"Unser Daniel war in letzter Zeit oft krank. Mumps, hohes Fieber und schließlich Windpocken waren für den Siebenjährigen, der so längere Zeit das Bett hüten musste, eine Geduldsprobe.

    Als Daniel wieder zur Schule ging, fiel mir auf, dass er mir öfters sagte: "Könntest du mir etwas Süßes mitbringen, wenn du einkaufen gehst?" Meist brachte ich ihm etwas mit und wehe, wenn ich es vergaß!

    Bald stellte ich fest, dass Daniel immer dann nach Süßigkeiten verlangte, wenn er müde von der Schule nach Hause kam, unglücklich war oder gerade niemanden zum Spielen hatte. Natürlich brauchen Kinder hin und wieder etwas Süßes, aber ich spürte allzu deutlich, dass Daniel eigentlich etwas anderes nötig hätte.

    Oft verlange ich von meinen Kindern Gehorsam aus eigener Angst: "Wenn ich ihm das durchgehen lasse, was wird dann aus ihm?" Wenn ich mich so darauf fixiere, die Kinder perfekt zu erziehen, arbeite ich zwar an mir selbst und merke nicht, wieviel wichtiger es wäre, Daniel mein Herz, das heißt auch meine Zeit zu schenken. Als mir das bewußt wurde, war ich sehr betroffen!

    Schon in der ersten Klasse kam Daniel einige Male erst nach fünf Stunden nach Hause. Dann nahm ich ihn auf den Schoß, liebkoste ihn und sagte ihm, wie froh ich wäre, dass er wieder zu Hause sei, statt ihm sofort zu sagen: "Ranzen auf den Platz, Schuhe in den Schrank, Mantel auf den Haken!" Wenn ich mich aber ihm liebevoll zuwendete, schaffte er es nachher viel besser aufzuräumen, und - wenn nicht - gelang es mir viel freundlicher zu sagen: "Sieh mal, wenn deine Schuhe mitten im Weg liegen, fällt die Mama ja darüber".

    Seitdem ich mich so verhalte, merke ich, dass das Verlangen nach was Süßem bei ihm seitdem so gut wie verschwunden ist!   M.R."