„Hallo, ich störe gewiss bei der Arbeit. Wie ich hörte, machen sie ungewöhnliche Fotos! Ich bin ein ungewöhnlicher Mann und deshalb brauche ich auch ungewöhnlich schnell einen Termin!“
Humor hatte der Mann am anderen Ende der Leitung. Auch Selbstbewusstsein klang deutlich aus der Stimme. So viel Ungewöhnliches auf einen Haufen reichte, um drei Stunden später zum Termin erscheinen zu dürfen.
Die Tatsache, dass Modelle meist gut aussahen, bewahrte sie nicht davor, ihn augenblicklich in die obere Schublade zu räumen. Bei dem musste sie nicht die Schokoladenseite suchen, der war Schoko pur! Er schleppte eine Reisetasche mit sich, aus der mehrere, wohl eilig hineingeworfene Kleidungstücke ragten.
„Ich habe was für jede Gelegenheit mitgebracht, “ erklärte er und stellte die Tasche ab.
„Ich habe auch noch jede Menge Klamotten im Fundus, da kann ich vom Banker bis zum Robinson alles aus einem Model machen, “ erklärte sie und kramte im Schrank, um ihre Bewunderung zu verbergen. Wenn das kein nettes Kerlchen war, hatte sie nie in ihrem Leben eines gesehen! Sie zwang sich, ihn wie jeden anderen Menschen, den sie fotografieren sollte, zu behandeln.
„Bewerbungsfotos sollen es wohl nicht sein, wenn sie schon andere Kleidung mitbringen. Lassen sie mich raten…Agentur W.?“
„Die kenne ich leider nicht! Ich möchte die Bilder für mich privat. Ich bin Callboy und brauche die Fotos für meine Homepage.“
Sie schluckte und fragte entgeistert „Callboy???“
„Ja, das sind Männer, die..“
„Ich weiß, was ein Callboy ist! Wie kommt ein Mann wie sie auf solche Idee?“
„Durch die Berufsberatung in der Schule!“
Sie prustete los. Irgendjemand hatte ihm wohl von ihrer Vorliebe für schrägen Humor erzählt. Lachend erinnerte sie sich
„Mein Berufsberater hatte keine so tollen Vorschläge für mich. Er hielt gleich einen medizinischen Beruf für geeignet. Ich wäre jetzt fast darauf reingefallen!“
„Er hat den Beruf nicht genannt. Er sagte generell, man müsse bedenken, dass der Beruf einen großen Teil des Lebens beanspruche. Freude und Talent für eine Tätigkeit würde den Erfolg schon fast garantieren. Da alles in diesem Bereich genau auf mich zutrifft…..“
„Haben nicht alle Männer in diesem Bereich Freude und Talent?“
Nun lachte er lauthals und zeigte dabei zwei Reihen schneeweißer Beißerchen ohne jede Füllung.
„Wäre das der Fall, hätte ich mehr Freizeit!“
„Aha! Woran hapert es denn bei den Männern, für die sie in die Bresche springen müssen? Mangelndes Durchhaltevermögen?“
„Nein! Das rätst du doch nie, “ wurde er vertraulich und fügte sofort hinzu „Ich darf doch du sagen? Schließlich muss ich mich ja vor dir um- und ausziehen, das kann ich doch nicht vor einer Frau tun, die ich sieze!“
„Kein Problem, wenn ich bei der Arbeit bin, rutscht mir eh das du heraus, “ gab sie zu und ging langsam um ihn herum.
„Aha, Fleischbeschau im Schlachthof! Ich werde bestehen! “ Grinsend ließ er die Prozedur über sich ergehen.
„Nur keine Bange, manchmal überlebt ein Ochse, “ meinte sie todernst und fragte sich, ob man auf den Schultern seines Selbstbewusstseins wohl die Himmelspforte sehen könne.
„Ich bin Stier, “ stellte er grinsend klar.
„Toll, ich bin Jungfrau, “ gab sie zurück und nahm ihm so den Wind aus den Segeln.
