Christwerden - wie geht das?
Eine Predigtvon
Ernstheinrich Meyer-Stiens, Prädikant
in der Zionskirche zu Worpswede
über Markus-Ev.16,15-16
- ausgezeichnet mit dem Predigtpreis 2001
von dem 'Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG'-
Christwerden - wie geht das?
Anders gefragt: Menschwerden, Erwachsenwerden, wie soll das gehen? Antwort: Christwerden wie Erwachsenwerden - das geht nur durch Tun, denn das Gehen wird nur durch Tun gelernt. In der Tat: das Gehen ist ein Geschehen, ein Vorgang, ein Prozeß.
Jedes gesunde Kind lernt nur Laufen und Gehen, wenn es von der Hand der Mutter sich löst und allein losgeht: "Nun geh!", heißt es dann. Nur so wird man erwachsen und kommt weiter.
Das gilt genau so für alle Christinnen und Christen, die im Christwerden weiterkommen wollen - ob in Worpswede oder sonstwo auf der Welt. Wer sich dazu entschließt, der muß sich heute morgen dies von Jesus sagen lassen: "Geht hin in alle Welt und sagt weiter, was ihr glaubt! Verkündigt die Heilsbotschaft von Gott der ganzen Schöpfung! Wer zum Glauben findet und sich taufen läßt, soll gerettet werden. Wer aber nicht glaubt, soll dem Gericht verfallen."
Diese Erklärung von Jesus läßt ja an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Hier geht's nicht um leere Worte, sondern das Wort von Jesus verlangt von uns eine Antwort. Jesus macht uns verantwortlich für unser Tun und Lassen. Die Taufe hat doch bei mir Konsequenzen:
1. Konsequenz: Über den Tod von Jesus hinaus müssen wir - sobald wir reden können - Gott darauf Antwort geben, ob wir sein Angebot annehmen, nämlich ob wir "sein eigen sein" wollen und ob wir glauben, daß wir als seine eigenen Kinder eine "unantastbare Würde" haben.
2. Konsequenz: Von dieser "tollen" Heilsbotschaft, die uns von niemandem sonst als nur von Gott allein abhängig macht, von dieser Heilsbotschaft sollen wir weitererzählen. Da gibt es nichts zu verschweigen, wenn du das Ziel "Christwerden" erreichen willst. Denn Jesus sagt unmißverständlich: "Wer diese meine Rede hört, und tut sie - der ist mit einem klugen Menschen zu vergleichen."
Die 3. Konsequenz bedeutet Aufbruch zu neuen Wegen in dieser unserer Welt. Bereit sein zur Veränderung, entschlossen alte Standpunkte zu verlassen - das erwartet Jesus von uns. Immer wenn Jesus zur Nachfolge aufrief, dann bedeutet das auch heute noch: Nicht stehen bleiben bei alten Gewohnheiten und liebgewordenen Vorstellungen. Wenn die Sache mit Gott klappen soll, heißt das: Sich aus der Masse lösen, losgehen und Veränderungen auf sich nehmen.....
Genau das meinte Martin Luther mit "semper reformanda", d.h. auf deutsch: Du höchstpersönlich, wie auch die Kirche müssen sich ständig verändern, zu einer fortgehenden endlosen Reformation bereit sein, wenn wir nicht verkrusten und verkalken wollen. Ein lebendiger Glaube muß wie das Wasser eines Sees ständig in Bewegung sein, sonst wirds Brackwasser, fauliges, ungenießbares Wasser.
Liebe Gemeinde, da muß sich bei uns etwas bewegen. Der alte Schlendrian oder die Resignation mit einer "Da-läßt-sich-nichts-machen-"Haltung ändert ja nichts.
Vor einiger Zeit las uns im Worpsweder Rathaus die wohl bedeutendste Dichterin der Gegenwart, Hilde Domin, ein Gedicht vor, dessen Beginn unsere hier heute morgen zu verhandelnde Sache auf den Punkt bringt: "Man muß weggehen können. ..." Dieses Weggehen-können nimmt eigentlich das Wort von Jesus auf: "Geht hin in alle Welt! Laßt euch als Botschafter Christi senden!"
