„Bruno hat Silberhochzeit! Er hat unsere ganze alte Clique zu sich nach Otterndorf eingeladen. Ich soll dich fragen, ob du Musik mitbringen kannst.“
„ Meine Anlage? Hat der keine gescheite Anlage?“
„Schon. Aber du kennst doch Bruno und die Technik. Wenn der seine Anlage abbaut und in den Garten bringt, bekommt er die nie zum Laufen! Du sollst auch die ganzen alten Scheiben mitbringen. Er will wohl seine weiße Hochzeit aufleben lassen. Wenn das so wird wie vor 25 Jahren, oh Mann! Aspirin bring ich dann mit.“
Das ist ein handfestes Argument. Zwei Wochen später hocke ich unter einem Baum, bei gemütlichen 28 Grad, und sorge für die musikalische Untermalung. Ich muss nicht viel tun, die CD`s laufen von allein. Es ist schön, die alten Kumpel wieder einmal zu sehen, über die Geschichten von damals zu grölen. Lachtränen und Schenkelklopper. Erleichtert stelle ich fest, dass nicht nur ich wieder solo bin. Meine Befürchtung, unter lauter Paaren zu hocken, war unbegründet.
Nun kommt sie schon wieder zu mir, fragt, ob ich etwas trinken will, ob sie mir Kuchen holen soll. Bisher ist es mir geglückt, freundlich auf die noch fast gefüllte Wasserflasche zu deuten und Kuchen mag ich nicht, ich warte, bis der Grill angeworfen wird.
„Ich kann dir auch ein Clausthaler bringen, “ bietet sie das alkoholfreie Bier und gleichzeitig irgendwie sich an. Ein weiterer Knopf ihrer Bluse steht jetzt offen und wenn sie sich zu mir beugt, habe ich das Gefühl, sie steht fast in mir.
„Ich habe alles, was ich brauche. Die Jungs da drüben sind aber noch nicht versorgt, “ wimmle ich sie ab.
Hat je eine Frau auf mich gehört?
„Was hast du denn alles an Musik dabei?“ Sie beugt sich noch weiter vor um die Titel zu lesen.
„Alles Lieder aus einer Zeit, da warst du noch nicht geboren! Hast du eigentlich deine Hausaufgaben schon gemacht?“
„Hausaufgaben? Ich muss keine Hausaufgaben mehr machen, ich bin siebzehn!“
„Das ist toll! Noch viel besser wäre, du hättest dreißig Jahre mehr auf dem Buckel, “ werde ich deutlicher.
„Himmel! Dann wäre ich ja siebenundvierzig, “ rechnet das Blondchen erstaunlich schnell.
„Das ist ein tolles Alter, fünfzig ist noch besser! In dem Alter muss man dann auch nicht mehr fürchten, Kopien von dir zu fabrizieren!“
Hat sie das jetzt nicht kapiert? Statt zu maulen geht sie grinsend weg, steht aber wenige Sekunden später wieder vor mir.
„Willst du Eiswürfel für dein Wasser?“
„Weiß deine Mutter eigentlich, dass du hier im Akkord bedienst? Das ist Kinderarbeit, lass das doch die Mami machen!“
Ich habe das Gefühl, die Leute gucken schon zu uns rüber. Der olle Bock und die Lolita. Nein, danach steht mir gar nicht der Sinn. Die Kleine ist wirklich hübsch, doch reizen könnte mich so ein Kind nie.
„Bitte sehr!“
Eine Hand hält mir einen Eiskugelbeutel vor die Nase. Hat die denn immer noch nicht verstanden, dass ich kein Interesse habe? Leicht genervt hole ich tief Luft für eine recht deutliche Abfuhr. Die bleibt mir im Halse stecken. Liegt das jetzt daran, dass die Kleine tatsächlich auf mich gehört hat oder doch an dem Blick, der mich fragend mustert? Hier ist keine Erklärung nötig, dies ist die Generation vor der kleinen Nervensäge.
Gerade läuft im Hintergrund Musik, die ich gar nicht mitgebracht habe…Kiss..I was made for loving you, Baby, you was made for loving me…tonight! Die Göre sitzt vor meiner Anlage, wühlt in den CD`s.