„Machst du mal auf?“ bat sie und reichte ihm eine Flasche Prosecco
„Brauchst du das zur Beruhigung? Hast du Angst, dass du die Bilder verwackelst?“ Er sah von seinen 195 cm strahlend lächelnd die 30 cm zu ihr herunter.
Der Bengel hatte nicht mal das Alter ihrer Kinder. Wollte er mit ihr spielen? Jedenfalls sah es so aus, als versuche er, neuen Wind zu bekommen.
„Das Zeug gibt es eigentlich nur, damit die Modelle lockerer werden. Du wirst sehen, dass es Arbeit ist, für beide Seiten. Ich werde ständig an dir herum zupfen müssen und unter den Scheinwerfern wird es recht heiß, “ warnte sie ihn.
„ Ich wurde schon öfter von Frauen angefasst, da war es auch oft heiß“ grinste er, überreichte das gefüllte Glas und prostete ihr zu.
„Ich mache übrigens keine Pornofotos, “ erklärte sie.
„Ich will keine Bilder, die beweisen, welche Stellungen ich beherrsche! Ich will Bilder, die beweisen, dass ich in der Oper, auf der Tanzfläche, beim Sport und sonst wo so gut rüberkomme, dass Frau sich nicht mit mir blamiert! Ich denke, ein Badehosenfoto wird reichen. Man darf die weibliche Neugier nie zu früh ganz befriedigen, “ erklärte er und legte den Kopf leicht schief.
Diese Pose hatte er doch vor dem Spiegel geübt! Einem Dackel, der so guckte, konnte man kein Leckerchen abschlagen und auch ihr war klar, dass sie seinen Wunsch nach dem Badehosenfoto erfüllen würde…war ja schließlich auch nichts dabei…hoffte sie.
„Stimmt es eigentlich, dass Fotografen mit ihren Modellen schlafen, “ fragte er beiläufig und sah ihr dabei bis in ihre Gedanken. Wie ertappt spürte sie, dass eine Hitzewelle ihr Gesicht flutete.
„Vielleicht. Ich trenne Arbeit und Vergnügen, “ warf sie möglichst lässig in den Raum.
„Immerhin räumst du ein, dass es ein Vergnügen wäre, “ wisperte er viel zu nahe an ihrem Ohr und fügte völlig überflüssigerweise noch hinzu, dass die Röte ihrem Gesicht etwas Jungmädchenhaftes gäbe. Sein Kompliment erreichte das Gegenteil von dem, was er bezweckte.
„Wenn ich ein Kind will, lasse ich mir eines machen! Ich habe aber schon drei davon, “ stellte sie klar und bemühte sich um ein spöttisches Grinsen.
„Du hältst Alter doch nicht etwa für eine Sache des Kalenders? Ich könnte dir in fünf Minuten beweisen, dass ich ein Mann bin, wetten?“
„Ich werde dir in fünf Stunden beweisen, dass ich Fotografin bin, wetten?“
„Ist eine Fotografin keine Frau?“
„Wenn sie klug ist, wird sie während der Arbeit zum Neutrum…wie ein Gynäkologe. Wenn der immer Mann wäre…oh weh!“
„Ein Neutrum! Hmm, damit habe ich noch keine Erfahrungen sammeln können, “ sagte er wieder mit dieser leisen, vibrierenden Stimme viel zu nahe neben ihr.
„Nur mit einem Neutrum nicht? Mit Männern schon?“ Erstaunt sah sie ihn an und erhielt nur ein Grinsen als Antwort. Sie riss sich zusammen.
„Da du jetzt noch den Drei-Tage-Bart hast, fangen wir mit den lässigen Klamotten an, “ bestimmte sie und wies auf Jeans und Pulli. Völlig ungeniert zog er sich um, was für einen Mann, der eine Badehose trägt, auch kein Problem sein sollte. Die Art, wie er es tat, hatte aber etwas ungemein Aufreizendes an sich. Urplötzlich ahnte sie, was Männer in Strip-Lokale zog….und Frauen zu den California Dreamboys.
