie fragte sich, bringe ich Gregor um seinen Anteil am gemeinsamen Glück, wenn meine Hände meinen Körper streicheln? Wohl eher ja, aber auch dann, wenn die Seele dabei seine Gegenwart vermisst?
Aber noch bevor sie sich darüber schlüssig war, spürte sie ihre harten, von straffer Haut und nur wenig Fettgewebe überzogenen Beckenschaufeln, und sie zuckte zusammen.
Ihr Fieber legte sich schlagartig, und ihr Blick fiel in den Spiegel der Vergangenheit. Ihre Nase zeigte Schrammen, und die Wangen- und Kinnpartie wirkten arg mitgenommen.
Die Bauchdecke schmerzte wieder am Becken, wo Viktor sie einst gegriffen und ihr das Leben zurück gegeben hatte.
Viktor und nicht Gregor hatte sie vor dem Tode bewahrt und dabei sein eigenes Leben riskiert. Wenn er im Grunde auch selber die Ursache gewesen war, derentwegen sie sich dieser Gefahr ausgesetzt hatte.
Vor drei Jahren war es gewesen. Da hatte Viktor sie so merkwürdig angesehen, prüfend und ablehnend zugleich, und er hatte sie gefragt, ob sie bereit sei, ihm eine Frage zu beantworten, die er sich in letzter Zeit so oft gestellt habe.
*
Die weiß gekalkten Mauern der Urbanisation El Paradiso auf Gran Canaria reflektierten die Strahlen der schon tief stehenden Sonne und tauchten den Strand in blendendes, flüchtiges Licht. Der Wind der Abkühlung wirbelte winzige Sandstürme auf, und Viktor zog einen seiner Sneakers aus, um denSand heraus zu schütteln, der sich über seinen Fuß ergossen hatte.
Uta trug immer noch die leichten Sommersachen, die sie während der Anreise getragen hatte.
„Du hast früher mal gesagt“, so begann er seine in Gedanken oft vorformulierte Frage, „dass eine Frau niemals untreu werden kann, wenn sie ihren Mann noch liebt.“
Uta erstarrte. „Ich war dir nie untreu.“
Viktor lächelte gequält. „Ich meine nicht dich. Ich frage mich immer wieder, ob ich dich noch liebe.“
Uta begriff. „Also bist du mir untreu geworden. Willst du mir das damit sagen?“
„Ich bin von Grund auf ein treuer Mensch. Ich will aus diesem Gespräch heraus erkennen, ob ich jetzt eher einer anderen treu bin und nicht mehr dir, ob sich meine Treue verlagert hat, sozusagen. Nur deshalb, um das heraus zu finden, habe ich dich gebeten, mit mir in den Urlaub zu fahren. Du wirst bemerkt haben...“
Uta unterbrach. Sie sprang auf. „Das sind verquere Gedanken. Willst du mich allen Ernstes fragen, ob ich akzeptiere, dass du jetzt eine andere liebst und nicht mehr mich? Ob du dir edel vorkommen darfst, wenn du zwar treu, es aber nicht mehr länger mir, sondern einer anderen bist? Ob ich verstehe, dass es dir wie Untreue vorkommt, wenn du sie, die ich nicht kenne und nie kennen lernen möchte, mit mir betrügst?“
„Während des letzten Monats...“
Uta unterbrach erneut. „Wie lange geht das schon mit euch?“
„Ein viertel Jahr.“
„Aha, und wenn du mir jetzt sagen willst, dass du während des letzten Monats nicht mehr mit mir geschlafen hast und deshalb ein treuer Mensch bist, muss ich dir antworten, dass du während der ersten beiden Monate erst recht untreu warst, nämlich deiner Geliebten und mir gleichzeitig, denn du hast mit beiden geschlafen.“
Viktor sah verlegen zu Boden und malte mit dem Zeh Figuren in den Sand. Die Sonne näherte sich dem Horizont.