Es heißt ja eben nicht: Bleibt sitzen! Auch nicht: Macht's Euch bequem und laßt euch in der Kirche im wohligen Stallmief bedienen und füttern wie jene Gänse, von denen ein so kluger Religionsphilosoph wie Sören Kierkegaard erzählt, erzählt mit Ironie und tieferer Bedeutung:
"Die Christen leben wie Gänse auf einem Hof. An jedem siebten Tag wird eine Parade abgehalten, und der beredsamste Gänserich steht auf einem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten, und lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab.
Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den beredten Gänserich.
Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht: Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut und der Hof ist sicher."
Liebe Gemeinde, gleichen wir nicht weithin diesen flügellahmen Gänsen? Es ist doch wohl so: Vielen Gemeinden gelingt der Schritt von der Sammlung zur Sendung nicht. Sie erwerben keine missionarische Kompetenz und Sendungstüchtigkeit. Sie gleichen Gänsen, die eigentlich zum Fliegen berufen sind. Aber weil sie ihre "Gaben-Flügel" nicht entfalten, weil sie ihre verschiedenen Begabungen, die auch andere zum Mitmachen beflügeln, nicht trainieren, bleiben sie fluguntüchtig.
Der selbstkritische lutherische Christ Kierkegaard aus Kopenhagen weist treffsicher mit seiner Gänse-Geschichte nach, daß "etwas faul ist im Staate Dänemark" und nicht nur dort! Auch in Deutschland, wo viel zu viele Zeitgenossen die Kirche in erster Linie als Dienstleistungsbetrieb ansehen. Da soll ich bedient werden nach rneinen persönlichen Wünschen und Bedürfnissen. Da erwarte ich wie alle "Vierrad-Christen,"die mit dem Auto zur Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung kommen, einen Service für feierliche "events". Dazu lassen sich wackere, häusliche, unbescholtene Leute bedienen mit einer Predigt, die möglichst nicht unter die Haut gehen darf, sondern wo einen die Dienstleiter - sprich Pastoren - mit dem füttern, "wonach einem die Ohren jucken". So O-Ton Martin Luther.
Nicht nur Luther und Kierkegaard, immer wieder haben kritische Theologen von Augustinus bis Heinz Zahrnt vor einem Christentum im Sitzen gewarnt. Wenn wir ein Christentum im Sitzen kultivieren, dann laufen wir Gefahr, mit einer unverbindlichen Beliebigkeit uns wie flügellahme, satte Gänse zu verhalten, die sich ganz beliebig nach dem Motto bedienen lassen mit: Wie hätten Sie's denn gern?
Aber hat Jesus diese Kirche gewollt? Wenn Kirche nach allen Seiten so flüssig im "mainstream" des augenblicklich herrschenden Zeitgeistes mitschwimmt und allen möglichen Meinungsgruppen so flüssig nach dem Munde redet - um bloß keine Kundschaft zu verlieren, dann ist sie sehr bald überflüssig. Eine Kirche, die nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht.
Wer der Kirche angehört, muß wissen, daß er und sie vor Gott und den Menschen verantwortlich leben müssen und daß es in bestimmten Lebensfragen Grenzen gibt - keine offenen Grenzen - sondern klare Grenzen, die uns die Gebote Gottes setzen, über die wir uns nicht hinwegsetzen dürfen. Ohne Wenn und Aber heißt es z. B. bei der aktiven Sterbehilfe und Euthanasie klar und eindeutig bei Gottes Gebot: "Du sollst nicht ... !" Also: "Du sollst nicht töten!"