Eine Stunde später räkelte er sich lässig mit Lederhose und freiem Oberkörper an der bastbespannten Wand des Studios.
„Na los, sieh mich an, zeig` den Frauen auf den Bildern, was sie in Natura erwartet! Vernasch sie schon per Bild, “ lockte sie. Sofort umspielte ein kaum sichtbares Lächeln seinen Mund, die Augen schienen einen Ton dunkler zu werden und bekamen wieder diese kleinen, sprühenden Funken. Langsam beugte er sich immer weiter zur Kamera.
Sie bemühte sich sehr, nicht den Gesichtsausdruck zu bekommen, den sie von ihm forderte. Langsam pirschte er auf allen Vieren zu ihr, griff dann aber nur zu den Gläsern, um sie neu zu füllen.
„Deine Hand zittert doch nicht? Wäre schade um die Bilder, “ wisperte er und berührte absichtlich ihre Hand als er das Glas überreichte.
„Die Kamera steht auf einem Stativ, Licht, Blende und Verschlusszeiten stimmen und ich halte einen Drahtauslöser in der Hand. Hier ist also alles klar. Erzähl mir lieber, warum du keinen gescheiten Beruf gewählt hast!“
„Keinen gescheiten Beruf? Du meinst, ich solle ein ehrbarer Jurist werden und die Gesetze zu meinen Gunsten oder zu denen meines mordenden Klienten auslegen? Banker werden, der seine Kunden durch fiese Geschäfte um ihr sauer verdientes Geld bringt? Ich könnte auch in einen Orden eintreten und Kinder schänden. Es gibt ja so viele ehrbare Möglichkeiten! Politiker wäre auch nicht schlecht…die weiblichen Stimmen hätte ich, egal, was ich täte!“
„Du könntest Maurer, Klempner, Schlosser oder Schmied werden….“
„Soll ich diese Hände mit Hornhaut und Schwielen versauen? Wäre das nicht sündiger als ein Leben als Callboy? Kann Liebe überhaupt Sünde sein?“ Langsam streichelten seine Hände an der Innenseite ihrer fast nackten Arme hoch.
„Nicht so sündig, wie mein Knie in deinem Firmenkapital, was leicht durch Reflexe ausgelöst werden kann, “ strahlte sie mit einem Blick aus dem er nicht lesen konnte, ob es Scherz oder Warnung war.
„Sorry, “ griente er, nahm seine Hände zurück, sah sie aber immer noch auf diese Art an, die ihr einen Schauer über den Rücken laufen ließ.
Während sie die ersten Bilder sichtete, rasierte er sich zum Gentleman. Auch mit geordnetem Haar und dunklem Anzug sah er blendend aus.
„Warum nimmst du die Bilder nicht und schickst sie zu einer Agentur? Du hättest gute Chancen!“
„Das ist mir klar! Leider gefällt mir das, was ich jetzt mache, besser als hin und her zu laufen. Außerdem gibt’s da zu viele gute Leute und ich bekäme keinen Stundenlohn von 300 Euro.“
„300? Na, dann kommst du ja fast an meinen Stundenlohn ran, “ bemerkte sie wie beiläufig und drückte schnell auf den Auslöser, weil sein Gesichtsausdruck gerade zu komisch war. Sie kontrollierte das Bild auf dem Display.
„Endlich ein Foto, auf dem du echt blöd aussiehst, “ freute sie sich und hielt ihm die Kamera hin.
„Toll! Das Bild kommt auf die HP, wenn ich keinen Bock auf Arbeit habe, “ gab er zu, kniff ihr nicht zu fest in den Oberarm und flüsterte
„Kleines Biest!“
„Ach wo! Das gehört zum Job! Ich muss doch eine möglichst große Bandbreite von Gesichtsausdrücken liefern. Weinend bekomme ich dich, wenn du meine Rechnung siehst, “ prophezeite sie und schaltete die Scheinwerfer aus.
