Atemlos blieb er stehen. Tief sog er die frische Abendluft in seine Lungen. Das tägliche Laufen strengte ihn immer noch an, er hatte lange pausiert. Zu viel war passiert, er war aus der Lebensbahn geworfen worden. Sein Körper und seine Seele zerfressen, oft fühlte er sich wie ein Zombi.

Langsam kehrten sie zurück, die verloren gegangenen Lebensgeister. Er spürte sie mit jedem Schritt zurückkehren und sich vermehren. Er lief ihnen täglich entgegen.
Sein Blick schweifte über den See. Das Abendlicht spiegelte sich in seinen dunklen Augen und goldene Fünkchen verrieten Lust auf Leben. Streckte sein blasses Gesicht den letzten Sonnenstrahlen entgegen und genoss die menschenleere Natur.

In einiger Entfernung hörte er das fröhliche Schnattern der Enten und Frösche für ihr nächtliches Konzert proben. Überrascht nahm er diese Stimmen wahr, die sich in seine wunde Seele sangen. Er hatte sie ewig nicht mehr gehört.

Nicht weit entfernt stand seine Bank, auf der er früher so gerne ruhte. Lange hatte er dort nicht mehr pausiert und heute lockte sie ihn zur stillen Rast. Er straffte seine Schultern, richtete sich zur vollen Größe auf und lief los, zu ihr. Doch plötzlich blieb er stehen, starr und staunend.

Von der anderen Seite des Weges näherte sich ein märchenhaftes Gespann, das in der untergehenden Sonne wie Gold schimmerte.
Eine Zauberfee mit ihrem vierbeinigen Begleiter, wie aus einer Hand geschaffen. Das lange, leicht wellige Haar dieses Wesens und das Fell des Hundes wirkten im warmen Sonnenlicht wie gesponnenes Gold.

Er stand angewurzelt auf dem Weg und sah direkt in ein Märchenbuch, fühlte sich zurückversetzt in gläubige Kindertage.

Sie hielt sich eng neben ihrem Hund und beide steuerten die Bank an, seine Bank. Sie ließ sich nieder. Ihr langes Haar flirrte in Goldfäden über die alte Holzlehne. Der Hund legte sich zu ihren Füßen und schaute angespannt zu ihm herüber. Sie bemerkte die Unruhe ihres Beschützers und lauschte in seine Richtung.

Die Starre fiel von ihm ab. Immer noch ungläubig setzte er langsam einen Fuß vor den anderen, angezogen von ihrer Magie. Kurz bevor er die Bank erreichte, hörte er das Warnen des Hundes. Ein leises, doch beständiges Knurren aus goldener Kehle.

Sie drehte den Kopf in seine Richtung, schaute starr an ihm vorbei und sprach ihn an.

Er antwortete mit seiner samtenen, dunklen Stimme und das Knurren des Hundes verstummte urplötzlich.

Sie bot ihm Platz an – auf seiner Bank!

Er setzte sich zu ihr, vor ihnen ruhte entspannt der Hund. Unwirklich fühlte er sich. Spielte die Hauptrolle in einem Märchen und beobachtete sich dabei. Atmete den Duft dieses Wesen aus einer anderen Welt. Überirdisch schön saß sie neben ihm. Das Goldgespinst umschmeichelte ihre feinen Züge, ihre kleinen Nasenflügel flatterten leicht bei jedem Atemzug und die vollen ungeschminkten Lippen waren leicht geöffnet.

Sie schenkte ihm ein zauberhaftes Lächeln, als ob sie einander schon sehr vertrauten. Nur ihre dunkelgrünen Augen, die die Farbe des vor ihnen liegenden Sees hatten, lächelten nicht mit. Umrahmt von langen dunklen Wimpern, die auf ihrer milchigen Haut Schatten warfen, wirkten sie wie die Glasaugen einer Puppe.
Er suchte ihren Blick und fand ihn nicht. Konnte sie nicht bannen, nicht festhalten mit seinen Augen. Blitzartig überfiel ihn die Erkenntnis - sie war blind. Er hielt sekundenlang die Luft an und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.

Sie lächelte milde, suchte nach seiner Hand und hielt sie fest. Bat ihn zu erzählen. Von der Umgebung zu berichten, ihr die Enten zu beschreiben und alles, was er sehen konnte.
Sie saßen Hand in Hand, ihre Körper berührten sich. Vertraut und doch neugierig auf den Anderen, wie ein Liebespaar. Der Hund zu ihren Füßen lag lang ausgestreckt und lief im Traum um den stillen See.

Er begann zu erzählen, erst noch zögernd, dann fand er die Worte wie von selbst. Entdeckte durch sie, mit seinen Augen die Welt um sie herum neu. Er sah die kleinsten Insekten und Blümchen, Dinge an denen er sonst achtlos vorbeilief. Beschrieb bis ins kleinste Detail die Farben der Natur und das Licht der Abendsonne. Er sprach von sich, öffnete Schubladen und Türen, die seit langem verschlossen waren.

Sie revanchierte sich. Mit ihrer melodischen Stimme erzählte sie aus ihrer Welt. Von der Dunkelheit, und ihren besonderen Fähigkeiten. Sie schilderte ihm all die wundervollen Geräusche und Töne, Gerüche und Düfte ihrer Umgebung.

Sie fühlte mit ihren zarten Händen, tastete sein Gesicht und seinen Körper ab, und lernte ihn so genau kennen.
Andächtig saß er neben ihr, lauschte ihren Worten, die ihm das Tor zu ihrer Welt öffneten. Offenbarte unter ihren fühlenden Fingern seine Seele und wusste, sie waren für einander bestimmt.

Vorsichtig und sanft zog er sie an sich, küsste ihren bebenden Mund. Sie gab sich hin, öffnete die Lippen und sie tauschten einen langen, tiefen Kuss.
Dieser brach alle Barrieren und sie wurden eins.

Der einsame Läufer und die Zauberfee. Sie lernten voneinander, und gingen ihre vom Schicksal bestimmten Wege von nun an gemeinsam.

Der goldene Hund zu ihren Füßen brummte zufrieden im Traum.


Bildquelle Pixelio, Fotograf Fotograf Löwenzahn