Lukas, der Sohn des Silberpaares ist bei ihr. Der hat mit zwölf Jahren schon Computer repariert. Wenn er dabei ist, muss ich nicht fürchten, dass ich ein Terrarium vorfinde, wenn ich gleich dort hin gehe.
Die Dielenbretter, zur Tanzfläche verbunden, sind restlos besetzt. Jemand hat tatsächlich das alte Schild von damals mitgebracht.
„ Danz op de Deel“
Ihr Blick geht zu einer etwas seitlich gelegenen Fläche aus Wegplatten. Hier steht sonst eine Bank mit Tisch und Stühlen. Wortlos und uns immer noch fixierend gehen wir zu diesem Platz. Can`t you see the witch by my side? Langsam beginnt sie sich im Takt der Musik zu wiegen, macht Tanzschritte. Wir tanzen Fox, Cha Cha Cha, Boogie, alles, ohne uns zu berühren. Ich weiß nicht, ob wir Boxern ähneln, die sich abschätzen oder Haie sind, die eine Beute umkreisen. Bin ich Hai, bin ich die Beute?
Die Nervensäge kommt und bringt einen großen Teller voll gegrillter Köstlichkeiten, immer jeweils zwei davon, dazu zwei Brötchen, zwei Kleckse Senf, zwei Kleckse Ketchup. Ihre Mundwinkel berühren sich fast in ihrem Nacken als sie uns ermahnt, brav zu teilen.
Ernsthaft ist ihr Gesicht dann, sie flüstert der Frau Mama etwas ins Ohr, die mich daraufhin forschend ansieht. Wir teilen gehorsam das Fleisch und ich spüre die Hitze des Tages in mir aufsteigen, obwohl es längst Abend ist. Das liegt bestimmt nicht daran, dass sie gerade genüsslich eine dicke gegrillte Bockwurst in ihren Mund schiebt. Sie deutet auf meinen Klecks unberührten Ketchup und bietet mir im Tausch an, mein Würstchen in ihren Senf zu tauchen, wobei ihr Blick die Unschuld eines neugeborenen Zwergkaninchens inne hat. Erst mein Grinsen zeigt ihr, wie ich das gern (miss)verstehen würde.
Ihre Mundwinkel zucken etwas und in ihren Augen tanzen tausend kleine Teufelchen. Oh, diesen Blick durfte ich doch schon beim Töchterchen bewundern. Den hat die Kleine schon gut drauf. Die offene Bluse ist nicht abgeguckt. Mamis Bluse ist fast bis oben hin geschlossen. Sie muss mich auf ihre Weiblichkeit nicht hinweisen, ihre Erfahrung sagt ihr, dass ich auch über dem Stoff erkenne, welches Volumen darunter ist. Sie weiß, dass sie lockt, die Versuchung pur ist.
If not you, haucht Dr. Hook aus den Lautsprechern, ihre Stirn liegt plötzlich an meiner, unsere Hände berühren sich, Finger, die sich wie beim katholischen Gebet in meine flechten. Bob Marley singt. Mit geschlossenen Augen, sich mal mit wippenden Knien gleich Schilf wiegend, mal die kleinen Sprünge der Rastamen machend, scheint sie wie in Trance, einen Zustand, in den ich auch fallen werde, wenn ihr Duft mir weiter das Hirn vernebelt und ich nicht schleunigst die Kurve bekomme.
„Ich muss gehen, “ flüstere ich mit einer Stimme, die nicht wie meine klingt. Kurz öffnet sie die Augen und ein wehmütiges Lächeln begleitet mich auf den ersten Schritten von ihr weg, bevor sie mir den Rücken zukehrt und einfach weiter tanzt.
Auf der Autobahn nehmen die Reifen einen seltsamen Rhythmus auf. Tatatamm, Tatatamm! Im Radio spielt man Reggae. Die Reifen übertönen die Klänge, es klingt jetzt etwas anders. Idiot, Idiot, Idiot!
Früh am Morgen, ich will gerade meine Anlage abbauen, kommt die Kleine zu mir gerannt.
„Du hast meine Mutter zum Weinen gebracht!“ Ihre Wut ist deutlich zu sehen. Frauen verteidigen ihre Kinder bis aufs Blut, das ist mir klar, doch umgekehrt?
„Ich habe doch gar nichts getan!“
„Eben! Du Idiot!“
Woher kennt das Kind meine Reifen?