Weder Gott noch Jesus reden uns im Konjunktiv an mit: könnte, würde, hätte, möchte .... Sondern da wird im lmperativ, in der Befehlsform gesprochen: "Du sollst...". So auch bei Jesus: "Geht hin! Verkündigt die Heilsbotschaft der gesamten Schöpfung!" In der Sprache der Theologen heißt das "Missionsbefehl". Liebe Gemeinde, dafür ist Gott doch Gott, dafür ist Jesus Christus der Herr der Kirche, dafür weht der Heilige Geist ungehindert dort, wo er will und nicht, wo wir das wollen. Dafür gibt es die Dreifaltigkeit - Gottvater - Sohn Christus und Heiliger Geist -, daß die Dreifaltigkeit uns nicht danach fragt, ob sie in die Geschichte eines Volkes eingreifen darf. Gott hat eine Menge Wege, sich zu Wort zu melden.
Da ist es doch ein primitiver Trugschluß, wenn jemand sagt: "Weil ich die Trinität von Gott-Christus und Geist nicht kapiere, gibt es sie nicht. Weil ich nicht an Gott glaube, deswegen hat er auch kein Recht, sich zu melden!" Und eines Tages meldet er sich. Das ist eine der vielen Funktionen, die das Gericht im Leben der Völker hat. Weder die Gottlosigkeit der Nazis noch der Kommunisten haben Gott zum Schweigen bringen können, haben die Kirche vernichten können. Da ist gerade dann die Kirche nötig, die Menschen gegenseitig davor zu bewahren, in Fanatismus und Rechthaberei zu verfallen. Denn: In einer richtigen Gemeinschaft von wissenschaftlich ausgebildeten Theologen und Pastoren und dazu den aktiven Laien muß es eine von Menschen organisierte Kirche geben, die das Christwerden mit heiliger Nüchternheit und einen gläubigen Realismus begleitet. Wo alle sich darin einig sind, ihr Denken und Handeln nach dem Wort Jesu zu orientieren, da ist wahre Kirche. Eine Kirche ohne Glauben an den gegenwärtigen Christus richtet sich selbst, wenn sie diesen Glauben nicht in helfende Liebe und in verwegene Hoffnung umsetzt. Nur dort bleibt die Kirche lebendig, wo sie "Früchte" hervorbringt, Früchte, an denen man - wie Christus sagt, - ihn selbst erkennen kann. Wir richten uns daher selbst, wenn wir uns hier verweigern. Sensationell ist dabei, wie diese so menschlich - allzumenschlich organisierte Kirche existiert:
Was keine gut gehende Firma, keine Behörde, kein Berufsverband und keine Partei sich erlauben kann, das riskiert Jesus. Er erlaubt es sich, unfähige, oft untaugliche, unwürdige Leute als seine Mitarbeiter zu engagieren. Weder gute Zeugnisse noch Altersbegrenzung; weder Titel noch die Hautfarbe spielen bei Jesus eine Rolle, wenn der Missionsbefehl lautet, "Geht hin in alle Welt und verkündigt die Heilsbotschaft der ganzen Schöpfung!" Und das gilt für alle Christenmenschen, die begriffen haben, daß sie nicht im eigenen Namen der ungläubigen, nicht sehenden Welt die Augen öffnen sollen, die Augen öffnen dafür, was für Inhalte die Heilsbotschaft zur Orientierung von oben her für das Leben ganz unten gewährt.
Wenn wir alle uns so als Gottes Boten bewähren wollen, dürfen wir bei der Weitergabe der biblischen Botschaft uns nicht ganz so dumm anstellen. Christen und Christinnen müssen, wenn sie Ostern hinter sich haben, von Karfreitag und Ostern, den höchsten christlichen Feiertagen, etwas mehr wissen als den Tünkram von Osterhasen und Ostereiern. Ich muß doch in unserer deutschen religiös ausgehungerten Öffentlichkeit schlichtweg wissen, was ich glaube und was ich nicht glaube.
Gerade heute, wo so viele ahnungslos und orientierungslos sind und dennoch insgeheim danach hungern, von uns klare Auskunft über den Glauben zu bekommen, da ist entscheidend wichtig, der Welt zu zeigen, auf welcher Grundlage unser Glaube beruht.
