Ilse wohnte seit ihrer Geburt in der Siedlung und die lag 72 Jahre zurück.
Vom Fenster ihrer Wohnung konnte sie auf ihr Elternhaus blicken. Dort wohnten jetzt junge Leute mit zwei Kindern. Ihre Wohnung hatte sie seit 54 Jahren. Damals war sie frisch verheiratet mit ihrem Egon hier eingezogen. Der war nun auch schon sieben Jahre tot
.Ilse hatte als Witwe eines Steigers ihr Auskommen, fuhr immer noch gut Auto und an Freunden mangelte es auch nicht, obwohl die Reihen sich immer mehr lichteten.
Irgendwie fühlte sie es…oder besser, sie fühlte es nicht, denn das, was sie wollte, waren Gefühle. Für jemanden da sein, ein Lächeln am Morgen, ein liebes Wort vorm Zubettgehen
.Auf der Goldenen Hochzeit von Geigers sah sie ihn zum ersten Mal allein. Früher war er immer mit einer kleinen, zierlichen Frau im Supermarkt zum Einkauf gegangen. Nun war er auch Witwer, schon vier Jahre, wie Frau Geiger wusste.
Herr Geiger hatte mit Viktor zusammen in einer Schreinerei gearbeitet und der Kontakt brach auch im Rentenalter nicht ab. Die Männer trafen sich oft beim Arzt, denn beide waren Diabetiker.
Am Buffet stand Viktor etwas unsicher mit seinem Teller vor all den Herrlichkeiten.
„Na, Viktor, kannst du dich nicht entscheiden, auf was du Hunger hast?“
Der Goldbräutigam klopfte ihm auf die Schulter und zeigte auf den Kartoffelsalat.
„Der ist extra mit Joghurt statt mit Majo und es ist Schlangengurke drin und Radieschen, dann merkt man die fehlende Fleischwurst nicht so, “ ulkte er und gab zwei Löffel voll auf seinen Teller.
„Das mit den Broteinheiten geht mir so auf den Sender! Wenn ich nach Sofies Rezepten koche, kommt das hin, doch sobald ich außer Haus essen gehe, komme ich in den roten Bereich, “ gab Viktor zu und lächelte schwach.
Als Viktor allein am Buffet stand, ging seine Hand zum Waldorfsalat. Ilse sah das und wollte ihm abraten doch eine innere Stimme sagte ihr
„Du dummes Huhn! Was soll er denken, wenn du ihn einfach so ansprichst? Sieht ja aus, als suchtest du Anschluss!“
Ilse nahm also ihren vollen Teller, setzte sich an einen der Tische und schlemmte gemütlich. Nachtisch passte bestimmt noch in ihren Bauch und wie der Teufel es wollte, stand sie wieder neben dem ratlosen Viktor. Der bediente sich gerade an der Creme au Chocolate. Ilse wollte ihm sagen, dass der Wackelpudding extra von Frau Geiger aus ungesüßtem Fruchtsaft gemacht worden war, weil der Hausherr an seinem Jubeltag auch naschen sollte, doch da war wieder diese innere Stimme.
„Was soll er denken, wenn du dich in seinen Diätplan einmischt? Geht dich das was an, du dummes Huhn?“
Der Hausherr eröffnete mit seiner Frau den Tanz.
„Viktor, schwing auch das Tanzbein, da verbrauchst du den Zucker, den wir zu viel gefuttert haben, “ rief sein Kollege fröhlich und drehte seine Frau im Kreis.
Viktors Fuß wippte im Takt und auch Ilse hätte gern getanzt. Es gab sogar eine Damenwahl, doch als Ilse auch nur den Bruchteil einer Sekunde überlegte, ob sie vielleicht…..
„Du dummes Huhn! Was soll er von dir halten, wenn du dich an ihn ranmachst? Wenn er tanzen will, kann er dich fragen!“
Die Tatsache, dass sie hinter ihm stand und er ihren im Takt nickenden Kopf gar nicht bemerken konnte, übersah sie.
Später tanzte Viktor mit der Goldbraut und er machte dabei eine verdammt gute Figur. Sie träumte sich in seine Arme und bekam Sehnsucht.
Es wurde spät und Viktor bat Herrn Geiger, ihm ein Taxi zu rufen.
„Taxi? Ist denn hier niemand, der in deine Richtung fährt? Du wohnst doch jetzt in der Breck-Siedlung, oder?“
Ilse hörte die Worte, meldete sich aber nicht, obwohl sie an der Siedlung vorbei fahren musste, um zu ihrer Wohnung zu kommen.
„Du dummes Huhn! Was soll er denn von dir halten, wenn du ihn in dein Auto einlädst?“
Zwei Tage später traf sie ihn beim Einkauf. Das, was in seinem Wagen lag, war wenig geeignet für Diabetiker. Als Diätassistentin kannte sie sich da bestens aus. Sollte sie ihm das sagen?
„Du dummes Huhn! Wenn er mit dir reden will, kann er dich ja ansprechen!“
Zwei Wochen später rief Frau Geiger an. Sie plante einen Ausflug auf einem der Schiffe der weißen Flotte, ob Ilse sich nicht anschließen wolle, es fehle noch eine Frau, da Viktor mitkäme.
„Du dummes Huhn! Was soll er denken, wenn du dich so offensichtlich verkuppeln lässt?“
Mit einer Ausrede sagte sie ab.
Als sie seinen Namen bei den Todesanzeigen las, wurde ihr fast übel. Sie rief ihre Tochter in Amerika an, obwohl es dort sehr spät am Abend war. Sie erzählte alles ihrem Kind, die Gedanken, die sie hatte, die verpassten Gelegenheiten.
„Ach Annemirl, was soll ich tun?“
Die Tochter riet ihr„Du bist keine zwanzig mehr! Wie deutlich soll das Schicksal denn noch sprechen? Wenn sich eine Gelegenheit bietet, schiebe die negativen Gedanken fort und handele…du dumme Gans!“
„Nein, Annemirl, eigentlich dummes Huhn, doch ich gebe zu, das reicht nicht…ich bin eine dumme Gans, die ist größer!“
