Blick zurück – mit ( längst verrauchtem ) Zorn
60 Jahre Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2009 … und der deutsche Sender für das Ausland „Deutsche Welle“ oder auch DW-TV bringt jeden Tag eine Reportage … 60 mal an 60 Tagen … und der Mauerfall und der Beginn der Wiedervereinigung Deutschlands haben 20. Jahrestag am 09.Nov.2009
Als Westberlinerin kann ich mich natürlich an so manches erinnern, was die „Ostzone“ betrifft, denn „DDR“ durften wir in der Schule nicht sagen, sondern höchstens „die sogenannte DDR“. Schließlich sollten wir lernen, was eine wahre Demokratie ausmacht, und ein solides Grundverständnis dafür entwickeln nach allem, was das Dritte Reich angerichtet hatte. Denn der östliche, kommunistisch regierte Teil unseres Vaterlandes war ja tatsächlich eine Diktatur und alles andere als eine Deutsche Demokratische Republik. Mir fallen einige alte „DDR“ -Witze ein: Gehen zwei Stecknadeln in Ost-Berlin spazieren. Sie unterhalten sich über das „DDR“ -Regime und die eine fängt lauthals an zu schimpfen. Sagt die andere: „Psst … sei bloß still… hinter uns kommt eine Sicherheitsnadel“ … das heißt also: Vorsicht, Spitzel überall. Die Stasi (*) hat ein Heer von IMs (**), die freiwillig des Vorteils und der persönlichen Privilegien wegen oder auch gezwungener Maßen der Vermeidung von Karriereknick und anderen Nachteilen wegen als „Informanten“ Freunde, Verwandte und Kollegen bespitzeln. (*) Ministerium für Staatssicherheit – offiziell MfS genannt (**) Informelle „Mitarbeiter“ ++++++ Es gibt wenig zu kaufen… es fehlt für Otto-Normalverbraucher an vielem in der „DDR“ … der sogenannten…Wenn es sich wie ein Lauffeuer herumspricht, daß es irgendwo etwas Besonderes gibt - z.B. die heißbegehrten Bananen – dann sind urplötzlich alle Büros verwaist… alle sausen dorthin, um ein paar zu ergattern. Außerhalb der „Staatsgrenze“ übermittelt die staatliche Propaganda das natürlich ganz anders, während man im Inneren des Landes den Staatschef Wilhelm Pieck († 1960) sagen hört : „ In Kürze gibt es alles zu kaufen.“Kommt also ein altes Mütterchen zum Bahnhof, geht zum Schalter und sagt: „ Eine Fahrkarte nach Kürze bitte“. ++++++++++ „Haste schon mal Mielke(*)-Wurscht jejessen?“ fragt ein Ostberliner Arbeiter seinen Kumpel.„Nee, wat issen det ?“„Kannste ooch noch ja nich jejessen haben, det Schwein lebt ja noch.“ Und zum Schluß der schönste von allen:„Weeßte, worauf sich die DDR so richtig freut?“ fragt ein Ostberliner seinen Freund.„Na?“„Uff det Jahr, wo se 65 wird… da isse Rentnerin … da dürf se rüber innen Westen ..“ Gott sei Dank mußte die „DDR“ nicht erst 65 werden, sondern konnte schon mit 40 Jahren rüber, denn die verhaßte Mauer fiel wie ein Wunder „schon“ am 9.November 1989. Gedankensprung… (*) Erich Mielke: seine kriminelle Biographie siehe www.wikipedia.de . Er war Mitbegründer und über Jahrzehnte Chef der Stasi ******************** Ich komme mit einer deutschen Freundin 10.000 km weiter westlich heute ( 2009 ) über all dies ins Gespräch, während wir am Strand unter Palmen sitzend eine Happy-Hour-Piñacolada genießen … und bin doch einigermaßen erstaunt. Was bei uns als Westberlinern damals zum unbequemen Alltag gehörte, was wir in dieser Zeit erleben mußten, das haben unsere west- und süddeutschen Landsleute nur am Rande mitbekommen – wenn überhaupt. Ich erinnere mich und erzähle:1966 … meine Eltern fahren mit dem Auto auf einer ostdeutschen Transitstrecke von Westberlin nach Süddeutsch-land. Winter – ungeräumte Autobahn – unvorhersehbares Glatteis, denn für die „Klassenfeinde“ muß man keinen Winter-Service veranstalten, auch wenn die noch so viel Visa-Gebühren bezahlen – eben damit die Autobahn instand gehalten werden sollte. Wir haben keine Nachricht, keinen Anruf, sind unruhig … 24 Stunden später kommt ein Telefonat aus Bitterfeld durch: meine Mutter mit schwacher Stimme … mehrfache Unter-brechungen und Stimmengewirr aus der Leitung... dann Abbruch. Wir kriegen nur gerade noch die Information, daß das Auto totaler Schrott ist und die Mutter eine inzwischen genähte Kopfplatzwunde davon getragen hat. Von unserem Vater weiß sie gar nichts zu berichten. Es ginge ihm sehr schlecht. Man hätte sie noch nicht zu ihm gelassen… Verdammt … das klingt gar nicht gut … um Himmelswillen …wir befürchten das Schlimmste…Was dann abgeht, das kann man mit normalem Menschenverstand nicht begreifen. Wir als Westberliner dürfen nicht in die „DDR“ einreisen, außer zu zeitlich genau notierten und kontrollierten Transitzwecken. Diese Transitstrecken dürfen nicht verlassen werden. Alle Parkpätze und Ausfahrten sind strengstens bewacht von der „DDR“-Polizei, die sich Volkspolizei schimpft und „Vopo“ genannt wird. Das Ministerium, das Visa und Sonder-Visa ausstellt, ist aber in der „DDR“ und zwar in Ost-Berlin in der Straße „Unter den Linden“. Wir telefonieren und telefonieren, um zu erfahren, was wir tun können … tun müssen…denn wir wollen so schnell wie möglich nach Bitterfeld fahren und unsere Eltern sehen und mit dem Nötigsten versorgen. Wir müssen zum Notar und eine beglaubigte Vollmacht nebst beglaubigten Personalausweis-Kopien ausfertigen lassen. Mit diesen Unterlagen fährt ein gottseidank sofort bereiter westdeutscher Studienfreund nach Ostberlin und besorgt uns die „Spezial-Visa aus besonderem Grund“. Aber auch das geht erst einmal nicht reibungslos, denn das Ostberliner Amt läßt „Klassenfeinde“ grundsätzlich erst einmal warten und macht da keine einzige Ausnahme. Dann ruft man ohne jede Eile in Bitterfeld an - wieder mit mehrfacher Unterbrechung bis das Telefonat durch die maroden Leitungen endlich klappt – und fragt im Krankenhaus an, ob denn ein Kommen der Töchter samt einem Schwiegersohn überhaupt notwendig sei…. und das, wo jede Minute zählen kann, unseren Vater vielleicht doch noch lebend wiederzusehen. Wir bekommen nur 2 Visa: für mich und für meinen Verlobten, der am Steuer des Wagens sitzen soll, weil ich viel zu nervös bin zu fahren – noch dazu bei diesen Witterungsbedingungen. Es kostet also 2 volle Tage bis wir endlich mit dem Auto meiner Schwiegereltern nach Bitterfeld fahren können. Es herrscht noch immer hochgefährliches Glatteis. Wir sind viele Stunden unterwegs. Mit den Sonder-Visa werden wir von den Vopos allerdings wie VIPs behandelt. Man ist äußerst freundlich zu uns. Keiner schaut in unseren Kofferraum, den wir brechend voll geladen haben mit Medikamenten, aber auch mit all den in der „DDR“ so heiß begehrten Artikeln wie den gerade neu herausgebrachten, bügelfreien Nylonhemden und Strumpf-hosen, Kaffee, Schokolade, Obst, Kosmetikpräparate etc. Wir treffen unsere Mutter in zufriedenstellender Verfassung an … und unser Vater lebt …hat den lebensbedrohenden Nervenschock überstanden … … dem Himmel sei Dank ! Wir atmen tief durch, obwohl das schwer fällt bei dem widerlichen Formaldehyd- und Karbol-Geruch, der uns in dem Krankenhaus entgegen schlägt. Ganz heraus aus dem schweren Nervenschock ist unser Vater allerdings noch nicht, redet schnell und aufgeregt und fällt dann ermattet zurück in die Kissen. Bei einem derartigen lebensbedrohenden Zustand muß ein Patient normalerweise temporär in ein künstliches Koma versetzt werden. Warum das nicht stattfand? Ich weiß es bis heute nicht.Wir sehen ein, daß wir es bei einem Besuch von 5 Minuten und einem