Für das Weitergeben der Heilsbotschaft, zu der uns alle der auferstandene Jesus Christus mit Wort und Tat beauftragt hat, gibt's in der Welt Grund genug.
Anders gefragt: Menschwerden, Erwachsenwerden, wie soll das gehen? Antwort: Christwerden wie Erwachsenwerden - das geht nur durch Tun, denn das Gehen wird nur durch Tun gelernt. In der Tat: das Gehen ist ein Geschehen, ein Vorgang, ein Prozeß.
Jedes gesunde Kind lernt nur Laufen und Gehen, wenn es von der Hand der Mutter sich löst und allein losgeht: "Nun geh!", heißt es dann. Nur so wird man erwachsen und kommt weiter.
Das gilt genau so für alle Christinnen und Christen, die im Christwerden weiterkommen wollen - ob in Worpswede oder sonstwo auf der Welt. Wer sich dazu entschließt, der muß sich heute morgen dies von Jesus sagen lassen: "Geht hin in alle Welt und sagt weiter, was ihr glaubt! Verkündigt die Heilsbotschaft von Gott der ganzen Schöpfung! Wer zum Glauben findet und sich taufen läßt, soll gerettet werden. Wer aber nicht glaubt, soll dem Gericht verfallen."
Diese Erklärung von Jesus läßt ja an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Hier geht's nicht um leere Worte, sondern das Wort von Jesus verlangt von uns eine Antwort. Jesus macht uns verantwortlich für unser Tun und Lassen. Die Taufe hat doch bei mir Konsequenzen:
1. Konsequenz: Über den Tod von Jesus hinaus müssen wir - sobald wir reden können - Gott darauf Antwort geben, ob wir sein Angebot annehmen, nämlich ob wir "sein eigen sein" wollen und ob wir glauben, daß wir als seine eigenen Kinder eine "unantastbare Würde" haben.
2. Konsequenz: Von dieser "tollen" Heilsbotschaft, die uns von niemandem sonst als nur von Gott allein abhängig macht, von dieser Heilsbotschaft sollen wir weitererzählen. Da gibt es nichts zu verschweigen, wenn du das Ziel "Christwerden" erreichen willst. Denn Jesus sagt unmißverständlich: "Wer diese meine Rede hört, und tut sie - der ist mit einem klugen Menschen zu vergleichen."
Die 3. Konsequenz bedeutet Aufbruch zu neuen Wegen in dieser unserer Welt. Bereit sein zur Veränderung, entschlossen alte Standpunkte zu verlassen - das erwartet Jesus von uns. Immer wenn Jesus zur Nachfolge aufrief, dann bedeutet das auch heute noch: Nicht stehen bleiben bei alten Gewohnheiten und liebgewordenen Vorstellungen. Wenn die Sache mit Gott klappen soll, heißt das: Sich aus der Masse lösen, losgehen und Veränderungen auf sich nehmen.....
Genau das meinte Martin Luther mit "semper reformanda", d.h. auf deutsch: Du höchstpersönlich, wie auch die Kirche müssen sich ständig verändern, zu einer fortgehenden endlosen Reformation bereit sein, wenn wir nicht verkrusten und verkalken wollen. Ein lebendiger Glaube muß wie das Wasser eines Sees ständig in Bewegung sein, sonst wirds Brackwasser, fauliges, ungenießbares Wasser.
Liebe Gemeinde, da muß sich bei uns etwas bewegen. Der alte Schlendrian oder die Resignation mit einer "Da-läßt-sich-nichts-machen-"Haltung ändert ja nichts.
Vor einiger Zeit las uns im Worpsweder Rathaus die wohl bedeutendste Dichterin der Gegenwart, Hilde Domin, ein Gedicht vor, dessen Beginn unsere hier heute morgen zu verhandelnde Sache auf den Punkt bringt: "Man muß weggehen können. ..." Dieses Weggehen-können nimmt eigentlich das Wort von Jesus auf: "Geht hin in alle Welt! Laßt euch als Botschafter Christi senden!"
