Zu der Psychaterin, zu der mich meine Frau gebracht hatte,
entwickelte ich von vornherein Vertauen, sie erschien mir
fachlich kompetent und intellektuell, außerdem hatte ich ein Urgfühl, dass mich eine Frau besser therapieren könne als ein Mann, wahrscheinlich begründet in dem gestörten Verhältnis zu meinem Vater. Leider eröffnete sie mir nach einigen Wochen, dass sie mir keine länger dauernde Therapie anbieten könne, da noch unzählige Patienten auf ihrer Warteliste ständen, zum Teil mit schweren Psychosen und Schizosphrenien, sie hätte sehr viel zu tun. Das ist in der Psychotherapie wirklich der Fall, zum Teil bestehen Wartezeiten bis zu einem halben Jahr bis man eine Therapie machen kann. Wenn ein Patient diese abbricht wird ihm gesagt, bitte schön, nach ihnen warten noch 50 Leute, eine für mich erschreckende Situation, die zeigt, dass wir es hier mit einem Bedarf in der gesamten Bevölkerung
zu tun haben. Sie könne mich nur an einen Kollegen überweisen, der noch Termine frei hätte, ich willigte gezwungenermaßen ein. Dieser Mann war wirklich sehr freundlich, angagiert und aufmerksam, er konnte mir aber nicht helfen, da er nicht in die Tiefe meiner Seele vordringen konnte, die Therapeuten nennen es das richtige "andocken" Er beantragte für mich jedoch eine Reha-Maßnahme, die ich dann auch bewilligt bekam und auch antrat. Sechs Wochen war ich dann in Bad Oeynhausen, sechs Wochen ohne Fernseher, keinen Schluck Alkohol, keine körperliche Nähe, von morgens bis abends Gruppentherapie, Einzeltherapie, Ergotherapie, Gestaltungstherapie, Entspannungstherapie. Ich habe diese sechs Wochen durchgehalten, viele meiner Mitpatienten brachen vorzeitig ab, viele, auch Männer, habe ich bitterlich weinen sehen, weil die Therapeuten sie an ihrem "wunden Punkt", meistens eine traumatische Begebenheit in der Kindheit, getroffen hatten. Nach dieser Zeit kam ich völlig überdreht wieder nach Hause, uns wurde beigebracht, Egoismus und Selbstschutz zu entwickeln. Meine Familie und "Freunde" erkannten mich von meinem Auftreten her nicht wieder, sie waren erschrocken. Das Wort Freunde habe ich bewußt in Gänsefüsschen gesetzt, weil sich einer nach dem anderen von mir abwandte. Die Krankheit ist nicht zu vergleichen mit einem Gipsbein, auf den jeder seinen Namen kritzelt, diese Krankheit können die wenigsten begreifen, und deshalb ziehen sie sich lieber zurück. Ich habe Leute getroffen, die nach dem obligatorischen "wie geht`s" nichts mehr zu sagen wußten. Ich nehme es aber keinem übel.
Im März 2007 kam ich an eine private Therapeutin in Hamburg, sie hatte den bisher größten Einfluß auf mich und
konnte wieder ungeheure Energien bei mir mobilisieren,
allerdings hatte sie keine Kassenzulassung und ich mußte sie
aus privaten Mitteln bezahlen. Alles in allem gestehe ich
gern ein, dass es sich gelohnt hat. Allein durch die
Aufarbeitung meiner traumatischen Kindheitserlebnisse hatte
ich ein großes Gefühl der Befreiung und der Anerkennung.
Heute bin ich im Vorruhestand und immer noch nicht über den
Berg, das dauert auch noch, vielleicht bis ans Lebensende.
Ich habe aber auch schon sehr gute Tage mit viel Energie und
Erfolgen, aber auch noch herbe Rückschläge, daran muß ich
jeden Tag, jede Stunde arbeiten, Stagnation ist Rückschritt.

Schlußwort:
Nach der Veröffentlichung des vierten Teils meines Artikels
hatte ich das Gefühl, das bei einigen Platinern die
Schmerzgrenze erreicht war, jedenfalls habe ich das den
Zuschriften entnommen. An dieser Stelle möchte ich mich über
die Zuschriften bei allen bedanken, auch wenn Kritik dabei ist, ich freue mich über jede einzelne. Dieser Artikel ist
aber kein Rosamunde-Pilcher-Roman, ich habe diesen Zustand
so real beschrieben, wie er nun mal ist. Natürlich gab es
in dieser Zeit auch sehr schöne Momente, ich denke noch gern
an unsere fast familiäre Gruppengemeinschaft während der
Reha zurück, auch an Ausflüge am Wochenende nach Hameln und
in die nähere Umgebung. Stolz bin ich auch auf meine Familie, die bis heute wegen meiner Krankheit nicht zerbrochen ist sondern eher weiter zusammenwächst, es ist
aber ein immenser Lernprozeß - für alle. Aufmerksam machen
will ich weiterhin auf dieses immer größer werdende Problem
in unserer Gesellschaft und es ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir müssen viel mehr Verständnis füreinander
entwickeln lernen, raus aus der Isolation unseres Alltäglichen, sich die Probleme des anderen auch mal anhören, vielleicht können wir so der Party- und Konsumgesellschaft und ihrem Materialismus entgegenwirken.
Auch die medizinische Versorgung ist bei uns absolut
unzureichend, ich habe dafür Beispiele genannt.
Ich wünsche allen ein schönes und gesundes Weihnachtsfest
2007 und für das Jahr 2008 das Allerbeste.

Hermann