liebenvollen Streicheln über den Kopf bewenden lassen müssen. Er hat eine schwere und sehr komplizierte Unterschenkel-Fraktur davon getragen. Meine Mutter hatte die Kontrolle über den Wagen verloren und war bei diesem Glatteis auf die Gegenfahrbahn gerutscht :Leitplanken gibt es zu der Zeit noch fast nirgends auf der „DDR“-Autobahn. Der Fahrer des entgegen kommende LKW hatte geistesgegenwärtig abgedreht, um eine Frontalkollision zu vermeiden, die für unsere Eltern absolut tödlich geendet hätte. An der rechten Seite allerdings hat er den VW-Käfer doch noch erwischt, der sich dann überschlug. Wir übernachten in Bitterfeld in einem armseligen Gasthaus, in dem wir uns – obwohl bescheiden und zurückhaltend in Kleidung und Auftreten – wie Paradies-Vögel ausnehmen.Bitterfeld - Industrie-Gestank und schwarzer Schnee - ist mit Abstand die häßlichste und trostloseste Stadt, die man sich vorstellen kann. Jedenfalls damals in diesem Winter 1966.Einige unserer Kleidungsstücke müssen wir später weg-werfen, weil sich dieser Geruch nicht entfernen lassen will. Es ist kaum zu begreifen, wie man dort leben kann. Ich stelle mir vor, wie schwarz die Lungen dieser Einwohner aussehen müssen … Dieser „DDR“-Chemiestandort, dem als Energie-Quelle die billige und umweltverschmutzende Braunkohle dient, gilt damals zu Recht als die schmutzigste Stadt Europas mit verseuchtem Boden und verpesteter Luft. 1981 beschreibt Monika Maron diese an Trostlosigkeit kaum zu überbietende Gegend in ihrem Buch „Flugasche“.Heute soll Bitterfeld ja eine recht nette Stadt geworden sein: ein Vorzeigeprojekt mit sanierten Böden und sauberer Luft in einer durchaus attraktiven Seenlandschaft. Meine Freundin hört gebannt zu … und ich fahre fort zu erzählen, was sie bisher auch noch nicht weiß über unser damaliges Leben als “Insulaner im roten Meer“: Wir Westberliner brauchen wie alle Bundesbürger einen bundesdeutschen Reisepaß, wenn wir ins Ausland reisen wollen. Den aber müssen wir vor den Augen der „DDR“-Kontrolleure gut verstecken, wenn wir auf der Transitstrecke durch die „DDR“ fahren – sollten wir nicht lieber gleich von Berlin-Tegel oder Berlin-Tempelhof nach beispielsweise Frankfurt am Main fliegen, um dort auf internationale Reisen zu gehen. Warum? Laut Auffassung des „DDR“-Regimes ist Westberlin wie Ostberlin – also ganz Berlin - ein Teil der „DDR“. Unsere Berliner Personal-Ausweise gelten als „provisorische“ Dokumente, die alleinige Gültigkeit für Westberliner besitzen. Somit ist nach deren Rechtsverständnis der bundesdeutsche Reisepaß für Westberliner ein illegales Dokument, das sofort einzuziehen ist, sollte ein „DDR“ - Kontrolleur den Paß erspähen.Was Wunder also, daß uns manchmal schon recht bange ist, daß man über unsere Köpfe hinweg einen Deal aushandeln und Westberlin von der „DDR“ einverleibt werden könnte ?! Die Verhandlungen unserer bundesdeutschen Regierung mit dem „DDR“-Regime verfolgen wir deswegen verständlicher-weise mit allerhöchstem Mißtrauen. Erst als John F. Kennedy am 26.Juni 1963 – 2 Jahre nach dem Mauerbau - auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses die legendären Worte spricht: *Ich bin ein Berliner* … ja … da sagen wir uns: das ist einfach zu spektakulär… ein so intensives Bekenntnis zu uns Berlinern… der Satz geht um die Welt … jetzt kann uns der Westen nicht mehr fallen lassen…Wir fahren oft am Wochenende nach West- und Süd-deutschland, Österreich und in die Schweiz. Am Freitagabend der Stau raus aus Berlin, am Sonntagabend der Stau rein nach Berlin … meistens über Dreilinden, aber auch über Hof. Man muß in 4 verschiedene Baracken gehen und sich anstellen: eine für die genaue