Es heißt ja eben nicht: Bleibt sitzen! Auch nicht: Macht's Euch bequem und laßt euch in der Kirche im wohligen Stallmief bedienen und füttern wie jene Gänse, von denen ein so kluger Religionsphilosoph wie Sören Kierkegaard erzählt, erzählt mit Ironie und tieferer Bedeutung:
"Die Christen leben wie Gänse auf einem Hof. An jedem siebten Tag wird eine Parade abgehalten, und der beredsamste Gänserich steht auf einem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten, und lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab.
Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den beredten Gänserich.
Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht: Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut und der Hof ist sicher."
Liebe Gemeinde, gleichen wir nicht weithin diesen flügellahmen Gänsen? Es ist doch wohl so: Vielen Gemeinden gelingt der Schritt von der Sammlung zur Sendung nicht. Sie erwerben keine missionarische Kompetenz und Sendungstüchtigkeit. Sie gleichen Gänsen, die eigentlich zum Fliegen berufen sind. Aber weil sie ihre "Gaben-Flügel" nicht entfalten, weil sie ihre verschiedenen Begabungen, die auch andere zum Mitmachen beflügeln, nicht trainieren, bleiben sie fluguntüchtig.
Der selbstkritische lutherische Christ Kierkegaard aus Kopenhagen weist treffsicher mit seiner Gänse-Geschichte nach, daß "etwas faul ist im Staate Dänemark" und nicht nur dort! Auch in Deutschland, wo viel zu viele Zeitgenossen die Kirche in erster Linie als Dienstleistungsbetrieb ansehen. Da soll ich bedient werden nach rneinen persönlichen Wünschen und Bedürfnissen. Da erwarte ich wie alle "Vierrad-Christen,"die mit dem Auto zur Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung kommen, einen Service für feierliche "events". Dazu lassen sich wackere, häusliche, unbescholtene Leute bedienen mit einer Predigt, die möglichst nicht unter die Haut gehen darf, sondern wo einen die Dienstleiter - sprich Pastoren - mit dem füttern, "wonach einem die Ohren jucken". So O-Ton Martin Luther.
Nicht nur Luther und Kierkegaard, immer wieder haben kritische Theologen von Augustinus bis Heinz Zahrnt vor einem Christentum im Sitzen gewarnt. Wenn wir ein Christentum im Sitzen kultivieren, dann laufen wir Gefahr, mit einer unverbindlichen Beliebigkeit uns wie flügellahme, satte Gänse zu verhalten, die sich ganz beliebig nach dem Motto bedienen lassen mit: Wie hätten Sie's denn gern?
Aber hat Jesus diese Kirche gewollt? Wenn Kirche nach allen Seiten so flüssig im "mainstream" des augenblicklich herrschenden Zeitgeistes mitschwimmt und allen möglichen Meinungsgruppen so flüssig nach dem Munde redet - um bloß keine Kundschaft zu verlieren, dann ist sie sehr bald überflüssig. Eine Kirche, die nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht.
Wer der Kirche angehört, muß wissen, daß er und sie vor Gott und den Menschen verantwortlich leben müssen und daß es in bestimmten Lebensfragen Grenzen gibt - keine offenen Grenzen - sondern klare Grenzen, die uns die Gebote Gottes setzen, über die wir uns nicht hinwegsetzen dürfen. Ohne Wenn und Aber heißt es z. B. bei der aktiven Sterbehilfe und Euthanasie klar und eindeutig bei Gottes Gebot: "Du sollst nicht ... !" Also: "Du sollst nicht töten!"
