Wir waren damals noch junge Burschen. Die meiste Freizeit verbrachte ich mit meinem Freund, mit dem ich mich gut verstand, denn wir hatten viele gleiche Interessen, vor allem auch solche technischer Art.
Trotz allem Negativen, das wir als Kinder durch den Krieg schon erfahren hatten, kamen doch eine Menge Ereignisse der Nachkriegsjahre unserem Bedürfnis nach Abenteuern entgegen. Es war halt viel los! Die Besatzungssoldaten, bei uns waren es die Amerikaner, entpuppten sich oft privat als Pfundskerle, die von ihren Familien getrennt waren und sich einsam fühlten, aber die auch Mitleid hatten mit der hungernden und von den Nazis so geschundenen Bevölkerung. Aber nicht alle waren so.
Zu den schon erwähnten abenteuerlichen Ereignissen für uns Jungen zählten die Möglichkeiten, aus den noch herumstehenden und noch nicht entsorgten Kriegsmaterialien Geräte und Teile auszubauen und selbst zu verwenden. Für Kupfer bekam man zum Beispiel viel Geld. Das alles war natürlich strengstens verboten, allein schon wegen der Gefahr, mit Munition in Berührung zu kommen. In der Hinsicht haben wir durchaus ganz gefährliche Sachen gemacht. Ich erinnere mich, dass wir gefundene Granaten im Schraubstock auseinander bauten, um an das Pulver zu kommen, womit man wiederum eine Menge dummes Zeugs anstellen konnte. Davon merkten aber unsere Eltern nichts, und Gott sei Dank ist uns nie etwas passiert.
Nun wußten wir von einem deutschen Flugzeug, das die deutsche Wehrmacht fast ganz unversehrt stehen gelassen hatte. Es waren nur die Reifen durchschossen worden, und es stand mitten im Wald am Beginn einer künstlich herausgerodeten Flugschneise. Ich überredete meinen Freund, zusammen mit unseren Fahrrädern hinzufahren, um eine Menge Gerätschaften auszubauen, denn wie schon gesagt, man bekam für Kupfer und Messing gutes Geld.
Also fuhren wir schon ganz früh mit unseren Rädern los, weil wir annahmen, dass so früh noch kein Wachpersonal am Flugzeug sein würde.
An der Maschine selbst merkten wir, dass der Einstieg ziemlich hoch war, und wir mußten kräftige Klimmzüge machen, um da überhaupt hineinzukommen. Wir haben eine Menge Zeugs ausgebaut, Batterien zum Beispiel und alle möglichen Armaturen, die man als Messinstrumente auch sonst verwenden konnte. Dann fanden wir noch Isolierplatten aus Gummi, die man ganz hervorragend als Schuhsohlen gebrauchen konnte. Auch die bauten wir aus. Die Munition der Bord-MG's war allerdings schon weggeräumt worden.
Über Schleichwege mitten durch den Wald kamen wir glücklich wieder nach Hause. Ich brachte meine Schätze gleich auf den Boden, womit ich dann in den nächsten Tagen viel herum experimentierte. Mit all diesen Dingen kam ich mir so reich vor wie König, denn der Krieg hatte uns alle arm gemacht!
Aber nach einer Woche juckte uns wieder das Fell, und wir machten eine zweite Fahrt zum Flugzeug. Wieder stiegen wir auf komplizierte Weise von unten in die Luke und gingen sofort mit Schraubenziehern und Zangen an die weitere Demontage der Flugzeugarmaturen.
Plötzlich hörte ich einen Pfiff meines Freundes, der am Heck der Maschine zugange war. Er zeigte aufgeregt in eine Richtung, von wo man jetzt einen Jeep mitten durch den Wald fahren sah, direkt auf uns zu.
Zum Weglaufen war es schon zu spät, denn so schnell kamen wir noch nicht mal aus dem Flugzeug heraus. Der Jeep hielt direkt neben der Maschine, ich hörte scharfe Kommandos, und die vier uniformierten Besatzungssoldaten, darunter ein Schwarzer, umzingelten uns direkt mit angelegten Maschinenpistolen. Einer schrie uns an, aber wir verstanden nichts. Dann packte er uns am Nacken und zwang uns, sich flach auf den Boden zu legen. Er tastete uns nach Waffen ab und schrie weiter auf uns ein, aber wir verstanden immer noch nichts.
Während uns die drei anderen weiter mit ihren MP's bedrohten, ging der vierte, der wohl der ranghöchste war, zu unseren beiden Fahrrädern und lud sie auf den Jeep. Dann kam er wieder zu uns und trat uns ein paar Mal in die Seite, bedeutete uns aufzustehen und machte ein Zeichen, dass wir schnell verschwinden sollten. Wir rannen wirklich im Laufschritt weg voller Angst, ob uns nicht in den Rücken geschossen wurde.
Dann brauchten wir viele Stunden, bis wir zu Fuß wieder zu Hause waren. Unterwegs kamen uns auch die Tränen wegen des Verlustes der Fahrräder, denn die waren damals sehr kostbar und nicht so schnell wieder zu ersetzen.
Meiner Mutter habe ich dann alles erzählt. Sie hat überhaupt nicht geschimpft, und es war ihr sichtlich anzumerken, dass sie heilfroh war, dass alles noch so gut abgelaufen war. Mein Freund jedoch kam zu Hause nicht so glimpflich davon. Er mußte sich von seinen Eltern eine kräftige Standpauke anhören!
Das Flugzeug - Jugenderinnerungen
Diese Geschichte liegt schon weit zurück. Sie passierte nach dem letzten Krieg. Bei manchen von euch wird diese Erzählung vielleicht noch eigene Erinnerungen wachrufen...
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