Angabe sämtlicher mitgeführter Devisen - eine für alle Wertgegenstände wie Pelze, Kameras, Elektrogeräte und dgl. – die dritte für den Umtausch 1:1 von D-Mark in Ostmark ( in Wirklichkeit aber wäre der Wert 1:4 !) – die vierte dann für Visa-Antrag und Gebühren.Für Allein-Reisende äußerst schwierig, während dieser Ansteherei in der Schlange nicht mit dem Auto vorrücken zu können. Mit mehreren Insassen im Fahrzeug ist immerhin eine Arbeitsteilung möglich, die dieses langweilige und langwierige Verfahren etwas abkürzen kann. Erst als die Bundesregierung die Visa-Zahlungen in großzügiger Pauschale übernimmt, werden die Personal-Dokumente mit einer Art Rohrpost befördert, so daß es doch ein wenig schneller geht. Die Untersuchungen der Autos durch die Vopos werden nach dem Mauerbau 1961 sehr schikanös. Handschuhfach öffnen, evtl. sogar ganz ausräumen, aussteigen, Hintersitzbank anheben – aber richtig schön hoch, denn der Vopo will sich nicht bücken - Kofferraum öffnen, evtl. auch ausräumen, wenn es geht: bei strömendem Regen, damit die Vopos ihren Spaß haben, uns klatschnaß zu sehen …Wichtig zu wissen: keine sichtbar im Auto herumliegenden „Westzeitungen“ oder „West-Journale“ !! … und auf keinen Fall irgendeine noch so harmlose Bemerkung fallen lassen, denn das kann als „volksverhetzende Machenschaften“ eingestuft werden und zieht entsprechende Schikane nach sich. Das alles steigert sich, wird immer schlimmer, denn es kommt zu vielen Fluchthilfe-Versuchen in eigens dafür umgebauten Fahrzeugen. Die Vopos stochern mit einem für alle Autotypen markierten Stab in den Tank, um die Original-Füllhöhe zu testen, so daß Fluchtversuche in einem doppelten Tankboden nicht mehr gelingen können. Mit einem Spiegel auf Rädern kontrollieren sie den Boden der Autos. Einer meiner Kommilitonen - Klaus, ein Westberliner - studiert mit uns an der Freien Universität in Westberlin, aber hat sich einen westdeutschen Paß besorgt, um ab und an seine Mutter in Ostberlin besuchen zu können. Beide verhelfen gemeinsam seinen zwei Geschwistern und einigen Freunden zur Flucht … … und fliegen auf. Sie haben sich von der Vopo nicht erwischen lassen. Die Polizei hat auch keinerlei Beweise, aber die Denunziation durch einen auf sie angesetzten IM oder auch nur durch einen Nachbarn reicht ja schon aus, um Menschen hinter Gitter zu bringen.Seine Mutter hält die Verhöre nicht durch: 3 Tage und 3 Nächte im kalten Wasser unter grellem Scheinwerferlicht, ohne Essen und Trinken und ohne Schlaf. Kurz vor ihrem Zusammenbruch präsentiert man ihr ein leckeres Frühstück auf dem Tablett: sie brauche ja „nur“ zu gestehen … und sie gesteht … bekommt mitnichten das Frühstück, sondern eine Gefängniszelle zugewiesen, die ihre Bleibe für einige Jahre sein wird. Noch bevor Klaus davon erfahren kann, zieht sich das Netz der Vopo auch um ihn zu. Ich sehe meinen Kommilitonen 5 Jahre später erst wieder: er startet bei uns auf der Uni erneut im ersten Semester, während wir gerade mitten im Staatsexamen sind. Verlorene Jahre … verlorene Lebenszeit … Er erzählt nichts. Man bringt auch mit vorsichtig anteil-nehmenden Fragen kein Sterbenswörtchen aus ihm heraus, wie es ihm denn in diesen Jahren im „DDR“-Gefängnis ergangen ist. Vielleicht rührt ja seine Schweigsamkeit daher, daß er zu den glücklichen Bundesbürgern gehört, die von der Bundesregierung frei gekauft worden sind und nicht reden dürfen. „Politische“ Gefangene werden wie Schwerst-verbrecher behandelt … das wissen wir … die Haftbe-dingungen sind mit „Verletzung der Menschenrechte und der Menschenwürde“ nur sehr sanft umschrieben.Er ist gezeichnet für sein Leben. Sein Trauma sitzt tief.