Weder Gott noch Jesus reden uns im Konjunktiv an mit: könnte, würde, hätte, möchte .... Sondern da wird im lmperativ, in der Befehlsform gesprochen: "Du sollst...". So auch bei Jesus: "Geht hin! Verkündigt die Heilsbotschaft der gesamten Schöpfung!" In der Sprache der Theologen heißt das "Missionsbefehl". Liebe Gemeinde, dafür ist Gott doch Gott, dafür ist Jesus Christus der Herr der Kirche, dafür weht der Heilige Geist ungehindert dort, wo er will und nicht, wo wir das wollen. Dafür gibt es die Dreifaltigkeit - Gottvater - Sohn Christus und Heiliger Geist -, daß die Dreifaltigkeit uns nicht danach fragt, ob sie in die Geschichte eines Volkes eingreifen darf. Gott hat eine Menge Wege, sich zu Wort zu melden.
Da ist es doch ein primitiver Trugschluß, wenn jemand sagt: "Weil ich die Trinität von Gott-Christus und Geist nicht kapiere, gibt es sie nicht. Weil ich nicht an Gott glaube, deswegen hat er auch kein Recht, sich zu melden!" Und eines Tages meldet er sich. Das ist eine der vielen Funktionen, die das Gericht im Leben der Völker hat. Weder die Gottlosigkeit der Nazis noch der Kommunisten haben Gott zum Schweigen bringen können, haben die Kirche vernichten können. Da ist gerade dann die Kirche nötig, die Menschen gegenseitig davor zu bewahren, in Fanatismus und Rechthaberei zu verfallen. Denn: In einer richtigen Gemeinschaft von wissenschaftlich ausgebildeten Theologen und Pastoren und dazu den aktiven Laien muß es eine von Menschen organisierte Kirche geben, die das Christwerden mit heiliger Nüchternheit und einen gläubigen Realismus begleitet. Wo alle sich darin einig sind, ihr Denken und Handeln nach dem Wort Jesu zu orientieren, da ist wahre Kirche. Eine Kirche ohne Glauben an den gegenwärtigen Christus richtet sich selbst, wenn sie diesen Glauben nicht in helfende Liebe und in verwegene Hoffnung umsetzt. Nur dort bleibt die Kirche lebendig, wo sie "Früchte" hervorbringt, Früchte, an denen man - wie Christus sagt, - ihn selbst erkennen kann. Wir richten uns daher selbst, wenn wir uns hier verweigern. Sensationell ist dabei, wie diese so menschlich - allzumenschlich organisierte Kirche existiert:
Was keine gut gehende Firma, keine Behörde, kein Berufsverband und keine Partei sich erlauben kann, das riskiert Jesus. Er erlaubt es sich, unfähige, oft untaugliche, unwürdige Leute als seine Mitarbeiter zu engagieren. Weder gute Zeugnisse noch Altersbegrenzung; weder Titel noch die Hautfarbe spielen bei Jesus eine Rolle, wenn der Missionsbefehl lautet, "Geht hin in alle Welt und verkündigt die Heilsbotschaft der ganzen Schöpfung!" Und das gilt für alle Christenmenschen, die begriffen haben, daß sie nicht im eigenen Namen der ungläubigen, nicht sehenden Welt die Augen öffnen sollen, die Augen öffnen dafür, was für Inhalte die Heilsbotschaft zur Orientierung von oben her für das Leben ganz unten gewährt.
Wenn wir alle uns so als Gottes Boten bewähren wollen, dürfen wir bei der Weitergabe der biblischen Botschaft uns nicht ganz so dumm anstellen. Christen und Christinnen müssen, wenn sie Ostern hinter sich haben, von Karfreitag und Ostern, den höchsten christlichen Feiertagen, etwas mehr wissen als den Tünkram von Osterhasen und Ostereiern. Ich muß doch in unserer deutschen religiös ausgehungerten Öffentlichkeit schlichtweg wissen, was ich glaube und was ich nicht glaube.
Gerade heute, wo so viele ahnungslos und orientierungslos sind und dennoch insgeheim danach hungern, von uns klare Auskunft über den Glauben zu bekommen, da ist entscheidend wichtig, der Welt zu zeigen, auf welcher Grundlage unser Glaube beruht.
Für das Weitergeben der Heilsbotschaft, zu der uns alle der auferstandene Jesus Christus mit Wort und Tat beauftragt hat, gibt's in der Welt Grund genug.
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