„Vielleicht warst du ihr ja auch während des letzten, fraglichen Monats nur deshalb nicht untreu, weil dich das überfordert hätte. Zwei so anspruchsvolle Frauen, das ist auch für einen richtigen Mann, wie du einer sein willst, nicht so einfach zu bewerkstelligen.“
„Ich glaube, ich liebe dich doch noch“, flüsterte Viktor tonlos, nachdem er ihre Worte hatte auf sich wirken lassen. „Das merke ich daran, dass du mir leid tust, wenn ich dich so reden höre. Ich möchte jetzt mit dir schlafen.“
Er zeigte auf die Fenster in der Häuserfront, hinter dem ihr Appartement lag. Hinter einem stand der Kellner Pedro Carramillo und wartete auf den Schichtwechsel.
„Übernimm dich nicht, und werde ihr vor allem nicht untreu“, rief Uta und rannte los. Ihr Sommerkleid flatterte im Luftzug, und sie stürzte sich in die Fluten des Atlantiks.
Mit wenigen Schwimmzügen hatte sie sich weit vom Ufer entfernt. Zu weit, dachte sie, und ihre Füße angelten nach dem Grund. Viktor stand bewegungslos am Ufer und starrte zu ihr herüber.
Uta kämpfte, sie erreichte den Sand, aber die Unterströmung saugte ihn weg. Uta versuchte, aus der senkrechten Lage zurück in die Schwimm-Position zu gelangen, aber sie war bereits zu schwach. Sie verlor die Orientierung, erkannte nicht mehr oben und unten, rang nach Luft, schluckte Wasser und verlor das Bewusstsein.
Pedro Carramillo stand immer noch am Fenster des Restaurants und genoss mit geschlossenen Augen die letzten Sonnenstrahlen. Als er sie öffnete, begriff er blitzartig, hechtete durch das geöffnete Fenster und band im Rennen seine Schütze ab.
*
„Señor“, rief Pedro immer wieder. „Sie müssen nicht fassen Frau in Mitte und heben hoch und lassen fallen. Das macht ganze Gesicht kaputt und sie muss schlucken Sand. Sie müssen legen in stabile Seitenlage, überstrecken Kopf und öffnen Mund. Damit kommt Wasser. Ich gelernt das bei machen Führerschein in Deutschland als arbeiten bei Mercedes Benz in Stuttgart.“
„Aber sie ist doch schon leer“, keuchte Viktor. „Da kommt kein Wasser mehr, aber sie atmet immer noch nicht.“
Pedro drehte Uta auf den Rücken und hielt seine Wange an ihren Mund. Nichts.
„Dann muss einer machen Herz pumpen, so, und der andere machen Luft in Mund.“
Auf Pedros Signal und Kommando hin holten die beiden Uta zurück. Nicht lange, und Viktor und Uta konnten die Ambulanz verlassen.
„Auch wenn du mir deinen Atem gespendet hast“, entschied Uta auf dem Rückflug, „so kann ich dir nicht verzeihen. Ich verdanke dir mein Leben und ich werde dir lebenslang dafür dankbar sein, aber ein Paar werden wir nicht mehr.“
Viktor hatte Utas Entscheidung akzeptiert, und jetzt stand sie vorm Spiegel der Gegenwart und fand, dass sie seinerzeit richtig gehandelt hatte.
Gregor stand plötzlich hinter ihrem nackten Körper. „Hm, das bringt mich auf andere Gedanken“, flüsterte er und griff nach der Lotion. Langsam und genussvoll begann er, ihr den Rücken zu massieren. Als er sich dem Areal des Kamms ihrer Beckenschaufeln näherte, wandte sie sich um und schlang ihre Arme um seinen Hals.
„Liebling, jetzt nicht, heute nicht“, flüsterte sie.
„Du hast wieder an Viktor gedacht“, vermutete er mit trauriger Stimme.
Uta sah zu Boden.
