Hallo Jürgen,
ich denke gerade an Dich.
Wie es ihm wohl geht?
Wie hat er Deuschland verkraftet?
Hat es ihn erschlagen?
Was fühlt er, nun wo er in seiner zweiten Heimat Venezuela ist?
Was ist in seinem Kopf vorgegangen, als er das erste Mal nach soviel Jahren mit den Schatten seiner Vergangenheit ebenso wie mit den Erinnerungen an schöne Zeiten längere Zeit zusammenleben mußte?
Wie hat er das verarbeitet?
Meine Gedanken mögen irren.
Aber sie fliegen.
Und ich möchte Dir von ihrem Flug erzählen.
Jürgen hat kleine narzißtische Züge. Ebenso wie ich.
Er ist ein Romantiker. Durch und durch.
Aber er ist auch Realist, der seine Ziele verwirklicht hat.
Genauso wie ich. Jürgen war nie ein schlechter Mensch, der anderen absichtlich schaden wollte.
Obwohl er aus der Perspektive einiger anderer schlecht war.
Das tut weh.
Aber deren Perspektive ist engstirnig.
Und bei längerem Nachdenken kann man sich in Ihre Sichtweise hineinversetzen, wenn man nur will. Und dann beginnt erst das Verstehen und - Verzeihen.
Dann beginnt die Liebe.
Auch das tut weh. Erkennen, daß man, ohne es zu wollen einige Leichen hinterlassen hat. Weil ja dies das letzte ist, was man wollte.
Wie sehr wünscht man sich, daß die anderen, die man liebte - oder noch liebt? - über einen selbst eben zu den gleichen Erkenntnissen kommen könnten.
Aber leider ist es meistens nicht so.
Und wenn wir auch darüber ein bißchen wehmütig aber verzeihend lächeln können, dann lieben wir wirklich.Wem das gelingt, der kann von sich sagen, er ist nicht engstirnig. Der hat eine Scholle erreicht, die wirklich stabil ist.
Denn die Liebe ist das einzige was trägt.
Aufgewachsen in einem sehr schönen Land, mit einer üblen Vergangenheit. Einer Kultur, die so viele Leute mit heren Gedanken prägte. In einer Zeit, in der die Schatten der Vergangenheit eigentlich nur durch Erzählungen der Eltern bekannt sind. Nie direkt bewußt erfahren wurden.
Lediglich ihre Ausläufer hat man ein bisschen gespürt. Die Nachdünung.
Aufgewachsen in einem Land, das so große Geister hervorgebracht hat wie Kant, Göthe, Schiller, Einstein bis hin zum Papst. Oder Nietzsche Böll, Graß und Brecht.
Und das so wunderbare Menschen hervorgebracht hat wie Marlene Dietrich, Zarah Leander, Curd Jürgens, Bach, Mozart, Reinhard May, Hans Albers, bis hin zu Freddy. Deine Lieben und meine Lieben.
Dich und mich.
Deutschland, das Land der Dichter und Denker.
Wir können stolz auf unsere Heimat sein. Auf unser Volk.
Und dies ist bei Gott nicht nationalistisch sondern liebevoll gemeint.
Es erfüllt mich mit tiefer Traurigkeit,, wenn ich sehe, was einige daraus gemacht haben. Was daraus geworden ist.
Und ich friere, wenn ich die Kälte, die Engstirnigkeit, den Materialismus in Begegnungen auf der Straße spüre. Aber ich weiß, es gibt einige darunter, die das alles überlebt haben. Die ihre Saat aussähen.
Hoffen wir, dass sie aufgeht.
Ich hab Dich gern.
Hans
