Brief in den Himmel

In Gedanken bin ich oft bei Dir. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, sehe ich Dich immer vor mir. Dein liebes Gesicht, mit vielen Falten durchzogen, Deine Augen, die schon viel Leid gesehen hatten und Deine Hände, die runzlig und doch so weich waren, wenn sie mich streichelten.
Wie stolz war ich immer, wenn ich es war, die Dir Dein langes, weißes Haar flechten durfte, welches Du dann kunstvoll zu einem Knoten zusammen stecktest. In der Sonne glitzerte es wie Silber.
Weißt Du noch, wie ich Dir immer die Schleife an Deiner Schürze binden durfte? Für mich war das etwas besonderes und mit meinen 4 Jahren gabst Du mir das Gefühl, dass keiner so schöne Schleifen binden konnte. Obwohl sie schief und krumm waren, hast Du sie nie verbessert. In meiner Erinnerung hast Du immer eine Schürze getragen. Am liebsten mochte ich die Schwarze , mit den vielen türkisblauen Blümchen drauf, weil dann Deine blauen Augen noch mehr leuchteten und einige waren nur für den Sonntag bestimmt, wenn wir spazieren gingen. Ich liebte die Spaziergänge mit Dir. Du zeigtest mir die Blumen und Tiere und oft saßen wir gemeinsam auf einer Wiese und banden aus Gänseblümchen Kränze, beobachteten Rehe am Waldrand oder sahen einfach nur den Wolken zu, wie sie sich veränderten oder Gestalt annahmen.
Oft legte ich meinen Kopf einfach in Deinen Schoß und hörte zu, wenn Du mir Geschichten von Früher erzählt hast und ich konnte mir oft nicht vorstellen, dass auch Du einmal ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen und Zahnlücken warst. Es war eine schwere Zeit damals für Dich und doch hast Du mir Deine Kindheit so erzählt, dass wir viel lachen mussten, über die Späße von damals.
Geliebt habe ich auch unser abendliches „Zu-bett-bringen“. Wir kuschelten uns zusammen und Du erzähltest mir wundervolle Märchen und Sagen, so realistisch, dass ich oft in eine andere Welt versank.
Du warst immer für mich da, mit meinen kleinen Sorgen und Nöten konnte ich immer zu Dir kommen. Du hast mich getröstet, wenn ich wieder einmal mit den Rollschuhen gestürzt war, oder ich nicht, wie die Großen, mit einer Hand Fahrrad fahren konnte. Du hast mir zugehört, mich in den Arm genommen und ich fühlte mich bei Dir beschützt und geborgen.
Ich werde mir große Mühe geben müssen, damit ich einmal für meine Enkelkinder so eine Großmutter werde, wie Du es für mich warst, denn eine Bessere ist mir bis jetzt nicht begegnet. Ich bin sehr traurig, dass ich Dich nicht mehr habe. Du fehlst mir!