Brautschau
Robert,das schüchterne Eichhornmännchen, hatte tagelang emsig im Park und Wald Nüsse und Eicheln als Vorräte für den nahenden, langen Winter zusammengetragen. Sicher brachte er alles in einer großen Baumhöhle unter, die noch zusätzlich eine kugelförmige, selbstgebaute Nestbehausung barg, auf die er besonders stolz war. Er hatte sie selbst entworfen, ein Eichhorntraum!-
Nun wollte er sich endlich ein Herz fassen und seinem langen Singledasein ein Ende bereiten! In der letzten Zeit wirkte er ziemlich nachdenklich und zerstreut .Überall wohin er schaute, gab es die Waldbewohner nur in trauter Zweisamkeit! Da schwammen zwei Enten auf dem kleinen Waldsee harmonisch nebeneinander und zogen eine lange, ruhige Wasserbahn. Gemeinsam liefen zwei Rehe aus dem Unterholz und auf der Waldlichtung tauchten vier verliebte Hasenlöffel auf. Selbst der Kuckuck, sein bester Freund, rief heute ständig zweimal hintereinander seinen eigenen Namen. Nur er „hing“ alleine rum! Das muß sich ab heute ändern, beschloß Robert mutig. Er hüpfte diesmal nicht von Ast zu Ast sonder besonders gerade unterhalb des Baumes in Richtung Waldesausgang. Die Sonne beschien seinen buschigen Schwanz und ihm wurde auf einmal sehr warm ums Eichhornherz. Robert erblickte SIE.-
„Dem Mutigen gehört die Welt“ dachte er und sprach die mit wiegenden Hüftgang Entgegenkommende höflich an.
„Ha ha hallooo, sch sch schönste a a aller F F F Füchsinnen, w i wi willst d d du mir d d dein Herz sch sch schenken? stotterte er vor Aufregung.
Und sein Gesicht lief rot an, wie bei einem Schuljungen, wenn er beim Abschreiben ertappt wird.
Ophelia Fuchs lachte schallend durch den Wald und ihre wunderschönen Augen verengten sich hochmütig.
„Was soll ich denn ausgerechnet mit dir armseligen Baumhüpfer beginnen?“ Was kannst du mir schon Großartiges bieten? Ich müßte tagelang in deiner engen Behausung rumhängen, die ja nicht einmal eine Alarmanlage besitzt, geschweige denn mehrere, unterirdische Gänge zu den Luxusräumen, wie ich sie besitze. Ja, ja, mein Home Palace hat einen Haupteingang und viele Nebeneingänge, die zu den einzelnen Gemächern führen, in denen ich relaxen kann und Fun habe. Gevatter Wolf rollte mir vorhin gerade zwei extra große, runde Steine in den Fitneßraum.“
Mit offenem Maul hörte der Eichhornmann sich das Geprahle an.
Ein bißchen enttäuscht hüpfte er weiter.
Was hatte er denn erwartet? Glück läßt sich eben nicht erzwingen und man findet es auch nicht gleich am ersten, besten Baum im Wald, sinnierte der Eichhornmann noch lange vor sich hin. So bemerkte er gar nicht, daß sich die Wetterlage verschlechtert hatte. Tiefschwarze Wolken
Verdunkelten den Himmel.
Nach weiteren 150 Metern wurde ihm dann doch angst und bange. Sturm kam auf und er beschloß umzukehren.
Ein ohrenbetäubendes Krachen ließ sich vernehmen, urplötzlicher Blitz und Donner.
Die größte Eiche des Waldes senkte sich brennend, krachend und knackend zu Boden. Er sah es mit eigenen, erschrockenen Eichhornaugen.
Neben sich hörte er ein Aufschreien, Wimmern und herzzerreißendes Schluchzen einer ihm wohlbekannten Stimme: „ Mein schönes Heim! Schau, wie der Blitz in die alte Eiche gefahren ist, er hat sie ganz entwurzelt und zerteilt! Ich habe nun kein eigenes Zuhause mehr! Was wird bloß aus mir?“
„Ich habe leider nicht den Luxus, um dich unterzubringen“, meinte Robert Eichhorn und ließ seine Traumfrau stehen.
© Wibke
Foto: privat
